• Kolumne
  • Leipzig als linke Avantgarde?

    Jonas Frankenreiter

    Auf die Weltrevolution hofft heute niemand mehr. Ein Großteil der Leipziger Studierenden ist jedoch politisch interessiert. Warum also fehlt es der parlamentarischen Linken an Visionen?

    Die heutige Jugend sei unpolitisch, wird häufig gesagt, und dabei auf die 60er Jahre verwiesen. Diesen Eindruck hatte ich in Leipzig jedoch wahrlich noch nie. Ganz im Gegenteil scheinen sich fast alle Leute in meinem Umfeld wenigstens ein bisschen für Politik zu interessieren und auch meine eigene Begeisterung für das Thema wuchs, seitdem ich in Leipzig wohne. Das politische Image der Stadt und der Studierendenschaft ziehen zudem oft ein ähnliches Klientel an.

    Natürlich ist das eine subjektive Wahrnehmung und wir alle so oder so in unserer Blase gefangen, weshalb ich es wichtig finde, hin und wieder auszubrechen und sich in Erinnerung zu rufen, dass Verhältnisse andernorts auch grundverschieden sein können. Zum Beispiel in Bayern, wo letzten Sonntag ein neuer Landtag gewählt wurde. Schon Wochen zuvor hatte ich die Umfragen verfolgt, Reden angeschaut und dem Ergebnis entgegengefiebert. Irgendwann fragte ich mich, warum ich mich überhaupt so sehr dafür interessierte. Ich habe nie in Bayern gelebt und kenne auch wenig Leute von dort. Doch als gespannter politischer Beobachter hoffte ich mal wieder auf eine linke Mehrheit, mehr oder weniger einfach des Prinzips wegen. Natürlich gestand ich mir ein, dass sie jedenfalls in Süddeutschland noch Lichtjahre entfernt zu sein scheint und dort, wo es sie gibt, sich nicht gleich alles zum Besseren wendet. Und dennoch wünsche ich mir eine Wiederauflage linker Ideen, eine neue Chance, auf dass sie das nächste Mal nicht vertan wird.

    Kolumnist Jonas

    Kolumnist Jonas

    Grund zum Optimismus gibt es jedoch wahrlich nicht, weder die Linkspartei noch die SPD haben in Bayern regierungstaugliche Ergebnisse erzielt. Aber was ist mit den großen Wahlsiegern des Abends, den Grünen? Diese setzten im Wahlkampf vor allem auf ein liberales, weltoffenes Image, anstatt auf klassisch linke Themen. So stellten sie vor allem zur CSU eine progressive Alternative dar, die teilweise ähnlich und doch ganz anders bürgerlich daherkam. Ihr Konzept hatte Erfolg, jedoch bereitet es mir auch Sorge, dass ihre sozialen Inhalte womöglich irgendwann ganz in den Hintergrund treten könnten. Bei all dem Parlamentarismus, mit dem man sich schon nächste Woche wieder in Hessen beschäftigen kann, ziehe ich mich bis dahin zurück in meine kleine Utopie des Kühlschrankkommunismus in der WG: Soli-Partys für den guten Zweck und Küfas auf Spendenbasis. Der Insel des inneren Leipzigs im umliegenden Sachsen. Vielleicht beeinflusst ja das gesellschaftlich Partikulare irgendwann das große Ganze. Aufarbeitung, Engagement und Dialog, wo er denn möglich ist, könnten der Anfang für einen politischen Wandel sein. Das jedenfalls wünsche ich mir für die Wahl in hiesigen Gefilden nächstes Jahr.

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