• Kolumne
  • Privatsphäre im Internet: Der Preis der Freiheit

    Anne-Dorette Ziems

    Vor 29 Jahren fiel die Mauer und damit auch der Überwachungsstaat DDR. Die heutige Online-Überwachung ist vielen gar nicht bewusst, oder egal. Zeit, mal über Privatsphäre im Internet nachzudenken.

    Auf Social-Media-Plattformen lässt sich fast in Echtzeit das Leben der anderen verfolgen. Ein Foto ist in null Komma fast nichts gepostet, ein 280-Zeichen-Tweet genauso schnell verfasst. Doch nicht, wenn man versucht, möglichst wenig Spuren im Internet zu hinterlassen. Denn bevor ich „schnell“ irgendwas bei Facebook machen kann, muss ich nicht nur Benutzername und Passwort eingeben, sondern erst noch Facebook zeigen, dass es wirklich mein Account ist, indem ich 35.000 Fotos meiner Facebook-Freunde ihren Namen zuordne. Dann werde ich noch von nervigen Captcha-Tests dazu aufgefordert, zu beweisen, dass ich ein Mensch bin, indem ich Ampeln, Zebrastreifen und Ladenfronten erkenne und schließlich soll ich dann einen Sicherheitscode, der mir per Mail geschickt wurde, eingeben.

    Und warum das Ganze? Ich leide an mittelschwerer Datenklauphobie. Ich habe keine Lust darauf, dass mein Online-Profil im Silicon Valley rumliegt und an alle, die es wollen, vertickt wird. Außerdem war ich nicht schon immer so vorsichtig, also gibt es natürlich ein Profil von mir und das einzige, was ich jetzt machen kann, ist dieses mit möglichst wenigen Daten zu füttern.

    Zurück zu dem Bei-Facebook-Anmelden-Problem: Das bekommt man, wenn man den Tor-Browser benutzt, der sich mit dem von tausenden Freiwilligen betriebene Tor-Netzwerk verbindet und so verhindert, dass Internetseiten wissen, woher die Verbindung ursprünglich kam. Wenn man sich also mit diesem Browser bei Facebook anmelden möchte, dann erkennt Facebook nicht den eigenen Rechner, sondern den Endpunkt des Netzwerks, den man gerade benutzt und der kann theoretisch irgendwo auf der anderen Seite der Welt sein. Und das findet Facebook verdächtig.

    Kolumnistin Anne

    Auch Kolumnistin Anne wird bei Google mal schwach.

    Es ist wirklich ein Unding, dass Datenklau im Internet so Gang und Gebe ist. Aber es liegt auch etwas an uns, auf uns selbst aufzupassen. Wir wollten schließlich für nichts bezahlen. Während wir bei der Post brav Briefmarken aufkleben, finden wir es völlig normal, dass uns unser E-Mail-Postfach kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Statt den SPIEGEL zu kaufen, lesen wir fröhlich frei zugängliche SPON-Artikel und wir wären ja auch blöd, wenn wir für die ganzen lustigen Videos im Internet was zahlen würden. Die einzige Chance, die Internetseitenbetreiber haben, ist der Verkauf von Werbung. Und der Verkauf von personalisierter Werbung ist noch viel lukrativer. Dafür den kompletten E-Mail-Verkehr mitlesen? Kein Problem. Einfach die AGBs ändern – liest ja sowieso niemand. Permanent den Standort speichern? Klar. GPS läuft sowieso die ganze Zeit.

    Jetzt sind wir an dem Punkt, an dem es an jedem selbst ist, zu entscheiden, welchen Wert Online-Privatsphäre hat und ein paar Maßnahmen zu ergreifen. Schließlich gibt es Projekte, die sich für Sicherheit und Datenschutz engagieren: es lohnt sich, Alternativen zu suchen und vielleicht doch mal einen Blick ins Kleingedruckte der Nutzungsbedingungen zu riskieren.

    Schritt 1 ist ganz einfach: Die Ortungsdienste ausstellen – wir schaffen auch mal zur nächsten Verabredung ohne ein Navigationssystem. Schritt 2, nämlich eine andere Suchmaschine zu nutzen, ist technisch genauso einfach, aber fällt etwas schwer. Denn, das muss auch ich zugeben, der Google-Algorithmus funktioniert echt gut. Bei der Qualität der Ergebnisse können andere Suchmaschinen nicht mithalten. Aber das ist wohl der Preis der Freiheit.

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