• Kolumne
  • Ach du meine Tasse!

    Luise Mosig

    Der Hype um die limitierte Leipziger Weihnachtsmarkt-Tasse mit Schnatterinchen-Motiv ist so groß wie nie zu vor. Kolumnistin Luise hat zufällig eine ergattert und hütet nun einen Schatz wider Willen.

    Die BILD, die Hannoversche Allgemeine Zeitung, die Mitteldeutsche Zeitung – alle haben darüber berichtet. Die Leipziger Volkszeitung (LVZ) hat bisher vier Artikel zum Thema gebracht, und ausnahmsweise geht es nicht um das neue Katzencafé. (Wow, du wusstest noch nicht, dass es in Leipzig seit September ein Katzencafé gibt? Mit echten Katzen zum Anfassen? Dann hast du in den letzten Monaten wohl in einer Höhle im madagassischen Dschungel gelebt. Obwohl – selbst dort gibt es dank eines riesigen Untersee-Glasfaserkabels schnelleres Internet als in Deutschland.)

    Das aktuelle Lieblingsthema der mitteldeutschen Medien ist eine Keramiktasse mit Schnatterinchen-Motiv, die diesjährige Sonderedition des Leipziger Weihnachtsmarktes. Der Becher mit der Puppenfigur aus dem DDR-Kinderfernsehen ist laut LVZ so beliebt, dass er „für bis zu 80 Euro auf der Verkaufsplattform Ebay-Kleinanzeigen angeboten wird“.

    Kolumnistin Luise braucht keine Bitcoins oder Aktien, sie hat eine Tasse.

    Alle 10.000 Exemplare der begehrten Tasse sind laut LVZ bereits im Umlauf. Wer keine abbekommen hat, macht seinem Ärger in der Facebook-Kommentarspalte Luft. Dort kommt es hart auf hart: weinende Kinder, wütende Eltern, Wegbeschreibungen zu Ständen, die die Tasse Gerüchten zufolge noch ausgeben. Glückliche Sammler posten Selfies mit ihren Tassen und ernten Wutsmileys. „Morgen bekomm ich hoffentlich endlich eine für meine Prinzessin“, schreibt eine verzweifelte Mutter. Dass die Tassen bereits am Eröffnungstag schwer zu bekommen sind, sei „eine Sauerei“, kommentiert eine andere Nutzerin. Wenn es um limitierte Retro-Tassen geht, verstehen die Leipziger keinen Spaß.

    Als ich die ersten Artikel über den Tassen-Hype las, dämmerte es mir. Denn ich gehöre eher zufällig zu den 10.000 Leipzigern, die eine Schnatterinchen-Tasse besitzen. Und das kam so: Am Eröffnungstag des Weihnachtsmarktes verabredete ich mich spontan mit einer Kommilitonin auf einen Glühwein vor der Vorlesung. Sie wollte eine der limitierten Tassen ergattern und so stellten wir uns brav an einem Stand an und warteten, während Burkhard Jung seine nicht enden wollende Eröffnungsrede hielt. Hinter uns reihte sich eine Mutter ein, die ihre quengelnde, frierende Tochter ganz heiß auf die Tasse machte. Begleitet von „Aaahs“ und „Ooohs“ erstrahlte die Tanne auf dem Markt schließlich zum ersten Mal und wir bestellten zwei Glühwein, „aber bitte in den Kindertassen!“. So gingen wir leicht beschwipst, unsere Tassen fest in der Hand, in die Uni.

    Seitdem lächelt mir Schnattchen jeden Morgen nach dem Aufwachen verschmitzt vom Bücherregal zu. Sicherheitshalber habe ich das Objekt der Begierde nämlich in meinem Zimmer gebunkert – wer weiß, auf welche Ideen meine Mitbewohner kommen. So eine Tasse geht ja beim Spülmaschine-Ausräumen auch schnell mal kaputt. Abgesehen davon sollte man das gute Stück doch besser per Hand abwaschen, diese Tabs können unglaublich aggressiv sein.

    Im heimischen Bücherregal ist das Objekt der Begierde gut versteckt und sicher vor Mitbewohnern.

    Ich bekomme bestimmt erst im Februar meine BAföG-Nachzahlung, weil ich meinen Antrag viel zu spät gestellt habe. Sorgen um meinen Kontostand mache ich mir aber nicht, denn ich habe ja meine Schnatterinchen-Tasse im Regal stehen. So muss sich Mark Zuckerberg in seinem Harvard-Wohnheimzimmer gefühlt haben, als er die ersten Angebote in Millionenhöhe für Facebook ablehnte.

    Apropos Facebook: Ein Kommentar unter einem der vielen LVZ-Artikel ist mir in Erinnerung geblieben. „Der Hype ging leider erst los, als ihr drüber berichtet habt, liebe LVZ…letztes Jahr gab es genug Pittiplatsch-Tassen.“ Ups.

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