• Film
  • Vom Pageturner zur Leinwandkunst

    Patricia Stövesand

    Die Verfilmung von Ian McEwans Roman „Kindeswohl“ brilliert mit nervenzerreißender Dramatik und fragt nach den Werten unserer Zeit.

    Fiona Maye (Emma Thompson) ist eine gestandene Frau. Als Familienrichterin läuft sie durch das High Court in London, fällt binnen Minuten Urteile in prekären Fällen von Kindeswohlgefährdung und lässt den Abend bei einer Probe mit ihrem Streichquartett ausklingen. Als ihr Mann Jack (Stanley Tucci) ihr eröffnet eine Affäre mit einer seiner Studentinnen zu haben und das Ehegelübde damit zu zerbrechen droht, stürzt sich Fiona noch mehr in ihre Arbeit –  bis sie den Fall des 17-Jährigen Adam Henry (Fionn Whitehead) auf dem Schreibtisch liegen hat. Der Junge ist an Leukämie erkrankt und benötigt dringend eine Blutspende, die seine Eltern aufgrund ihrer Mitgliedschaft bei den Zeugen Jehovas verweigern. Fiona merkt schnell, dass sie sich in einem moralischen Zwiespalt befindet und muss sich die Frage stellen, ob Gesetz und Recht über der Würde des Menschen stehen dürfen. Da sie anzweifelt, dass Adam sich der Folgen seiner oder der seiner Eltern getroffenen Entscheidung bewusst ist, besucht sie ihn im Krankenhaus.

    Was sich daraus entwickelt ist eine Abwärtsspirale aus Schuld, Verzweiflung und einem Wettlauf gegen die Zeit. Obwohl Fiona in der Entscheidung der Eltern akute Kindeswohlgefährdung sieht und das Gericht die Bluttransfusion anordnet, rettet sie Adam nur kurzzeitig. Während Fiona ihre Ehe mit Jack wiederbelebt und sich neuen Fällen im Gericht zuwendet, bemüht sich Adam, Kontakt zu seiner Lebensretterin zu halten, den Fiona allerdings strikt unterbindet. Bis zu dem Tag, an dem Adam erneut erkrankt  und eine Bluttransfusion braucht, die der inzwischen Volljährige verweigert. Für Fiona beginnt ein erbitterter Kampf gegen die Zeit und gegen ihre emotionale Verschränktheit, dem sie nicht standhalten kann.

    Fiona vor einer großen Entscheidung.

    Wird Fiona dieses Mal weiterspielen oder für immer schweigen?

    „Kindeswohl“, produziert von Richard Eyre, zieht alle moralischen Register und dringt immer wieder so tief in seine Zuschauer ein, dass man nach 100 Minuten Spielzeit erschöpft und aufgelöst zurückbleibt. Der Zuschauer stellt sich ununterbrochen die Frage, wie er an Fionas Stelle entscheiden würde und weiß, dass es für keine Partei einen zufriedenstellenden Ausgang geben wird. Richard Eyre schafft es, mit seiner Produktion den hochgepreisten gleichnamigen Roman von Ian McEwan glorreich zu adaptieren. Mehr noch, er überholt den Roman mit einer detailliert gestalteten emotionalen Reichweite und lässt den Zuschauer gedanklich während des Films Randnotizen machen.

    Emma Thompson und Stanley Tucci tragen ebenfalls zu einer sich langsam entstehenden Leinwandkunst bei, können aber McEwans und Eyres Meisterwerk nicht für sich gewinnen, sondern sind nur schönes Beiwerk. Genau damit schafft Eyre etwas, das seit Jahren kaum zu sehen war: Eine Geschichte, die von so fundamentaler Bedeutung und Ästhetik ist, dass ihre Schauspieler nur Werkzeug sind und Platz für die Geschichte als solches lassen. „Kindeswohl“ ist kein Film zum Vergnügen, vor allem dann nicht, wenn man Fiona beim Weihnachtskonzert des Gerichts spielen sieht und weiß, dass Adams Zeit gerade abläuft. Seit Jahren ist das die womöglich beste Romanverfilmung und ein Lehrwerk für Moral und Werte in unserem Leben. Nicht nur weil Fiona eine nachhaltig falsche Entscheidung trifft, sondern weil sich vermutlich jeder Zuschauer mit einer ähnlichen Situation konfrontiert sah oder sieht.

     

    In den Kinos ab 30. August 2018

     

    Fotos: Copyright 2018 Concorde Filmverleih GmbH

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