• Reportage
  • Lebensgeschichten im Eilzug-Tempo

    Luise Bottin

    Die blauen Westen an den Gleisen sind ihr Markenzeichen, uneingeschränkte Hilfe ihr oberstes Ziel: Ein Blick hinter die Arbeit der ehrenamtlichen Mitarbeiter der Leipziger Bahnhofsmission lohnt sich.

    Etwas versteckt liegt er – der Ort, an dem der Leipziger Hauptbahnhof sein Strandgut anspült. Eine traditionsreiche Stätte, die sich täglich neben dem modernen Mobilitätstempel behaupten muss. Beim Betreten verschwindet die Hektik von Zügen und Gleisen. Hier gibt es keine Eile und kein Ziel.
    Das charakteristische Logo der Ökumenischen Bahnhofsmission prangt gut sichtbar auf der blauen Dienstweste, die sich Harald Sieber einmal wöchentlich überstreift. Jeden Donnerstag ist der Rentner für die Leipziger Bahnhofsmission im Dienst – seit über 14 Jahren. Er ist einer von mehr als 2.000 ehrenamtlichen Mitarbeitern der bundesweit verteilten Hilfsorganisation, die sich als offene Anlaufstelle für Menschen in und am Bahnhof versteht. Als Knotenpunkt der sozialen Hilfe ist der Aufgabenbereich der Bahnhofsmission ungemein vielfältig: Sie hilft mit Auskünften, beim Ein- und Umsteigen oder begleitet alleinreisende Kinder oder Personen mit Schwierigkeiten im Reiseverkehr. Auch in akuten Nöten und existenziellen Notlagen leisten die Mitarbeiter Hilfe oder vermitteln an entsprechende Fachstellen weiter.

    Harald Sieber arbeitet seit 14 Jahren bei der Bahnhofsmission in Leipzig

    Seit 14 Jahren dabei – Harald Sieber ist der dienstälteste Ehrenamtliche in der Leipziger Bahnhofsmission

    Für Sieber beginnt der Tag um 9 Uhr, wenn er sich – gekleidet im charakteristischen Blau – auf den Weg zum Hauptbahnhof macht. Es ist ein ruhiger Vormittag und die entspannte Atmosphäre an den Gleisen spiegelt sich in der Stimmung des Rentners wider. Freitags und sonntags ist es deutlich hektischer in Europas größtem Kopfbahnhof. Während seiner Schicht läuft Sieber mehrere Runden durch die Hallen und über die Bahnsteige. „So zeige ich Präsenz und signalisiere, dass man bei mir Hilfe bekommen kann“, erklärt er. Und tatsächlich spricht ihn bereits nach wenigen Sekunden eine ältere Dame an: „Da habe ich ja Glück, dass ich Sie sehe!“ Sie bittet ihn, ihre Taschen aus einem Gepäckfach zu Gleis 8 zu bringen – sie selbst ist nach einem Schlaganfall auf eine Gehhilfe angewiesen.

    Die Unterstützung in Notsituationen jeglicher Art sowie die uneingeschränkte Würdigung aller Menschen bleibt das charakteristische Kennzeichen der Bahnhofsmission. „Es ist nicht unsere Aufgabe, zu richten“, ergänzt Sieber und schnauft, als er die schweren Taschen ins Zugabteil hievt.
    Die lebendige Geschichte der Bahnhofsmission reicht bis ins Jahr 1894 zurück: Durch gesellschaftliche Veränderungen des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts zog es Mädchen und junge Frauen in die Städte, um dort bezahlte Arbeit zu finden. Zur Vorbeugung gefahrvoller Lagen wie Prostitution oder Wohnungslosigkeit organisierten sich Freiwillige, die vor allem aus christlicher Gesinnung versuchten, die jungen Frauen bereits bei ihrer Ankunft zu empfangen und ihnen Hilfe anzubieten. So entstanden Bahnhofsmissionen als Orte des Schutzes, die sich im Laufe der Zeit zu Anlaufstellen für alle Hilfesuchenden am Bahnhof entwickelten.

    Beim Gang zurück in die Osthalle tritt eine Bahnmitarbeiterin an Sieber heran: „Könnten Sie die Herrschaften zum Fahrkartenverkauf begleiten? Das ist so schwierig zu erklären“, fügt sie entschuldigend an ein älteres Ehepaar gewandt hinzu. Die beiden wollen Bekannte in Chemnitz besuchen, erzählt die 89-jährige Rentnerin Sieber auf dem Weg zum Ticketschalter. Dieser hört aufmerksam zu, unterbricht kaum – er ist es gewohnt, manchmal in zehn Minuten ganze Lebensgeschichten zu erfahren.

    Bahnhofsmission hilft beim Umstieg

    Die Umsteigehilfe an den Zügen zählt zum vielfältigen Aufgabenbereich der Bahnhofsmission.

