• Leipzig
  • Im Osten was Neues

    Hanna Lohoff

    Leipzig wird als Ausgangspunkt für ostdeutsche Berichterstattung immer beliebter. Überregionale Zeitungen zieht es ebenso hierher wie Startups. Was macht die Stadt als Medienstandort so attraktiv?

    Hoch hinaus ragt er in den grauen Herbstnebel und prägt das Bild der Stadt. Ganz oben, auf 120 Metern Höhe, prangen drei Buchstaben in Richtung Himmel. Die Wörter Medienstandort und Mitteldeutscher Rundfunk fallen in Leipzig oft in einem Atemzug. Doch die Berichterstattung aus dem Osten über den Osten hat in letzter Zeit zunehmend an Relevanz und somit auch an Vielfalt gewonnen. Viele Redaktionen berichten verstärkt über die neuen Bundesländer – und zwar nicht aus Dresden, Magdeburg oder Halle, sondern eben aus Leipzig. Das prominenteste Beispiel ist das Büro der ZEIT im Osten. Die dreiköpfige Redaktion produziert drei Seiten als regionale Beilage für die Wochenzeitung DIE ZEIT. Vor zwei Jahren ist das Team aus der Landeshauptstadt Dresden nach Leipzig gezogen. „Von hier aus ist der ganze Osten gut zu erreichen. Doch auch inhaltlich spricht vieles für Leipzig. In Dresden neigt man manchmal dazu, zu vergessen, dass der Osten mehr ist als nur Sachsen. In Leipzig fällt es leichter, ganz Ostdeutschland in den Blick zu nehmen“, erklärt Martin Machowecz, Leiter des Büros in Plagwitz, diesen Schritt.

    Auch die Süddeutsche Zeitung hat mit Ulrike Nimz seit Anfang des Jahres eine Reporterin, die von Leipzig aus berichtet. Nimz übernahm die Korrespondenz für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen von ihrem Kollegen Cornelius Pollmer, der zuvor von Dresden aus arbeitete. Der Wechsel habe zwar eher private Gründe gehabt, die zentrale Lage Leipzigs hebt jedoch auch Nimz als Pluspunkt für die Stadt hervor.

    Der Blick auf Ostdeutschland

    Josa Mania-Schlegel vom Nachrichtenportal Krautreporter Sachsen sieht das ähnlich. Krautreporter habe den Anspruch, über den ganzen Osten zu berichten, was sich von Leipzig aus gut umsetzen ließe. Eine lokale Berichterstattung hält Mania-Schlegel deshalb für wichtig: „Es gibt immer wieder den Vorwurf, dass große Medien nur in den Osten fahren, wenn es dort knallt. Eine Berichterstattung von Leuten, die auch wirklich vor Ort sind, lässt eine differenziertere Beobachtung zu.“  Auch Machowecz von der ZEIT sieht einen gesteigerten Bedarf nach Informationen über den Osten aus erster Hand. Er erklärt diese Aufmerksamkeit mit den Wahlergebnissen der AfD und den PEGIDA-Demonstrationen: „Das Interesse, die gesellschaftlichen und politischen Prozesse im Osten erklärt zu bekommen – von Leuten, die vor Ort sind – wird größer. Zugleich dürfen wir Ost-Korrespondenten aber nicht vergessen, auch die schönen Geschichten zu erzählen; die Geschichten vom Gelingen im Osten.“
    Nimz von der Süddeutschen sieht beim Ausbau der ostdeutschen Berichterstattung noch Handlungsbedarf: „Der Osten hat seit 2015 die Aufmerksamkeit vieler Redaktionen auf sich gezogen. Es gibt jedoch noch immer zu wenig Leute, die vor Ort berichten.“

    Nicht nur als Basis für ostdeutsche Berichterstattung ist Leipzig die erste Wahl. Auch neue Medienprojekte siedeln sich hier an. So etwa das Startup The Buzzard, das seit 2016 in Plagwitz sitzt. Das Online-Portal bündelt für aktuelle Themen verschiedene Perspektiven, sodass sich die Leser*innen wie ein Bussard (engl. „buzzard“) fühlen, der über den Themen fliegt. Die Gründer wurden vom Hype um die Stadt angezogen: „Leipzig hatte den Ruf, ein kleineres Berlin zu sein, mit noch relativ billigen Mieten, coolen Vierteln, Elektroparties, Kunst, Kultur und einer aufsteigenden Startup-Szene“, begründet Felix Friedrich, einer der Gründer, die Standortwahl.

    Leipzig als Ausgangspunkt

    Die Entscheidung, Leipzig als Ausgangspunkt für ostdeutsche Berichterstattung zu wählen, habe sich sowohl für ZEIT im Osten, als auch für das Portal Krautreporter bereits gelohnt. „Es ist zwar noch zu früh, um über Zahlen zu sprechen, jedoch werden die speziellen Ost-Themen bei uns bereits genauso oft geklickt wie bundesweite Themen“, erklärt Mania-Schlegel.

    Über Zahlen spricht die Stadt Leipzig, die gemeinsam mit der HTWK den Bericht zur Medien- und Kreativwirtschaft vorlegte. Demnach umfasste das Cluster im Jahr 2014 insgesamt 4.515 Unternehmen. Nach Angaben des Amts für Wirtschaftsförderung sei die Zahl im Jahr 2017 auf 4.800 gestiegen. Im nationalen Vergleich stehe Leipzig gut da – vor allem im mittel- und ostdeutschen Raum.

    Der Blick auf die drei Landtagswahlen im Osten im kommenden Jahr lässt vermuten, dass sich die ostdeutsche Berichterstattung noch einmal intensivieren wird. Und, dass darüber von Leipzig aus nicht nur der MDR berichten wird. „Dresden ist zwar die Hauptstadt Sachsens, aber Leipzig könnte man vielleicht als eine heimliche Hauptstadt des Ostens bezeichnen“, fasst Machowecz die Vorzüge der Stadt zusammen.

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