• Kultur
  • Film
  • Zeugnis der Zeit

    Hagen Küsters

    Regisseur Andreas Goldstein schafft mit seinem Film „Der Funktionär“ ein biografisches und gleichsam historisches Dokument, das wenn es nach dem Autor geht, eigentlich keines sein soll.

    „Der erste Tote den ich sah, war mein Vater. Seitdem erscheint er nachts in meinen Träumen.“ Mit diesen Worten eröffnet Regisseur Andreas Goldstein seinen Dokumentarfilm, der beim Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm (DOK) Weltpremiere feierte. Der Film, getragen von einer subjektiven Erzählung, gewährt einen Einblick in das Leben sowie das Innere von Klaus Gysi (1912–1999), Vater von Filmemacher Goldstein und vom deutschen Politiker Gregor Gysi (Die Linke). Als Kulturfunktionär der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) unterwarf sich Gysi der Ordnung der sozialistischen Führung des Landes. Ob Verlagsleiter, Kulturminister, Botschafter oder zuletzt Staatssekretär für Kirchenfragen – sein gesamtes (Berufs-)Leben lag in den Händen der höheren Instanz. Wie unter einem Diktat hatte Gysi den Weisungen Folge zu leisten. Der Film widmet sich nicht nur den Bildern, die Gysi von sich selbst entwarf, sondern auch den Bildern, die andere von ihm zeichneten.

    Goldstein begleitet das Publikum auf eine spannende Reise in die Vergangenheit, deren Spuren noch gegenwärtig sichtbar und spürbar sind. Dabei kommentiert der Filmemacher eigene Fotografien aus seiner Jugend sowie Archivaufnahmen und -bilder von damals und heute. In essayistischer Manier wechseln sich Natur- und Stadtbilder ab, die von Fernseharchiv-Aufnahmen flankiert werden. Auffällig ist, dass Goldstein Filmmaterial nutzt, welches das Publikum durchaus in eine trübe Stimmung versetzt. So sieht sich die Zuschauerschaft überwiegend mit Szenen konfrontiert, die Regen(-dunst), Schnee oder einen grauen Schleier porträtieren. Ein leichter Anflug von Tristesse oder gar Einsamkeit scheinen auf dem ersten Blick das Bouquet an Bewegtbildern zu bestimmen. Doch provokant in die Länge gezogene und sich immer wiederholende Naturaufnahmen – beispielsweise von einer Waldlichtung oder einer Insel im See – durchbrechen gekonnt die Melancholie und wirken zunehmend meditativ. So schafft es das Team um Goldstein, dem Film eine beeindruckende Atmosphäre zu verleihen. „Der Funktionär“ zeichnet sich neben seinen Aufnahmen und seinen bedächtig sowie ehrlich wirkenden Texten auch durch den dramaturgischen Einsatz der Musik aus. So entsteht ein audiovisuelles Gesamtwerk, das den vorgegebenen Fokus auf Gysi zwar nie in Gänze verliert, jedoch dem Publikum genug Freiraum lässt, das Gesehene und Geschehene zu verarbeiten.

    Wenngleich Goldstein, der bei der Vorführung anwesend war, behauptet, weder ein biografisches, noch historisches Dokument geschaffen zu haben, so kann sein Film zweifelsfrei als ein Zeugnis der Zeit gesehen werden. Der Autor jedoch entzieht sich einer Positionierung beziehungsweise Interpretation seines Werks und überlässt dies dem Publikum. „Der Funktionär“ gewährt auf eine sehr persönliche und emotionale Art und Weise einen Einblick in ein zerfallenes Staats- und Gesellschaftssystem, das viele Gesichter hat. Klaus Gysi und Andreas Goldstein sind nur zwei von ihnen.

    „Der Funktionär“ geht ins Rennen um die Goldene Taube (Deutscher Wettbewerb) und ist zudem für den ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness nominiert. Im Rahmen des DOK wird der Film noch einmal am 3. November um 19:30 Uhr in der Schaubühne Lindenfels gezeigt.

    Foto: Susann Jehnichen; DOK Leipzig 2018

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