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    Paul Schuler

    Mit „Meeting Gorbachev“ stellt der deutsche Regisseur Werner Herzog auf dem DOK sein neuestes Werk vor und beehrt zahlreiche Zuschauer mit seinem Auftritt.

    Die Bahnhofshalle ist gut gefüllt. Doch niemand rennt eilig zu den Gleisen. Stattdessen ist die Treppe von trinkenden und sich unterhaltenden Menschen bevölkert, die in der Oktoberkälte warten. Verantwortlich für diese Szene ist ausnahmsweise nicht die Deutsche Bahn, sondern ein Kulturprogramm. Es handelt sich um den Eröffnungsfilm des Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm (DOK Leipzig). Unter dem Titel „Meeting Gorbachev“ drehte Werner Herzog, der dieses Jahr Ehrengast des Festivals ist, einen Dokumentarfilm über Michail Gorbatschow und läutete damit am 29. Oktober die einwöchige Veranstaltung ein.
    Zur geplanten Uhrzeit flimmert noch kein Bild durch die Halle, denn es soll noch auf den Regisseur selbst gewartet werden, doch wer will sich schon beschweren, kostenlos und prominent gibt es nicht alle Tage.

    Der Film beginnt nach halbstündiger Verspätung ohne den Meister und auf der Leinwand erscheint ein etwas älter und breiter gewordener Michail Sergejewitsch Gorbatschow mit Filmklappe vor dem Gesicht. Herzog ist schräg in halber Ansicht zu erkennen. Er beginnt das Interview.
    Der Ton hallt durch den Raum und ist schwer zu verstehen. Herzogs leichter bayerischer Akzent verliert sich akustisch in den Stuhl- und Treppenreihen der Osthalle. Bilder der beiden gealterten Männer und Rückblicke aus der Vergangenheit Gorbatschows wechseln sich ab.

    Zunächst wird die Kindheit und Jugend des ehemaligen Politikers in der russischen Provinz bildhaft beschrieben und von Herzog kommentiert. Was folgt ist die Chronologie eines jungen aufstrebenden Mannes. Stipendium für eine der renommiertesten Hochschulen Russlands, Anstellung bei der Staatsanwaltschaft und steigende Ambitionen als Berufspolitiker. 1982 steht er schon bei den Militärparaden zwischen „all den alten Menschen“. Gemeint ist das Zentralkomittee. Drei Jahre später wird er zum jüngsten Regierungschef nach Stalin ernannte. Unter ihm wird Perestroika und Glasnost vorangetrieben, schließlich zerfällt die Sowjetunion und Boris Jelzin besteigt einen Panzer und den Regierungsstuhl. Mit viel Mühe und einem guten Gehör ist all dies zu verstehen.

    Die Zuschauer warten geduldig auf den Beginn des Films in der Osthalle

    Kino-Feeling in der Osthalle des Hauptbahnhofs

    Nach den ersten 20 Minuten folgen vorwiegend die Interviewausschnitte mit Gorbatschow, gespickt mit historischen Ausschnitten und Kommentaren von Zeitzeugen aus der internationalen Politik. Viel cineastisches Element lässt sich nicht erkennen, außer in den Momenten, in denen die Beziehung zu seiner Frau dargestellt wird. Der Film arbeitet wenig mit Musik und die drei Kameraeinstellungen des Gesprächs wirken eher wie ein TV-Interview. Die meisten Informationen sind nicht neu und werden nicht allzu originell dargestellt. Nach dem Ende des Films hat man das Gefühl ein wenig dazugelernt zu haben, aber nicht unbedingt Zeuge eines großen Filmspektakels geworden zu sein.

    Ein interessanter Kommentar ist die Sicht auf die US-sowjetische Annäherung durch Reagan und Gorbatschow. Gorbatschow und seine Frau Raissa in den Armen Micky und Minnie Mouse‘s. Herzogs Stimme ertönt: „Amerika machte Gorbatschow zu seinem Maskottchen – der gute Sowjet“. Zentral ist für ihn, die Rolle der russischen Führung richtig zu bestimmen, es schwimmt Kritik an der amerikanischen Sicht der Dinge mit. Herzog tadelt die Dämonisierung Russlands.

    Am zweiten Tag des DOK wechselt die Perspektive und Werner Herzog nimmt bei der Pressekonferenz im Kupfersaal die Rolle des Interviewten ein.
    Die Einstiegsfrage der Moderation, ob der Regisseur Klavier spiele, da sich ja eines auf der Bühne befindet, wirkt etwas fehl am Platze, die Hauptthematik ist aber dann die Sicht auf Russland und die Entstehung des Filmes. Dabei lässt sich erkennen, wie sehr Herzog in der Materie steckt. Auf die Frage, ob auch über aktuelle Politik mit Gorbatschow gesprochen wurde, reagiert er misstrauisch: „Ich weiß schon, was sie vorhaben.“ Er vermutet, es solle wieder ein negatives Bild des heutigen Russlands heraufbeschworen werden.

    Letztendlich äußert er dazu nur, dass Putin und Gorbatschow ein gegenseitiges Verständnis füreinander haben, auch wenn sie sich sehr unterscheiden. Um ein Bild der verqueren Sicht auf die russische Politik zu zeichnen, kehrt er die Logik der Stationierung von Abwehraketen der NATO um: „Würde Kanada dem Warschauer Pakt beitreten und Raketen aufbauen und dies in weiteren Staaten um die Vereinigten Staaten herum passieren, würden die USA durchknallen.“ Ihm ist es wichtig, einen anderen Blick auf die Dinge zu gewinnen, auch dies sollte der Film bewirken, obwohl das eher weniger zum Vorschein kommt. Bei der Auswahl der Zeitzeugen im Film legte er Wert auf eine Reduzierung, betont der Regisseur. Ihm seien diese Äußerungen deutlich wichtiger gewesen als allgemeine Aussagen von Personen, die große Namen tragen. Die Erläuterungen auf der Pressekonferenz bereiten das Filmmaterial merklich auf und die Antworten Herzogs überschreiten deutlich den Rahmen der zugehörigen Fragen.

    Werner Herzog im Gespräch auf der DOK-Bühne

    Werner Herzog steht Rede und Antwort im Kupfersaal

    Gorbatschow selbst wird den Film einige Tage später selbst sehen, seine Angehörigen seien jedoch schon von der Tiefe begeistert gewesen.
    Der 87-jährige ehemalige Politiker wandelte seine Zurückhaltung mit jedem Treffen mehr zur Offenheit, „weil er merkte, dass ich kein Journalist bin“, erklärt Herzog. Er selbst habe ihm versichert: „Jetzt sitzen sie mit einem Dichter zusammen“, worauf Falten auf der bekannt bemuttermalte Stirn entstehen und sich der Mund, der einst die Begriffe Glasnost und Perestroika formte, zu einem Lachen verzieht.

     

    Fotos: Paul Schuler

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