Heimat auf Zeit

David Will

Zwei Gemeinden im Süden von Leipzig sollen der Braunkohle weichen. Während in Pödelwitz ein Großteil der Anwohner bereits weggezogen ist, kämpfen die Bewohner von Obertitz um den Erhalt ihres Ortes.

Still liegt das Dorf da, kein Mensch ist auf den Straßen zu sehen. Von einer Anhöhe aus überblickt die Kirche ihre kleine Gemeinde Pödelwitz, die vielen verlassenen Häuser, die längst aufgegeben worden sind, und die wenigen, deren Bewohner geschworen haben, zu bleiben. Wo man hinsieht, sind Schilder mit der Aufschrift „Privatgelände“ ange­bracht, an Mauern, von denen der Putz bröckelt, vor leeren Grünflächen und vor Häusern, in denen noch die Gardinen der Vorbesitzer in den Fenstern hängen.

„Seit über 25 Jahren bin ich im Kirchenvorstand, über 28 Jahre war ich in der Freiwilligen Feuerwehr“, seufzt Thilo Kraneis. Jetzt soll seine Heimat von der Landkarte verschwinden. Pödelwitz grenzt direkt an den Tagebau Vereinigtes Schleenhain südlich von Leipzig, bald sollen die Bagger auch hier graben. Kraneis ist mit anderen Anwohnern im Bündnis Pro Pödelwitz aktiv, das sich für den Erhalt der Gemeinde einsetzt. In den vergangenen Jahren habe die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft (MIBRAG) die Einwohner systematisch dazu gedrängt, ihre Grundstücke zu verkaufen und das Dorf zu verlassen. Bleiben oder gehen, diese Frage habe einen Keil zwischen Freunde und Familien getrieben. „Hinter manchen Türen haben sich da Dramen abgespielt“, sagt Kraneis. Die meisten der ursprünglich etwa 150 Dorfbewohner sind inzwischen weggezogen, nur rund zwei Dutzend sind geblieben. Kraneis will jedoch nicht weichen, für ihn ist Pödelwitz „das blanke Paradies“.

Dorfleben statt Kohle

Viel ist in letzter Zeit von der Braunkohle zu hören gewesen: Während eine Kommission bis Ende des Jahres Vorschläge zum Umbau der Braunkohleindustrie und ihrer zehntausenden Beschäftigten erarbeiten soll, machen Kohlegegner seit Monaten bundesweit für einen möglichst schnellen Ausstieg mobil. Die Leipziger Szene ist sehr aktiv und organisierte etwa im Oktober zu den Protesten im Rheinischen Braunkohlerevier bei Köln eine gemeinsame Anreise per Sonderzug. „Deutschland verkauft sich als Umweltschützer, dabei stehen hier die klimaschädlichsten Kraftwerke Europas“, sagt Jonas von der Leipziger Ortsgruppe. Mit zivilem Ungehorsam, durch das Besetzen von Baggern und Schienenstrecken will das Bündnis Ende Gelände darauf aufmerksam machen, dass die Energiewende am mangelnden politischen Willen der Bundesregierung zu scheitern drohe. Die Studentin Leonie* wiederum organisierte mit dem Bündnis Kohle erSetzen Anfang August eine Blockade des Kraftwerks Lippendorf, das in Sichtweite von Pödelwitz liegt. Sie kennt die Gemeinde: Als eine von über 1.000 Umweltaktivistinnen und -aktivisten war sie Ende Juli zum Klimacamp Leipziger Land angereist, hatte im Dorf und auf den umliegenden Äckern campiert und sich mit den Pödelwitzern ausgetauscht. In dieser Woche sei das Dorf aufgeblüht, „saugut“ sei die Stimmung gewesen. Die Leute seien mit ihren Kindern zu Diskussionrunden gekommen und hätten von ihrer Lage erzählt, „offen und froh“ sei der Umgang miteinander gewesen. Natürlich sei die Situation vor Ort bedrückend, erzählt Leonie. Sie habe unter den Anwohnern aber sehr wohl Hoffnung gespürt.

