• Kolumne
  • In Gedenken an den Sommer

    Marie Nowicki

    Kolumnistin Marie versucht jetzt jeden der wenigen letzten Sommertage zu genießen, denn der Winter droht schon am Horizont. Eine Abhandlung über das allgegenwärtige Wetterjammern und das Rückbesinnen

    Der Sommer stirbt. Passiert tatsächlich jedes Jahr wieder. In den letzten drei Monaten des Hitzelochs und den Semesterferien konnte der Alltag noch ein bisschen mehr als sonst liegen bleiben und es war gesellschaftlich akzeptiert, ja geradezu erwartet, zu jeder Tageszeit ein, zwei, oder gleich drei Eis zu essen. Jetzt werden die Tage wieder kälter, die Sonne verschwindet jeden Tag ein Minütchen früher und alle bereiten sich vor auf kuschelige Abende in übergroßen Pullovern mit einem Tee in der einen Hand und einem Kürbis in der anderen. Der Lebkuchen lauert schon seit einer Woche wieder in den Regalen aller Supermärkte und wahrscheinlich läuft nächste Woche zum ersten Mal wieder „Last Christmas“ im Radio.

    Meine persönlichen Differenzen mit der ankommenden Abkühlung sind dagegen noch ein großes Stück banaler.

    Heute Morgen habe ich meine Beine, die sich durch die ewige Luftigkeit von den Schenkeln abwärts an den grenzenlosen Platz gewöhnt haben und sich ausdehnen und herumwackeln konnten, in meine Skinny Jeans gezwungen. Hätten meine Knie Münder, würden sie schreien wollen, was sie nicht könnten, weil das Hosenbein wie Gaffa-Tape um sie klebt. Das gnädig wirkende Atemloch für Knie mancher zerrissener Hosen ist da auch nur wie ein müder Witz, wie das winzige und einzige Fenster in dem muffigen Kellerabteil eines Gefängnisses.

    Natürlich könnte man nun die Modeindustrie für den Trend beklagen, wegen dem sich so viele Menschen in die engsten Beinschläuche quetschen und eine Lobesrede auf die neuste, weit geschnittene Mom-Jeans beginnen, aber das tragische Schicksal der rundum von Stoff umgebenen Beine bleibt. Und so beklage ich gegen Ende des Sommers den Abschied meiner Beinfreiheit.

    Kolumnistin Marie

    Kolumnistin Marie im Jammermodus

    Normalerweise, jedenfalls in zwei Dritteln des Jahres, brauche ich für eine produktive Arbeitsweise den Halt einer richtigen Hose. Versuchte ich in schlabbriger Jogginghose meine Hausarbeit zu schreiben, auch mein Gehirn wäre schlabberig und bereit, sich faul und ohne jegliche Gedanken auf ein Sofa zu legen.

    Die angezogene Hose wird somit, wenn man mal ganz weit mit ganz viel gutem Willen weiterdenkt, das Symbol meiner Produktivität und, diese Banalität noch ein bisschen weitergedacht, die Grundlage meines erwachsenen Lebens.

    Retten davor kann einzig und allein der Sommer, in dem ich keine Stütze durch einen baumwollenen Griff an meinen Beinen brauche. In meinem Blümchenrock mit freiatmenden Waden zahle ich meine Rechnungen auch nicht sehr viel lieber, aber kann danach ein Eis essen und in einen See springen. Meine Knie, hätten sie Nasen, wären von Sommersprossen geziert und hätten sie Münder, würden sie wahrscheinlich etwas von meinem Eis abhaben wollen. Und alles ist wieder gut.

    Daher: Ohjeminee. Herrje. Oh nein. Ich werde ganz sicher den gesamten Winter über jammern und schluchzend dem ersten warmen Sonnenstrahl entgegenfiebern.

    Allerdings bin ich mir nach all diesen absolut wasserdichten Argumenten für die totale Überlegenheit des Sommers trotzdem genauso sicher: Noch vor drei Wochen lag ich genauso wie alle anderen Menschen, die mit plötzlichen 37 Grad in Leipzig konfrontiert waren, in meiner leeren Badewanne, denn die kühle Emaille machte die Hitze wenigstens ein bisschen erträglich. Das Echo meiner Stoßseufzer hallt dort noch immer nach, das Sehnen nach kühlen Temperaturen, die verzweifelte Frage: Wann kann man endlich wieder einen Tee im wollenen Pullover genießen? Mein Wunsch ist in Erfüllung gegangen, nun haben wir den Salat und sind alle am Maulen wie eh und je.

    Und so schließt sich der Kreislauf des Jammerns.

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