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  • Manchen Herausforderungen sollte man sich einfach stellen

    Pauline Reinhardt

    Das Schauspiel Leipzig inszeniert Goethes „Faust“ – sechs Stunden lang. Denn es wird nicht nur „FAUST I“ gezeigt, sondern sich auch unterwegs in der Stadt mit „FAUST II“ beschäftigt.

    Was in Teil eins der literaturkanonischen Tragödie „Faust“ geschieht, lässt sich kurz zusammenfassen: Der lebensmüde Faust schließt einen Pakt mit dem Teufel Mephisto und verwandelt sich wieder in einen jungen Mann. Er schwängert das schöne Gretchen, bringt ihre Mutter und ihren Bruder um. Gretchen tötet im Wahn ihr Kind. Warum also sollte man sich sechs Stunden lang mit dieser Tragödie auseinandersetzen? Nicht etwa, um „FAUST I + II“ auf der Liste von Extremerfahrungen abzuhaken. Auch nicht, um schließlich alle Sprichwörter Goethes auswendig zu kennen, die unter der Regie von Enrico Lübbe zur Parodie gesteigert werden: „Wenn die Sonne lacht, nimm Blende acht.“

    Sondern, um sich Zeit für Goethes Meisterwerk zu nehmen, jede Silbe zu verstehen und sich auch dem unbekannteren „FAUST II“ anzunehmen. Der lange Abend beginnt zunächst mit Teil eins auf der Großen Bühne. Begleitet wird die Inszenierung von einem beeindruckenden Theaterchor. Sinnlose Wissensansammlungen in Form von Eselsbrücken – gesungen, gesprochen, gereimt – prasseln auf den leidenden Gelehrten Faust (Wenzel Banneyer) ein. Auch heute können sie als Sinnbild für den Lehrbetrieb verstanden werden. Und am studentischen hat sich seit Goethes Zeiten noch viel weniger geändert.

    Sechs Stunden Faust in Leipzig

    Der Chor ist in dieser Inszenierung mehr als nur kommentierendes dramatisches Mittel.

    Faust macht einen fast schizophrenen Eindruck, besonders durch die zunächst von Kinderschauspielern verkörperten Begleiter Sorge, Mangel, Not und Schuld. Die Wiederholung von ganzen Szenen, gepaart mit Geräuschen, die klingen, als würde Faust versuchen eine slawische Sprache zu lernen (Prz – Tsch – Kwm), verursacht beim Publikum großes Unbehagen.

    Auch die Gretchentragödie kommt nicht zu kurz: Julia Preuß spielt ein Gretchen, das anders als gewohnt eine vorlaute, etwas dümmliche Lästerschwester ist, aber dabei so, so unglücklich. Bei ihrem Schlussmonolog fällt es besonders in Zeiten, in denen Abtreibungsgesetze wieder in aller Munde sind, schwer, nicht in Tränen auszubrechen. Man möchte Faust am liebsten in die Hände eines guten Nerven- und Gretchen in die eines Frauenarztes geben – eine Art aristotelisches Mitleid, das nur eine ausführliche, gut durchdachte und grandios besetzte Inszenierung erzeugen kann. Umso enttäuschender, dass der Abend nach zwei Stunden so ganz anders weitergeht.

    Sechs Stunden Faust im Schauspiel Leipzig

    Wenzel Banneyer als Faust und Julia Preuß in der Rolle des Gretchens überzeugen durch Authentizität und sportliche Höchstleistungen auf der Drehbühne.

    Es folgt „FAUST II“. Drei verschiedene Goethe-Puppen streiten sich über das Thema „Der Tragödie zweiter Teil“ und leiten damit zu den drei verschiedenen Touren über, für die man sich schon beim Ticketkauf entscheiden musste. Das ist witzig und absurd, mehr aber auch nicht.

    Bei Tour 1 geht es um „Die Erfindung des Reichtums“, wobei man zunächst mit Audioguides durch die dunkle Innenstadt läuft. Das mutet wie ein Sozialexperiment an, wenn die Geschwindigkeit der Guides nicht zum Gehtempo der älteren Teilnehmer passt. Auch die anschließende Diskussion in der Alten Handelsbörse ist nicht uninteressant. Aber die Spannung fällt, wenn plötzlich nicht mehr Schauspieler auf der Bühne stehen. Das Themenpotpourri des Abends zweiten Teils kann als Metapher für den überbordenden Inhalt von „FAUST II“ gedeutet werden. Es funktioniert als kleiner Workshop über Geld und Macht, aber nicht im Theaterkontext. Wie wäre es denn mit einer Inszenierung, der es durchgehend gelingt einen eigenen Fokus zu setzen? Warum nicht einfach und radikal sechs Stunden lang „Faust“ auf der Bühne präsentieren? Manchen Herausforderungen sollte man sich einfach stellen.

    Nach der Tour kehrt das Publikum ins Theater zurück. Einige Plätze bleiben frei, denn trotz der Pausen war es ein anstrengender Abend. Für den Schlusschor lohnt sich die Müdigkeit. Aber ich bleibe noch immer unwissend über „FAUST II“ zurück.

     

    Weitere Vorstellungen von „FAUST I + II“ finden an folgenden Terminen statt: 5., 6., 20. und 21. Oktober, jeweils ab 18 Uhr. „FAUST I“ wird am 2. November, 1. und 21. Dezember jeweils ab 19:30 Uhr aufgeführt. Außerdem gibt es von Januar bis Juni 2019 weitere Termine.

    Fotos: Schauspiel Leipzig / Rolf Arnold