    Als eine Gruppe uniformierter Polizisten vorbeiläuft, nickt Sieber ihnen grüßend zu. Oft schon musste er selbst den Notruf wählen, meist wegen schlimmer Beleidigungen oder Gewaltandrohungen, aber auch aufgrund medizinischer Notfälle. „Es gibt nichts, was ich nicht kenne“, murmelt der Rentner resigniert. Obwohl die schönen Momente seiner Arbeit überwiegen, stößt er ab und zu an seine persönliche Schmerzgrenze. Er erzählt von einem schwerbehinderten jungen Mann im Rollstuhl, den dessen Frau wortwörtlich auf die Straße stellte – seitdem lebt er bei seiner Mutter, die ihn jeden Tag über den Bahnhof fährt. „Da muss ich manchmal schlucken, wenn ich solche Geschichten höre.“ Siebers Stimme bricht, als sich sein nasser Blick in der Bahnhofshalle verliert. Den Rentner berühren solche Erlebnisse sichtlich, verkraften kann er sie nicht immer.
    Viel Zeit für Sentimentalität bleibt jedoch nicht, eine laute Stimme schallt ihm quer übers Gleis entgegen. „Es ist kein Verlass mehr auf die Bahn“, schimpft ein älterer Mann mit Rollator und zieht mit zittrigen Fingern seine Fahrkarte aus der Tasche. Sieber kann ihn beruhigen und zeigt ihm den separaten Reservierungsschein, den der Mann nicht fand. Anschließend plaudern die beiden noch über Segelschiffe und Sommerurlaube. Es scheint, als seien alte Freunde aufeinander­getroffen. Das ist der Effekt der blauen Weste, dieses instinktive Vertrauen. Vielleicht liegt es aber auch nur an Siebers überspringendem Charme.

    Seine Runde ist vorbei und es wird Zeit, zurück in die Räumlichkeiten der Mission zu gehen. Neben Sanitäranlagen, Büros und einer kleinen Küche befindet sich hier auch ein Lager mit grundlegenden Textilien und Hygieneartikeln. An den Wänden hängen Fotos von Weihnachtsfeiern und Grillfesten neben Leipziger Straßenkarten und Fußballkalendern.
    Es klingelt oft – an der Tür und am Telefon. Niemand, der Hilfe benötigt, wird hier abgewiesen. Das wissen auch Rolf Brandt* und Uwe Klein*, die im hintersten Raum der Bahnhofsmission vor Kaffee und abgelaufenen Ostersüßigkeiten sit­zen. Die beiden sind jeden Tag hier, neben Wärme und einem heißen Getränk schätzen sie vor allem das Verständnis der Missions-Mitarbeiter: „Hier begegnet man uns ohne Vorurteile und mit Herz“, betont Klein. Der gelernte Rinderzüchter lebt von Erwerbsunfähigkeitsrente. 1989 hatte er einen schweren Verkehrsunfall, bekam nach Hirntrauma und Schädelbasisbruch epileptische Anfälle, fand keine Arbeit mehr. „Aber Unkraut vergeht nicht“, sagt er grinsend und meint damit nicht nur sich selbst. Den 57-jährigen Brandt traf er am Bahnhof, durch ihn erfuhr er von der Mission. Brandt lebt seit zweieinhalb Jahren auf der Straße, den Grund möchte er nicht verraten. Die zentrale Lage der Bahnhofsmission erlaube ihm „einen schnellen Kaffee oder ein schnelles Schwätzchen“. Das möchte er nicht mehr missen.

    Ehrenamtlich bei der Bahnhofsmission

    Die blauen Dienstwesten signalisieren, dass man hier Hilfe bekommen kann.

    Ob nun Umsteigehilfe am Gleis oder moralische Seelsorge – es ist die Abwechslung, die Sieber an seiner Arbeit am meisten liebt: „Es ist nie sicher, was passieren wird und daher kann man auch kein Schema abarbeiten.“ Hunderte Anekdoten weiß er zu erzählen und reiht Geschichte an Geschichte – bis aus ihnen Wirklichkeit wird: Ein Mann betritt das Missionsbüro; ein Fuß ist nackt, der andere steckt in einem dreckigen Flipflop. Er müsse seinen Zug nach Plauen erwischen, wurde jedoch bestohlen und habe nun weder Papiere noch Geld – so seine Version der Ereignisse. Er fragt nach einem Kaffee und etwas zu essen. Auch in solchen Situationen hilft die Bahnhofsmission und gewährt eine Notfallversorgung aus Tiefkühlbrot und Schmalz. Obst, Tee und Kaffee stehen ohnehin immer zur Verfügung. Der Mann zieht sich in die hinteren Räume zurück, im Gehen greift er sich noch den Flyer einer Drogenberatungsstelle.

    Sieber wirft einen Blick auf die Uhr. Er muss sich beeilen, ein bestellter Auftrag wartet an Gleis 16 auf ihn. Während er sich auf den Weg macht, erinnert er sich an einen Demenzkranken, den er auf der Strecke von Chemnitz nach Leipzig begleitete. „Ich trug seinen Koffer in den Zug und stand plötzlich alleine da. Er hatte sich ins Nachbarabteil zu einer jungen Dame gesetzt – sie war wohl spannender als ich“, schmunzelt der Rentner. „Bahnhofsmission Mobil“ nennt sich dieser Service, welcher sich an Menschen mit Schwierigkeiten im Reiseverkehr richtet, die vom Start- bis zum Zielbahnhof betreut werden.

    Siebers helle Augen leuchten auf, wenn er von solchen persönlichen Erlebnissen erzählt und man spürt, wie sehr ihn die oft tiefe Dankbarkeit der Menschen berührt. „Die Arbeit hier ist anspruchsvoll, aber sie stiftet Sinn und fordert heraus. In kaum einer Tätigkeit kann man mehr über sich selbst, über andere und über das Leben lernen“, sagt er und wendet sich dem Zug zu, der gerade einfährt. Ruhig steht er da, inmitten der hektisch vorbeieilenden Menschenmassen. Ohne Eile, aber mit Ziel.
    * Namen von der Redaktion geändert

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