• Kolumne
  • Frieden ist

    Conrad Meißner

    Kolumnist Conrad sinniert darüber, was Frieden bedeutet. Die Sonntagskolumne für einen stressigen Dienstag.

    Ich sitze mit einer Freundin in der Tram und soll ihr sagen, was mich antreibt. „Ein starkes Drängen nach Frieden“, antworte ich. Erst später wird mir klar, wie paradox das klingt.

    Ich ziehe um. Jeden Tag gibt es mehr zu tun. Probleme, die neue Probleme schaffen. Sich in die Länge ziehen. Und dabei will ich nur eins: Endlich soll der Umzugsstress zu Ende sein! Wenn ich nachts wach liege, beobachte ich wie ein altbekanntes Denkmuster sich in meinem Kopf abspielt: Jetzt fehlt nur noch den Mietwagen mieten, die Schlüsselübergabe und der Umzug selbst…dann ist es geschafft!

    Kolumne über Frieden

    Kolumnist Conrad sinniert darüber, was Frieden ist.

    Jetzt schlafe ich seit drei Nächten in meiner neuen Wohnung und noch immer stapeln sich vor meinem geistigen Auge unzählige von unerledigten Unbequemlichkeiten, die in einem bedrohlich engen Zeitrahmen abgefertigt werden müssen. Und dann?

    Dann kommt wieder Uni, und Arbeit, Semesterbeginn und Weihnachten, Frühling und Sommer, Sommer und Winter…

    Wenn ich manchmal stillsitze (für sehr lange Zeit), dann spüre ich irgendwann, wie der Sauerstoff mit jedem Atemzug in meine Zellen fließt. Sich kurz niederlässt, Anlauf nimmt und wieder zurückeilt zur Lunge. Da habe ich das Gefühl, das sei Frieden. Warum aber, denke ich dann, schon im nächsten Moment daran, aufzustehen?

    Ist es die Zeit, die dafür sorgt, dass Stoffe in Bewegung geraten? Oder sorgt die Bewegung von Teilchen dafür, dass Zeit vergeht? Ein Junge, der an einem sonnigen Sonntag über eine grüne Wiese fährt – angetrieben von den Teilchen oder der Zeit oder von beidem, auf jeden Fall unablässig angetrieben—ist ein friedlicher Anblick. Wenn ich mich selbst friedlich fühle.

    Zwei Menschen, die sich küssen – das ist ein friedliches Bild, oder nicht? Aber ich bin eifersüchtig.

    „Suchst Du denn nach äußerem oder nach innerem Frieden?“, fragt mich meine Bekannte in der Tram und erhebt sich als wir in die Station einfahren. „Ich frage mich,“, antworte ich, „ob man das trennen kann.“

    Etwas, das ich als gestörten Frieden wahrnehme – Unglück, welches ich sehe und als solches wahrnehme, oder auch das Glück anderer, welches mich neidisch macht – ist zu allererst auf einen Unfrieden in mir selbst zurückzuführen. Was mich unzufrieden macht, ist meine Unfähigkeit, die Realität zu akzeptieren, wie sie ist. Sei es, weil ich einen Sinn suche, eine Beschäftigung, eine Ausflucht vor der Leere; in jedem Fall aber: ein Ziel. Alles fließt. Die Teilchen, die meinen Körper ausmachen, sind unaufhaltsam in Bewegung. Sie müssen irgendwohin. Sie brauchen einen Horizont, auf den sie zusteuern können, der mir ein Gefühl von Bestimmung gibt. Sie können nicht stehen bleiben und genauso wenig kann ich stehen bleiben und deshalb werde ich auch niemals ankommen. Auf Frieden zu drängen ist schwachsinnig. Es ist ein Widerspruch in sich. Frieden kann ich nur erlangen, wenn ich endlich lerne zu akzeptieren, und nicht beständig versuche zu verändern. Ob ich nun aus der Tram steige oder mein neues Bett endlich zusammengebaut habe. Solang ich nach dem Frieden suche, finde ich ihn nicht. Solang ich auf ihn warte, wird er nicht kommen: Frieden ist.

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