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  • Maximale Ignoranz

    David Will

    Der Dokumentarfilm „Lord of the Toys“ porträtiert eine Gruppe rechter YouTuber aus Dresden. Das DOK Leipzig zeigt sich in seinem Umgang damit erschreckend unpolitisch.

    „Ich vergas‘ dich“, kichert Max, verrammelt die Fenster und sprüht seinem Freund eine komplette Flasche Deo ins Gesicht. Davor hatte er ihn dazu gebracht, sich fast zur Besinnungslosigkeit zu betrinken, nachher wird er ihm gegen seinen Willen die Unterhose ausziehen – einer der wenigen Momente, in denen die Kamera nicht draufhält. Mit dieser Szene beginnt der Dokumentarfilm „Lord of the Toys“, dem das Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm am Samstag den Hauptpreis im deutschen Wettbewerb verliehen hat.

    Die Szene setzt den Ton für die kommenden neunzig Minuten. Über Monate hinweg haben die Filmemacher eine Gruppe rechter Influencer aus der Dresdner Platte begleitet, die teils hunderttausende Follower und Abonnenten mit ihren Videos und Fotos im Internet erreichen. Die Minuten werden quälend lang, während die Gang Freunde wie Fremde drangsaliert und sich pausenlos die Klassiker aus der homophoben und rassistischen Sprüchekiste an den Kopf wirft; während Max „Adlersson“ Herzberg über „die Juden unter den Dielen“ witzelt und seine devote Freundin vor der Kamera bloßstellt oder während Elias a.k.a. „Hector Panzer“ sich als „The Black Nazi“ feiern lässt. Zwischendurch werden Springmesser für den Videoblog rezensiert, wird Fanpost geöffnet und vor allem viel, viel gesoffen, bevor die Truppe sich unter „We are Nazis and we are proud“-Rufen in eine Schlägerei stürzt.

    „Lord of the Toys“ ist ein erbarmungsloser Film über Gruppendynamiken, Aufmerksamkeitsgeilheit und systematische Demütigung, bei dem man sich manchmal zwingen muss, die Augen nicht von der Leinwand abzuwenden. Vielleicht wäre er gerade darum so wertvoll – wenn das DOK denn aus alten Fehlern gelernt hätte. Viel Schelte hatte das Festival im vergangenen Jahr für eine Filmvorführung geerntet, der eine unreflektierte Wiedergabe rechter Parolen vorgeworfen wurde. Anstatt aber dieses Jahr der Diskussion genügend Raum zu ermöglichen, ging ein kritisches Publikumsgespräch in dem auf die Minute getakteten Festivalplan unter.

    DOK-Preisträger im kurzfristigen Gespräch

    Regisseur Ben-Yakov und Kameramann Krummel stehen in einer extra Gesprächsrunde Rede und Antwort (Foto: lms)

    Bei der Premiere am 31. Oktober hätten kaum unterschiedlichere Leute im ausverkauften Kinosaal sitzen können: Neugierige Filmnerds und linke Studis saßen Ellbogen an Ellbogen neben Fans und Followern der Protagonisten, die noch jeden antisemitischen Witz bejubelten. Im Anschluss hatten Regisseur Pablo Ben-Yakov und Kameramann André Krummel die Gelegenheit, über ihren Film zu sprechen; als dann aber unter vielen fassungslosen Augen Adlersson selbst nach vorne gebeten wurde, blieben kaum mehr als fünf Minuten, bevor dem Publikum eröffnet wurde, dass für weitere Fragen keine Zeit mehr sei. Beim Hinausgehen standen sie dann alle draußen: Adlersson, Hector Panzer und Co. schüttelten die Hände ihrer Bewunderer und posierten vor ihren Smartphones.

    Das DOK wurde anscheinend überrollt von der Kritik, die im Vorfeld bereits vom Aktionsbündnis „Leipzig nimmt Platz“ formuliert worden war. Man habe keinen Lehrfilm drehen wollen, erklärte Ben-Yakov auf einer eilig anberaumten Gesprächsrunde am vergangenen Freitag. Zwar seien sie „keine Journalisten, sondern Künstler“, sie würden aber sehr wohl durch Schnitt, Dramaturgie und Sounddesign das Geschehen kommentieren. Das mag eine diskutable Position sein, man würde sich nur wünschen, sie wäre tatsächlich zur Diskussion gestellt worden. Wenn Jurymitglied André Eckardt aber sagt, die große Empörung sei ja nicht abzusehen gewesen und die Zuschauer wüssten doch ohnehin, was von dem Gezeigten zu halten sei, dann zeugt das von einer bemerkenswerten Naivität. In diesem Kinosaal saßen zwei entgegengesetzte Lager und sie verließen ihn wieder, ohne nennenswert miteinander gesprochen zu haben: das eine schockiert, das andere johlend über den geglückten Publicitystunt der Dresdner Freizeitnazis – im Internet feiern seine Fans „Lord of the Toys“ schon als „Adlerssons Film“. „Keine politische Überzeugung, sondern maximale Ignoranz“ hat Ben-Yakov den Protagonisten seines Films bescheinigt. Das DOK zeigt leider, dass es da nicht viel weiter ist.

     

    Titelfoto: DOK Leipzig 2018 / Jens Stöbe