• Film
  • Kampf der Relikte

    Lisa Marie Schulz

    Nach jahrzehntelanger Entstehungs-Odyssee hat es Terry Gilliams „The Man Who Killed Don Quixote“ endlich auf die Leinwand geschafft. Doch ist, was so lange währt, auch zwangsläufig ein Meisterwerk?

    Als geflügeltes Wort steht der „Kampf gegen Windmühlen“ für das illusionistische, vergebliche Aufbäumen gegen etwas, das sich nicht ändern lässt. In Terry Gilliams „The Man Who Killed Don Quixote“ ist es das Filmemachen selbst, welches durch Miguel de Cervantes klassische Romanfigur zum Thema wird und die Kreativität sinnbildlich der Windmühle des Kapitalismus gegenübersteht.

    Die turbulente und langwierige Entstehungsgeschichte des Films, die mittlerweile zwei Dokumentationen hergegeben hat („Lost in La Mancha“ 2002, „He Dreams of Giants“ 2019) ist eine der großen Mythen der Filmgeschichte. Durch schlechtes Wetter, Geldmangel und schließlich Krankheit des Hauptdarstellers wurde die im Jahr 2000 begonnene Produktion bereits nach sechs Tagen abgebrochen. Acht Jahre später kehrte Gilliam zum Drehbuch zurück und erarbeitete allmählich, was nun endlich als fertiger Film in die Kinos kommt.

    Tobys riesen Ego gibt am Set den Ton an

    Nur riesige Riesen-Requisiten sind Tobys Ego angemessen

    Die ambitionierte Metapher um die ethischen Verpflichtungen der Menschen hinter der Kamera wird aufgerollt durch die Gegenwart und Vergangenheit des Werberegisseurs Toby. Zynisch und arrogant im weißen Anzug mit Hut wird er vorgestellt. Beim Dreh eines Werbespots für eine Wodka-Marke erscheint er als wandelndes Stereotyp. Er nennt die Regieassistentin beim heftigen Flirtversuch mit falschem Namen, wird von der Frau des Produzenten verführt und macht die schon horrend teuren Dreharbeiten in Spanien mit absurden Anweisungen noch teurer. Doch Toby war nicht immer so. In einem Restaurant verkauft ihm ein fliegender Händler eine DVD von Tonys eigenem allerersten Studentenfilm, gedreht in einem kleinen spanischen Dorf, zufällig ganz in der Nähe. Eingeholt von seiner Vergangenheit als junger Künstler mit großen Visionen und kleinem Budget kehrt er in das Dorf zurück und muss feststellen, dass nicht nur er, sondern auch seine Laiendarstellerbesetzung von damals sich sehr verändert hat. Besonders hart traf es seine Hauptdarsteller: Ein Schuhmacher, direkt aus der Werkstatt in die Rolle des Don Quixote gecastet, und die damals nur 15-jährige Angelica, besetzt als angebetete Jungfrau in Nöten. Während der Schumacher mittlerweile fest davon überzeugt ist, wirklich Don Quixote zu sein und als Dorf-Wunderling in einer Hütte wohnt, hat es Angelica auf Tonys Geheiß in die weite Welt verschlagen, wo sie jedoch anstatt einer Schauspielkarriere nur Arbeit als Escort fand.

    Angelica ist keine süßen 15 mehr und weiß sich zu verteidigen

    Angelica weiß: Wer allein in einer Höhle baden möchte, sollte ein Messer bei sich tragen

    Aus Reue und Pflichtgefühl stolpert Tony immer weiter in die Wahnvorstellungen seines Don Quixotes und gibt so selbst dessen treuen Begleiter Sancho, um Angelica heldenhaft aus den Fängen des Wodka-Magnaten zu befreien. In gewohnter Terry-Gilliam-Manier folgt visuelle und narrative Abstrusität auf Abstrusität und wie Tony weiß man auch als Zuschauer am Ende nicht genau, was eigentlich real und was Wahn war.

    Leider merkt man „The Man Who Killed Don Quixote“ an, wie oft Teile der Geschichte umgeschrieben und ersetzt wurden. Insbesondere durch die offenkundige metaphorische Bedeutung der Geschichte, die eine große Wahrheit über die Filmindustrie aufzeigen soll, erscheint die Handlung zumindest teilweise noch aus dem Jahr 1989 zu stammen, als Gilliam sie das erste Mal ersann. Dass der Konflikt zwischen Kapitalismus und Kreativität ebenso relevant und sogar verbunden ist, mit dem Konflikt, der entsteht, wenn Männer in Machtpositionen eben diese missbrauchen, hat nichts deutlicher gezeigt als die #metoo-Bewegung. Angesichts Terry Gilliams Aussagen, diese sei eine außer Kontrolle geratene Hetzjagd und es gäbe genug Frauen, die von Harvey Weinsteins „Avancen“ profitiert hätten, wirkt das in Ansätzen progressive Frauenbild in diesem Film doch eher schal und die richtige und wichtige Richtung verfehlt.

    In Hollywood gibt es viele Relikte, die es zu bekämpfen lohnt, doch vielleicht ist Terry Gilliam schon etwas zu lange dabei und sollte, wie sein Don Quixote, die Lanze weitergeben.

     

    In den Kinos ab 27. September 2018

     

    Fotos: Copyright Diego Lopez Calvin

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