„Die Methoden der Linken studiert“

David Will

In seinem Buch „Die Autoritäre Revolte“ behandelt Historiker Volker Weiß die Geschichte der Neuen Rechten in Deutschland. Per Mail beantwortete er student!-Redakteur David Will Fragen zu ihren Zielen.

student!: Herr Weiß, die radikale Rechte scheint ein klares Feindbild zu haben. Am ausführlichsten formulierte das AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen, als er 2016 von den „links-rot-grün-verseuchten 68ern“ sprach. Gegen wen oder was tritt die Rechte hier an?
Weiß: Das Feindbild von den 68ern bedient eine ganze Klaviatur an Ressentiments. Erstens lässt sich damit an ohnehin schon verbreitete Klischees anschließen, die trotz des erfolgreichen Narrativs von 1968 als Jahr der Ankunft Deutschlands im „Westen“ überlebt haben. Letztlich geht es darum, einen Gegenmythos zu installieren und diesem noch sehr mächtigen Zivilisierungsnarrativ etwas entgegenzusetzen. Dass Deutschland auch nach ’68 keineswegs „links“ war und die Realpolitik von Rot-Grün recht wenig mit den marxistischen Gedanken der APO zu tun hatte, ficht jemanden wie Meuthen nicht an. Das gilt auch für die Tatsache, dass der Großteil der Vertreter dieser Generation schneller arriviert war, als sie Ho Chi Minh sagen konnten. ’68 war eine notwendige gesellschaftliche Modernisierung und Liberalisierung aber davon haben Leute wie Meuthen keinen Begriff. Hinzu kommt, dass man im Osten, wo die AfD ja besonders stark ist, mit der Agitation gegen ’68 einen antiwestlichen Affekt bedient. Das ’68, von dem er spricht, ist eine ausgesprochen westliche Geschichte. Die Moskauer Variante von ’68 war ja bekanntlich, Panzer nach Prag zu schicken. Daher hat der antiautoritäre Aufbruch, immerhin ein Kernelement dieser Zeit, die Gesellschaften hinter dem Eisernen Vorhang nie erreicht. Es ist eine gewisse Ironie der Geschichte, dass stramme Antikommunisten nun von diesen autoritären Hinterlassenschaften des „real existierenden Sozialismus“ profitieren. Die Hauptstoßrichtung ist aber wie so oft vergangenheitspolitischer Natur. Wer, wie die AfD, die Aufarbeitung der deutschen Geschichte durch nationales Pathos und Relativierung der Nazizeit ersetzen will, muss zunächst mit der Generation abrechnen, die damals angefangen hat, laut Fragen zu stellen: den 68ern.

Trotz des gemeinsamen Feindbilds finden sich ganz rechts einige Namen, die früher einmal ganz links aktiv waren. Horst Mahler wurde vom Anwalt der RAF zum Neonazi, der Publizist Günter Maschke wurde Vordenker der Neuen Rechten, der Aktivist Bernd Rabehl mauserte sich in der Bundespräsidentenwahl 2009 sogar beinahe zum Kandidaten der NPD. Maschke und Mahler wollten ihre Wanderung später nicht als Bruch, sondern als konsequente Weiterführung antikapitalistischer und antiamerikanischer Ideen verstanden wissen. Gibt es Überschneidungen zwischen Ideen, die um 1968 kursierten, und denen der Neuen Rechten?
Ich denke, da geht es vor allem um die Erhaltung eines rebellischen Selbstbildes, um Fragen des Habitus‘. Wer sich permanent als nonkonform begreift, bekommt Probleme, wenn aus der einstigen Avantgarde Mainstream wird. Da bedarf es dann neuer Distinktionsfelder. Außerdem gab es eine generationsbedingte Neigung zur Überbietung, zur größtmöglichen Radikalität. Allerdings gab es bei den ’68ern tatsächlich einen nationalen Touch, der sich etwa im von Ihnen angesprochenen Antiamerikanismus zeigte. Nur lässt sich ’68 kaum darauf reduzieren, da es gleichzeitig eine ausgesprochene proamerikanische Ausrichtung etwa in der Popkultur gab. Die von Ihnen genannten Akteure haben später jedoch tatsächlich versucht, ’68 zur nationalen Befreiungsbewegung zu stilisieren, als hätte die Anwesenheit fremder Truppen in Deutschland historisch nicht ganz andere Gründe gehabt als in Algerien oder Vietnam. Diese Form des Antiimperialismus war für autoritäre und nationalistische Elemente durchaus anfällig. In den Siebzigern sollte das bei den Maoisten noch viel deutlicher werden.

