• Kolumne
  • Und jetzt das Wetter

    Paul Schuler

    Weil Menschen Kolumnist Paul erzählen wollen, welche Themen sich gut in einer Konversation machen und welche nicht, wettert er diesen Sonntag gegen Rhetoriknörgler und Besserwisser.

    Ich möchte mit euch über das Wetter reden. Oder eher, ich möchte zu euch über das Wetter reden. Was, das langweilt euch? Klingt zu sehr nach belanglosem Smalltalk?
    Aber genau das will ich ja. Kolumnen sind nun mal monologischer Smalltalk in Textform.
    Dennoch werde ich euch auch noch den Belang vor Augen führen und aus dem Small- einen Bigtalk machen.

    Warum gilt das Wetter als langweiliges Gesprächsthema? Es ist überall und alles.
    Wenn ich morgens um eine Uhrzeit, die den meisten Studierenden unbekannt ist, zu meinem Praktikum pendle, beginnt der Tag nicht mit einem Kaffee oder Marmeladenbrot, sondern mit dem Wetter. Schiele ich zwischen den durchwühlten Laken mit verschleiertem Blick durchs Fenster, erkenne ich wie ein mittelmäßiger Wahrsager, wie schlecht mein Tag wird.
    Und wenn ich dann, in der Bahn sitze, kann ich noch den Sonnenaufgang sehen. Ich weide meine Augen an der Schönheit der Feuersbrünste des Morgenhimmels; doch mein Hirn ruft: „Ein Sonnenaufgang für eine Stunde Schlaf!“. Jede Wettererscheinung hat seine Zeit und seinen Preis.

    Das Wetter ist neben Sex (na, Interesse doch geweckt?) einer der wenigen Suchbegriffe bei Google, die statt Wikipedia-Artikeln Direktbeiträge liefern. Auch dies ist nur ein Indiz für die Omnipräsenz des Wetters in unseren Körpern und Köpfen.
    Ältere Herrschaften können jeden Bar Druckabfall fünf Tage im Voraus vorhersagen, andere Menschen beklagen sich regelmäßig über den Vollmond und dessen Einfluss auf ihr Wohlbefinden, als seien sie das Meer und stünden kurz vor Ebbe.
    Jeder zweite Roman beginnt mit: „Es war ein regnerischer Oktoberabend“ und zu jeder Geburt werden nicht nur das Gewicht und die Größe, sondern auch das Wetter genannt.
    Insbesondere der Ausspruch, die Sonne schiene einem aus dem Arsch, zeugt von einer elementaren Wichtigkeit und Intimität zwischen Mensch und Wetter. Wie will man dem noch die Relevanz absprechen?
    Nicht nur Punk is not dead, das Wetter ist es auch nicht.

    Kolumne über das Wetter

    Kolumnist Paul hat nur Wetter im Kopf.

    Leider gibt es auch solche ausgehölten Frostbeulen, die heutzutage meinen: „Joo, geil, so viel Sonne – ich mag den Klimawandel!“ Lächerlich, da man ja weiß, dass das Wetter ein spürbarer, kurzfristiger Zustand der Atmosphäre an einem bestimmten Ort der Erdoberfläche ist (habe Wikipedia doch gefunden).
    Wie fern die Zeiten, in denen der Klimawandel noch eine Fahrt nach Bulgarien oder Italien war.

    Doch sind diese Menschen nicht mal die Schlimmsten. Das sind nämlich jene, die ernsthaft behaupten, es gäbe kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.
    Genauso gut könnte ich beim nächsten Kochen argumentieren, es gebe kein schlechtes Essen, nur schlechte Geschmacksknospen. In Anbetracht heutiger Politik könnte diese Strategie möglicherweise sogar funktionieren.

    Nein, man sollte Leute, die solche Dinge von sich geben, nicht zwingen, 100 Mal auf eine Tafel zu schreiben: „Es gibt schlechtes Wetter“. Lieber eine Zeitung in die Hand drücken und auf ein Tässchen Tee in einen novemberlichen Park in England bitten.

    Es hat also durchaus seine Gründe, weshalb in den Nachrichten nach Terror und Waldbrand kurz Kultur und anschließend ausführlich, teils mit eigenem Sprecher, das Wetter . Manche werden wohl auch dieser Person entgegenrufen: „Hör doch auf mit deinem Smalltalk!“, während sie in ihrer eigenen Wohnzimmeratmosphäre als schwerer Niederschlag in der Sofaritze vergraupeln.

    Wie sehr hoffe ich auf ein Paar aufleuchtende Augen, wenn ich das nächste Mal frage: „Und wie findest du das Wetter?“

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