• Kolumne
  • Wohneinsamkeit

    Paul Schuler

    Die Ferien beginnen und die Wohnung leert sich. „Endlich Ruhe“, denkt man und ist plötzlich ganz alleine. Was man an seinen Mitbewohnern hat, wird Kolumnist Paul erst im Nachgang so richtig bewusst.

    Es ist eine besondere Stimmung, welche nicht jedem bekannt ist, aber keinem vergönnt sein sollte. Die letzte Bastion in einer WG zu sein, welche sich kurzfristig zur WE, der Wohneinzelgenossenschaft, umwandelt.

    Noch fünf Tage bis ich selbst die Wohnung verlasse, alle Fenster schließe, den Herd noch zweimal prüfe und meine Zahnbürste vergesse. Nun muss aus den Essensresten das letzte Abendmahl kreiert werden. Kreiert, ein widerwärtiges Wort, von dem ich lange Zeit dachte, es müsse sich auf „geiert“ reimen.
    Ist es nicht himmlisch? Endlich mal nur die eigenen Haare aus der Dusche entfernen, besonders wenn man sie selbst nur wenige Millimeter lang trägt. Meine Musik in der Küche anmachen wann ich will und ganz in Ruhe nackt vom Zimmer ins Bad laufen. Auch die passionierten Duscharien stoßen nicht auf trockene Kommentare wie: „Brauchst du Hilfe beim Duschen oder war das Gesang?“.

    Selbst der tote Dosenfisch, der die Lizenz zum Riechnervkitzeln hat, kann unbedarft seinem Job als Brotbelag nachgehen. Das anfangs noch ungewohnt, leicht zögerliche Durchschreiten der Wohnung im FKK-Stil wird mit jedem Tag des Alleinseins mehr zum Normalzustand. Vergleichbar mit der Entscheidung, in Badehose ins Schwimmbecken zu pinkeln, weicht das Gefühl der Scham dem der Freiheit.
    So die Vorstellung.

    Kolumne Allein in der WG

    Frühstück in aller Einsamkeit

    Doch statt eines neuen Brotes müssen die Toastreste des Mitbewohners verwertet werden, plötzlich fühle ich mich sehr britisch. In der Spüle lagern sich aufgrund der Missnutzung erste Sedimentsschichten ab. Die Säuberungsversuche zeigen Erfolg und der lange verloren geglaubte Lieblingslöffel taucht wieder auf.

    Doch die Abende, wie sollen sie vergehen? Für ein Bier zu alleine, für eine warme Mahlzeit zu faul, für Selbstgespräche zu eitel – denke ich. Die dummen Witze, die mir durch den Kopf schießen, kommen nicht zur Aussprache und wenn doch, verhallen sie im leeren Raum. Nun koche ich doch, versuche mich an einer Sauce Tomatienne, greife nach dem Karton durchgerührter Tomaten und frage laut: „Was ist denn hier passiert?“, drehe mich um und grinse in die Einsamkeit. Kein verständnisloses Kopfschütteln oder lieb gemeintes Lächeln.

    Denn was eine Wohngemeinschaft zu einer Wohngemeinschaft macht, sind zwei Dinge: Zum einen das Wohnen. Zum anderen die Gemeinschaft. Dass man sich mit einer Gemeinschaft auch die Eigenheiten und Marotten der Mitbewohner als Zwangshaustiere hält, die einem manchmal ans Bein machen, ist den meisten nach nicht allzu langer Zeit bewusst. Um zu verstehen, dass genau das es ist, was man am meisten vermisst, bedarf es stiller Momente.
    Wie schon Jakob Maria Mierscheid sagte:

    Einsamkeit
    ist Zweisamkeit
    nur von Mensch und Glück befreit

    Also greift die Hand zum Telefon, wählt die einzige Nummer, welche auch über Jahre im Kopf geblieben ist: „Mama, ich glaube, ich komme morgen schon.“

    Verwandte Artikel

    Von Bescheidenheit und Solidarität

    Andreas Pichlers Dokumentation „Der Sechste Kontinent“ nimmt den Zuschauer mit zum Besuch bei einer Südtiroler Wohngemeinschaft der besonderen Art.

    Film | 6. Juni 2018

    Solokonzert

    Kolumnistin Pia bleibt meist lieber zuhause anstatt etwas alleine zu unternehmen. Jetzt war sie das erste Mal ohne Begleitung auf einem Konzert.

    Kolumne | 12. August 2018