• Film
  • Schmetterling auf der Flucht

    Luise Bottin

    Die Neuinterpretation des eindrucksvollen Fluchtdramas „Papillon“ erzählt von der existenziellen Kraft der Freundschaft und unerschütterlichem Lebenswillen unter extremsten Bedingungen.

    „Ihr werdet vielleicht das Bedürfnis haben, zu fliehen. Gebt dem ruhig nach – wir erschießen euch gern. Und selbst wenn euch die Flucht gelingt, gibt es zwei weitere Wärter, die immer im Dienst sind: Der Dschungel, in dem ihr verhungert und das Meer, dessen Haie immer hungrig sind.“

    Dies ist nicht die schönste Begrüßung, die man beim Eintreffen an einem neuen Ort erhalten kann. Aber die berüchtigte Strafkolonie St. Laurent in Französisch-Guyana ist auch kein schöner Ort. Es mag daher nicht überraschen, dass ein Film, dessen Handlung sich vorrangig in diesem Gefängnis abspielt, nicht voller Blumen und Regenbögen ist, sondern an Leid und Schmerz nicht vorbeikommt.

    Basierend auf dem autobiografischen Roman „Papillon“ von Henri Charrière und dem Drehbuch des gleichnamigen Films aus dem Jahr 1973 inszeniert Regisseur Michael Noer eine Neuauflage des Klassikers. Charlie Hunnam verkörpert dabei den Tresorknacker Charrière, der seinen Spitznamen „Papillon“ einem Schmetterlings-Tattoo auf dem Schlüsselbein verdankt. Im Frankreich der 30er Jahre wird er zu Unrecht wegen Mordes verurteilt und muss seine lebenslange Haftstrafe in einer Strafkolonie in Französisch-Guyana verbüßen. Auf dem Weg dorthin begegnet Papillon seinem reichen Mitgefangenen Louis Dega (Rami Malek), der wegen gefälschter Geldanleihen in Haft ist. Nachdem Papillon ihn vor einem Angriff anderer Häftlinge verteidigen konnte, treffen sie eine Vereinbarung: Dega steht fortan unter Papillons Schutz, im Gegenzug finanziert der Fälscher dessen Fluchtversuche. Im Laufe der Zeit entwickelt sich zwischen den beiden Männern eine tiefe Freundschaft, die ihnen hilft, den schweren Arbeitsdienst und die Misshandlungen durch die Wärter zu überleben.

    Gefangenenlager

    Regisseur Noer gelingt es, die katastrophalen Zuständen des Lagers einzufangen.

    Was anfänglich an „Flucht aus Alcatraz“ oder „Die Verurteilten“ erinnert, entwickelt sich hier zu einem der besten Gefängnisdramen, die je gedreht wurden. Das Straflager zerstört den sensiblen Dega, dem beim Anblick von Blut die Beine wegknicken. Und es zerstört Papillon, der sich so sehr nach Freiheit sehnt. Die Freundschaft der beiden – anfänglich nur vom Motto „Du schützt mein Leben, ich bezahle deine Flucht“ getragen – entspinnt sich durch das überragende Schauspiel von Charlie Hunnam und Rami Malek, von deren Leistungen ich keine präferieren kann und möchte.

    Regisseur Micheal Noer gelingt es, die Stimmung des Ortes auf die Zuschauer zu übertragen – selten wurde ein Film so bedrückend und bewusst unangenehm angelegt. So muss nicht nur Papillon ständig auf der Hut sein und um sein Leben fürchten, auch dem Publikum ist im Kinosessel keine ruhige Minute vergönnt.

    Freundschaften in Gefangenschaft

    Papillon freundet sich mit dem reichen Louis Dega an.

    Wenige andere Gefängnisfilme sind atmosphärisch so dicht erzählt und wissen nicht nur mit nervenzerreißender Handlung, sondern auch mit Charakteren und Stimmung zu überzeugen. Denn diese stimmen bei „Papillon“ von Anfang an: Die katastrophalen Zustände der Strafkolonie verstärken die Intensivität der Szenen und beklemmen auch mich als Zuschauerin, die Atmosphäre des Films scheint oft unwirklich. Brilliant erscheinen mir die Szenen von Papillons fünfjähriger Einzelhaft in einer winzigen Zelle – wenn ich gezwungen werde, mich auf Hunnams intensives Minenspiel zu konzentrieren.

    Die Tatsache, dass das Ganze auf wahren Begebenheiten beruht, muss man mitunter ausblenden, um das Geschehen auf der Leinwand ertragen zu können: Die harte körperliche Arbeit, die Krankheiten, die seelischen und körperlichen Misshandlungen durch Mitgefangene oder die sadistischsten Wärter, die die Filmgeschichte seit „The Green Mile“ gesehen hat…

    Henri Charrière schrieb sein autobiografisches Buch – das ich an dieser Stelle ebenfalls wärmstens empfehlen kann – als eine Geschichte über Männer, Gefangenschaft und das Durchhaltevermögen des menschlichen Geistes. In diese großen Fußstapfen tritt der Film nicht nur, es gelingt ihm überaus erfolgreich, die Kraft von Freundschaft und Zusammenhalt in Bildern zu bannen. „Papillon“ dürfte einer der intensivsten Filme des Jahres werden.
    In den Kinos ab: 26. Juli 2018

     

    Fotos: Constantin Film Verleih GmbH