1968 wird in Frankreich auch die neurechte Denkfabrik GRECE gegründet. Wie bewerten Sie deren Einfluss auf die entsprechende Szene in Deutschland?
Für die theorieinteressierte äußerste Rechte in Deutschland war GRECE lange richtungsweisend. Die Analysen von Autoren wie Alain de Benoist wurden aufmerksam studiert und analysiert. Mit dem Thule-Seminar hat man in den Achtzigern versucht, in Deutschland eine Vermittlungsinstanz zu schaffen, in der sich ein breites Spektrum der äußersten Rechten von Nationalkonservativen bis hin zu offenen Neonazis traf. Das ging aber nicht lange gut. Heute steht die deutsche Rechte mehr auf eigenen Beinen. Autoren aus dem GRECE-Gründerkreis wie Benoist, Guillaume Faye oder Dominique Venner werden aber weiter übersetzt und gelesen.

Sie bescheinigen der Neuen Rechten, erfolgreich einige Methoden von ’68 übernommen zu haben. Die gezielte Provokation, die Inszenierung einer rechten Gegenkultur, die offensive und laute Themensetzung gehören fest zu ihrem Repertoire. Wie hat die Neue Rechte diese Methoden für sich nutzen können?
Das ist so nicht ganz richtig. Ich beschreibe, dass auch Rechte mit provokativen Methoden gearbeitet haben, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Allerdings war das bereits vor ’68 so, schon die Propagandamethoden der Nationalsozialisten waren äußerst modern. Der Faschismus konnte bereits in den 20ern mit subkulturellen Elementen aufwarten und eine eigene Ästhetik kreieren. Durch sein jung-dynamisches Selbstverständnis ergab sich das fast zwangsläufig. Von der These, die Neue Rechte sei eine Art rechte Spiegelung von ’68, halte ich daher nicht viel. Allerdings hat man die Methoden und Theorien der Neuen Linken genau studiert, bis hin zu deren Analyse des modernen Kulturspektakels. Benoists Forderung einer „Kulturrevolution von rechts“ war natürlich an den Erfolgen der ’68er auf diesem Gebiet orientiert. Schließlich ist jede politische Strömung, die sich nicht modernisiert und von den Erfolgen anderer lernt, zum Scheitern verurteilt. Insgesamt halte ich die ’68er-These aber für überschätzt.

Die sollte hier auch nicht vertreten werden. Neurechte Protestformen wie die „Konservativ-Subversive-Aktion“ oder das Bemühen, die „kulturelle Hegemonie“ zu erlangen, bauen allerdings explizit auf Methoden auf, die links entwickelt wurden.
Die „Konservativ Subversive Aktion“ war zunächst ein Akt performativer Piraterie, um einen „68er-Kongress“ in Berlin zu störten – mit den Methoden der „68er“, also Flugblättern und Parolen. Schon die Namensgebung orientierte sich an der „Subversiven Aktion“ der 60er Jahre. Als die Akteure merkten, dass die Medien darauf ansprangen, folgten noch einige andere Interventionen, Bühnenbesetzungen und ähnliches. Jenseits der Form waren die Inhalte allerdings dürftig. Es war ein Spiel mit dem Spektakel, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, in gewisser Weise die Blaupause für die „Identitären“. Aber so neu war das alles nicht, rechte Provokationen gab es auch in den Jahrzehnten davor. Das Gefühl, mit etwas Neuem konfrontiert zu werden, liegt eher daran, dass die Medien jahrzehntelang ein falsches Bild von der äußersten Rechten vermittelt haben: Unterprivilegierte Primitivlinge und unartikuliert Schläger. Dabei gab es auch rechtsaußen stets Akademiker und Intellektuelle. Die Erzählung von der tumben Glatze war eine Legende zur Selbstberuhigung der Gesellschaft, da man so das Problem auf polizeiliche Maßnahmen und etwas Jugendpflege reduzieren konnte. Auch das Konzept der „Kulturellen Hegemonie“ war nicht neu, wenn man genauer hinsieht. Debatten zur Nationalisierung der Kultur prägen das gesamte 19. Jahrhundert und wurden vor allem gegen Ende des Kaiserreichs scharf von rechts geführt. Als Alain de Benoist sich ausgerechnet auf den Marxisten Gramsci berief, fiel vor Aufregung kaum jemandem auf, dass er die ganze Klassenfrage unter den Tisch hatte fallen lassen, die für Gramscis Denken prägend gewesen war. Letztendlich ging es wie später bei den Stör-Aktionen darum, sich interessant zu machen. Aber es hat funktioniert.

