• Leipzig
  • Beten auf 15 Quadratmetern

    Sophie Goldau

    Im November 2013 berichtete student! erstmals über den geplanten Moscheebau in Gohlis, doch fünf Jahre später steht noch keine Moschee. Warum ist nichts passiert?

    Die Ankündigung einer Moschee für die Ahmadiyya-Muslim-Jamaat-Gemeinde spaltete 2013 die Stadt Leipzig: Mehr als 10.000 Menschen unterzeichneten damals die Petition der Bürgerinitiative „Gohlis sagt Nein“, als Antwort darauf gründete sich die Gegeninitiative „Leipzig sagt Ja“. Nicht immer sachliche Debatten rückten das Bauvorhaben in das Licht der Öffentlichkeit: Parteien wie die NPD und der Ortsverband Nord der CDU bekannten sich offiziell als Gegner des geplanten Gotteshauses, auf der anderen Seite befürworteten Thomaskirchenpfarrer*in Christian Wolff und Britta Taddiken die Moschee.

    Wer heute einen Blick auf die Kreuzung Georg-Schumann-/Bleichertstraße wirft, stellt fest, dass das Grundstück noch immer unbebaut ist.

    Baugrundstück der Moschee

    Das für die Moschee vorgesehene Baugrundstück in Gohlis ist noch immer unbebaut.

    Umer Malik, Imam und Theologe der Ahmadiyya-Gemeinde Leipzig, erläutert die Situation: „Es gab letztes Jahr in der Prioritätenliste der deutschen Ahmadiyya-Gemeinde des Moscheebaus eine Änderung. Gemeinden mit höheren Mitgliederzahlen werden bevorzugt, da der Bedarf dort größer ist. Daher fällt Leipzig auf der Prioritätenliste zurück, wir sind nur 77 Mitglieder.“ Außerdem müsse jede Gemeinde 90 Prozent der Baukosten selbst tragen, somit sei die Leipziger Gemeinde mit ihrem Budget eingeschränkt. Daher suchen sie jetzt einen großen Spender, der die Kosten des Moscheebaus übernimmt, wie es auch kürzlich der Fall in Erfurt war. „Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir das umsetzen können, aber ich rechne schon mit zwei Jahren bis zum Baubeginn.“

    Momentan hat die Leipziger Gemeinde keinen Versammlungsort und sucht nach Räumen für den Übergang. „Wir haben eine provisorische Vereinbarung mit der Hausverwaltung hier in der Wiederitzscher Straße, dass wir uns freitags zwei Stunden lang mit maximal 15 Personen treffen können zum Gebet. Mehr Menschen lässt der kleine Gebetsraum auch nicht zu.“ Dies ist in Deutschland keine Seltenheit: Hinterhofs-Moscheen und Gebetsräume in Wohnungen erschweren es, die genaue Zahl der Gebetshäuser muslimischer Gemeinden im Land zu bestimmen. 2016 gab es schätzungsweise 150 Moscheen mit Kuppel und Minaretten, so die Göttinger Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus dem Hörfunkprogramm Deutschlandfunk gegenüber. Davon gehören 50 nach eigenen Angaben zu der Ahmadiyya-Muslim-Gemeinschaft. Die Moschee in Gohlis sollte nach Berlin die zweite Ahmadiyya-Moschee in Ostdeutschland werden, durch die Verzögerung geht dieser Status aber nun an Erfurt, wo in diesem Monat der Grundstein gelegt wurde.

    Auf die Frage, ob die Gemeinde immer noch mit Anfeindungen zu kämpfen habe, hat Umer eine klare Antwort: „Ich bin erst seit zwei Monaten hier, habe aber sehr positive Erfahrungen in Leipzig gemacht, insbesondere in Gohlis, da kann ich von keinerlei Fremdenfeindlichkeit sprechen. Heute war ich zum Beispiel beim Nachbarschaftszentrum „Die Tür“ und habe gemerkt, dass der Wille zum Dialog da ist.“ Man müsse einen Kompromiss finden, wie man gemeinsam Ängste abbaut und sich gegenseitig achtet, zum Beispiel durch Ruhezeiten und Feiertage, fügt er hinzu.

    Erneuten Protesten zu Beginn des Moscheebaus sieht der gebürtige Wiesbadener gelassen entgegen. „Jeder hat Versammlungs- und Meinungsfreiheit, ob es dann dazu kommt, wird man sehen. Ich möchte aber betonen, dass gerade in Gohlis die Unterstützung viel größer ist, als der Protest.“

    Moscheebau in Gohlis im November 2013

    Im November 2013 berichtete student! über den schon damals geplanten Moscheebau in Gohlis.

    Sowohl 2014 in Leipzig als auch im vergangenen Jahr in Erfurt fand man als Zeichen des Protests Schweinekadaver und –köpfe auf den Baugrundstücken. Darauf wisse er keine Antwort, gesteht Ulmer. „Pappenheimer gibt es in jeder Gesellschaft und es ist dann wichtig, dass man geduldig ist und den Vorfall an die Polizei weiterleitet.“

    Für diejenigen, die zum Dialog bereit seien, biete die Gemeinde zahlreiche Angebote. „Wir machen Infoveranstaltungen über den Islam, weil wir tagtäglich spüren, dass es da einige Missverständnisse gibt und Aufklärungsbedarf besteht. Wir nutzen die Gelegenheit, indem wir Seminare anbieten, Info-Flyer verteilen und Fragen beantworten.“ Der Theologe und Imam sehe sich auch als Seelsorger und suche daher immer das Gespräch mit allen Mitbürger*innen. Dies komme bei den Leipziger*innen gut an: „Die Veranstaltungen sind gut besucht und wir bekommen immer gutes Feedback.“

    Er verstehe die Ängste der Bürger*innen, nimmt einige Vorurteile aber auch mit Humor. „Oft wird beim Minarett gleich an Eroberung und Islamisierung Deutschlands gedacht und viele denken, da wird dann einer fünfmal am Tag raufklettern und rumschreien.“ Dabei wurde die Gemeinde, die sich mit dem Motto „Liebe für Alle, Hass für Keinen“ als Reformbewegung des Islams sieht, vom Verfassungsschutz geprüft und als unbedenklich eingestuft.

    Auch das Design der Moschee soll schlicht und dem Grundstück entsprechend klein sein. „Es geht nicht darum, einen Koloss zu bauen, sondern einen Ort der Identitätsbildung und der Repräsentation. Hätte ich das Geld, würde ich die Moschee selbst bauen.“

    Fotos: Sophie Goldau

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