• Kolumne
  • Der Ungin des Lebens

    Alexander Sinoviev

    Semi-nüchtern und verzweifelt über einen Pappbecher Whisky-Cola gebeugt, sinniert unser Kolumnist Alexander darüber, warum keiner mehr einfach besoffen sein will.

    Anfang der 40er Jahre. Nordafrika-Casablanca, einer der letzten freien Bastionen der Hemisphäre. Schwarz-weiß.. Ein SS-Offizier fragt Rick alias Humphrey Bogart, den Besitzer von Rick’s Cafe Americain, welche Nationalität er habe, worauf er lakonisch erwidert: „Trinker.“

    Klar, damals galt Saufen noch als sophisticated und als erste Wahl, wenn es darum ging, Distanz zwischen sich und der beschissenen Welt/Realität aufzubauen, gerade in einer Zeit, in der die Nazis noch weite Teile derselbigen beherrschten. Heutzutage ist ein Drink vor allem dazu da, ein persönlich-affektiertes Lifestyle-Statement zu setzen, das einen vom obszön biertrinkenden Plebs abheben soll:

    Nach mir die Ginflut

    Nach mir die Ginflut

    Beim Gin sollte schon das Wacholder-Aroma im Mittelpunkt stehen und überhaupt sollte er von einem blinden Mönch destilliert werden, der ein hippes Spirituosen-Startup in den Bergen von Albanien besitzt. Dazu Tonic aus dem Supermarkt? Natürlich nicht, dort gehen ja echte Menschen einkaufen. Man lässt sich natürlich auch sein Tonic direkt von einem indischen Guru importieren, am besten erst, nachdem die Queen das Wässerchen gesegnet hat.

    Mein Mitgefühl gilt den armen Barleuten, die die koketten Arroganzanfälle ertragen müssen, wenn ein junger Boheme-Darsteller seine exotische Lieblings-Gin-Marke nicht bekommt (die kein Schwein kennt), um sich süffisant lächelnd als besonders krasser Kosmopolit zu fühlen. Wahrscheinlich wählt er dann trotzdem AfD. Solche Leute spucken auch den Wein bei diesen lächerlich redundanten Weinproben aus.

    Lasst uns von Bogi lernen und einfach wieder saufen, um ein bisschen Spaß zu haben, die Welt zu ertragen und einen Nazi über den Haufen zu schießen. Muss ja nicht gleich zu radikal werden.

     

    Titelfoto: Pixabay

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