„Eine dufte Sache“ sei das gewesen, meint auch Kraneis. Heute erinnern an den Trubel im Sommer nur das Banner von Greenpeace neben seinem Haus und die bunten Wimpel, die sich über Straßen und Kirchenpforte spannen. „Lass dich nicht unterkriegen, Pödelwitz!“ ist auf einem Wimpel zu lesen, „Dorfleben statt Kohle“ auf einem anderen. Darunter steht Roger Selka im Karohemd und erzählt. Die letzten Jahre lasten schwer auf dem ehemaligen Landwirt: Mit „Gangstermethoden“ habe die MIBRAG seinen Betrieb in die Insolvenz getrieben und ihm, dem zweifachen alleinerziehenden Familienvater, die Lebensgrundlage genommen. Heute muss er wieder auf dem Bau arbeiten, um seine beiden Söhne durchzubringen. Der verantwortliche Oberbürgermeister aber, „der hat sich hier nie sehen lassen“, sagt Selka.

Protest im Rheinischen Braunkohlerevier

Protest im Rheinischen Braunkohlerevier (Foto: Tim Wagner)

„Irgendwann ist’s auch genug“

Maik Kunze hat sein Büro in der nahegelegenen Kleinstadt Groitzsch. Seit 2001 ist der CDU-Mann Bürgermeister der 8.000-Seelen-Gemeinde und damit auch zuständig für die umliegenden Dörfer. Kunze liegt im Dissens mit seiner eigenen Partei, seit die MIBRAG ihre Pläne öffentlich machte, außer Pödelwitz auch die Gemeinde Obertitz abzubaggern. „Irgendwann ist’s auch genug“, schimpft Kunze. Er sei zwar nicht prinzipiell gegen die Braunkohle, immerhin habe sie lange Zeit vielen Leuten Brot und Arbeit gegeben. Auf lange Sicht sei die Braunkohle im mitteldeutschen Raum aber Geschichte, darum habe er kein Verständnis dafür, ihr weitere Orte zu opfern – schon gar nicht, da die MIBRAG doch auf dem Gebiet von Obertitz doch nur fünf Jahre graben will. Pödelwitz ist laut Kunze in einer speziellen Lage: Da die meisten Einwohner einen Umsiedlungsvertrag mit der MIBRAG unterzeichnet hätten, habe man es der überlassen, sich mit den verbliebenen Einwohnern zu verständigen. Er sagt auch, man werde die kommunalen Flächen „erst an die MIBRAG veräußern, wenn der letzte Pödelwitzer gegangen ist“. Für den Erhalt von Obertitz aber werde man, sollte der Stadtrat dem zustimmen, notfalls auch vor Gericht streiten.

„Die Weichen wurden schon gestellt“, klagt Jenny Stadthaus. Vor zwei Jahren ist sie in das winzige Dörfchen Obertitz gezogen. Zwei Straßen verlaufen durch den Ort, in dessen kleinen Fachwerkhäuschen und teils Jahrhunderte alten Bauernhöfen nicht mehr als 50 Menschen wohnen. Viel Liebe, Zeit und Geld steckte Stadthaus in die Sanierung ihres neuerworbenen Gehöfts – bis sie nach Monaten von einem Nachbarn erfuhr, dass auch dieser Ort dem Tagebau weichen soll. Vor kurzem erst ist das Kriegerdenkmal saniert worden, im Dorf wohnt unter anderem eine Familie, die aus Pödelwitz hergezogen war. Nun weiß niemand, ob die Häuser auch noch in einigen Jahren stehen werden. Stadthaus ist enttäuscht: Die Menschen in der Region sähen dem Ende der Braunkohleindustrie „mit einem weinenden und einem lachenden Auge“ entgegen, schließlich sei die bei weitem der größte Arbeitgeber in der Umgebung. Dennoch habe die Politik den drin­gend notwendigen Infrastruk­­turwechsel verschlafen. „Man hat sich nicht um Alternativen bemüht“, sagt sie.

„Wir gehen nicht“

Bis das Oberbergamt eine Entscheidung gefällt hat, können die Einwohner von Pödelwitz und Obertitz nur warten. Ständig schwirre ihr das ungewisse Schicksal ihrer Gemeinde im Hinterkopf, sagt Stadthaus. Egal was kommt, für Kraneis steht fest: „Wir gehen nicht.“ Einige Minuten Fußmarsch von seinem Haus entfernt offenbart sich ein Fenster in eine Zukunft, die er mit aller Kraft verhindern will. Direkt hinter der Kirche fällt das Gelände abrupt ab und öffnet sich zu einer kargen Ebene mit einer schwarzen Grube im Zentrum. Nur das Rattern des Förderturms und das Piepen der zurücksetzenden Bagger sind zu hören.

 

*Name von der Redaktion geän­dert

Titelfoto: Lausitz Energie Kraftwerke AG

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