Anfang des Jahres forderte der CSU-Politiker Alexander Dobrindt eine Abkehr von ’68 und eine „Konservative Revolution“. Damit verwendete er einen Begriff, der innerhalb der Neuen Rechten eine jahrzehntelange Tradition hat. War das Zufall oder Absicht?
Das war sicher kein Zufall, da Dobrindts Essay gespickt von den Topoi der Neuen Rechten war. Der Autor des Textes, sicher irgendein Referent, dürfte eifriger Leser der Jungen Freiheit und ähnlicher Blätter sein. Allerdings war der Artikel insgesamt eine recht unzusammenhängende Kette von Ressentiments und Durchhalteparolen, gefühlskonservativ und wirtschaftsfreundlich, bayerisch, europäisch, da war alles drin. Doch gewissermaßen kam mit ihm der Begriff „Konservative Revolution“ an seine Anfänge zurück, da sein „Erfinder“, der Publizist Armin Mohler, in den Siebzigern als Berater von Franz Josef Strauß wirkte und Autor im parteieigenen Bayernkurier war. Positionen wie sie heute von Gauland oder auch Höcke vertreten wären, waren da noch gang und gäbe. Insgesamt war Dobrindts Text ein recht durchsichtiger Versuch, den bayerischen Wählern zu signalisieren, dass sie nicht AfD wählen müssten, sondern ihr Kreuz nach wie vor bei der CSU machen sollten.

In der Politik gibt es gegensätzliche Ansätze, der AfD den – mithin recht starken – Wind aus den Segeln zu nehmen: Die einen fordern eine konsequente inhaltliche Abgrenzung, die anderen positionieren sich selbst weiter rechts, um so Wähler zurückzugewinnen. Was ist zielführender?
Wie man sowohl an der sächsischen CDU als auch an der CSU sehen kann, bringt es nichts, die Partei zu kopieren. Das kommt am Ende nur der AfD zugute, die dann weiter die Inhalte setzen kann. Ich bin für einen deutlichen Gegenkurs, zumal die Partei inhaltlich kaum etwas zu bieten hat, wenn sie nicht gerade gegen Flüchtlinge hetzen kann. Vor allem muss man endlich klarmachen, dass diese Rechte nicht die Antwort auf Islamisten, sondern lediglich deren Zwillingsbrüder sind.

Der Historiker Thomas Wagner bemängelt, Kritiker der Neuen Rechten würden sich fast ausschließlich mit deren in Teilen rechtsextremer Geschichte, aber kaum mit ihren Argumenten auseinandersetzen. Er plädiert für eine „hart geführte Diskussion“ mit den Protagonisten der Neuen Rechten. Sehen Sie das ähnlich?
Wagner ist kein Historiker, sondern Soziologe. Das wird dann zum Problem, an dem er 1968 als „Geburtsstunde“ der Neuen Rechten definiert. Damit verkürzt er nicht nur die Geschichte der Strömung, sondern auch deren Inhalte. Ein großer Teil der Weltanschauung, wie sie etwa im Antaios Verlag gepflegt wird, schöpft nämlich aus dem Reservoir des europäischen Faschismus der Zwischenkriegszeit. Ich habe daher im „Argument“ sein Vorgehen kritisiert, neurechten Kadern eine Bühne zur Selbstdarstellung zu geben. Er hat in meinen Augen nicht „hart“ mit ihnen diskutiert, sondern ihre Positionen teilweise unwidersprochen reproduziert. Die äußerst positiven Reaktionen von Antaios-Autoren auf seine Thesen zeigen, dass sie ihn nützlich finden. Diese Punkte fand ich schade, da sein Buch an sich lesenswert ist.

 

Titelfoto: Annette Hauschild / Ostkreuz

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