• Kolumne
  • Alles beim Alten

    Julia Nebel

    Julia geht nicht mehr in die Kirche. Zum Austritt konnte sie sich aber auch noch nicht entschließen, obwohl sie eigentlich um Konsequenz in ihrem Leben bemüht ist.

    Sonntagmorgens döse ich gemütlich im Bett oder laufe an ganz aktiven Tagen schonmal eine Runde am Fluss entlang. Überhaupt nicht in den Sinn käme mir jedoch, in die Kirche zu gehen. Das gilt jedoch bereits seit Beginn meines Studiums nicht nur an Sonntagen. Gottesdienste besuche ich nie und habe auch davon abgesehen mit der katholischen Kirche nichts mehr am Hut. Sie spielt keine Rolle in meinem Leben. Mitglied der Körperschaft bin ich trotzdem noch. Das passt nicht recht zu meinem Bemühen um Geradlinigkeit.

    Tiere esse ich nicht, weil ich es selbst niemals über das Herz brächte, sie zu schlachten. Folglich kann ich auch von niemand anderem verlangen, das für mich zu übernehmen. Die Konsequenz ist mein Fleischverzicht. Nach anfänglicher Euphorie bin ich nicht mehr regelmäßig ins Fitnessstudio gefahren, dann in der Regel gar nicht mehr. Als logische Konsequenz habe ich den Mitgliedschaftsvertrag gekündigt. Kostet ja nicht gerade wenig. In dieser Hinsicht drängt ein Kirchenaustritt nicht. Ich muss im Moment noch keine Steuer zahlen. Das Kostenargument allein zieht natürlich nicht. Schließlich bin ich schon kein Mitglied im Taubenzucht- oder Kegelverein, weil ich nicht Tauben züchte oder kegele und beidem auch nichts abgewinne. Doch ebenso wenig kann ich die meisten Positionen der katholischen Kirche nachvollziehen, geschweige denn, mich mit ihnen identifizieren. Ich fühle mich unwohl dabei, mich als Katholikin zu bezeichnen und bin genervt, wenn ich im Bürgeramt beim Ummelden des Wohnsitzes als Konfession „römisch-katholisch“ angeben muss. Meine weiterhin bestehende Mitgliedschaft ist unehrlich. Trotzdem ertappe ich mich oft dabei, wie ich andere Menschen für Unaufrichtigkeit verurteile. Erzählt mir eine Freundin, sie sei nur noch Kirchenmitglied, weil sie gern mal in weiß vor den Traualtar schreiten wolle, finde ich das, als Heirats-Romantik-Kitsch-Gegnerin, komplett lächerlich. Dabei sind meine Gründe, noch Mitglied der Kirche zu sein, alles andere als profund.

    Kolumnistin Julia

    Kolumnistin Julia

    Ein bisschen scheue ich den Aufwand eines Austritts. Während dem Fitnessstudio ein Schreiben genügte, erfordert die, zumindest steuerrechtliche, Trennung von der Kirche immerhin einen Besuch beim Standesamt, mit Personalausweis, Geburts- und Taufurkunde im Gepäck, und das Entrichten einer Gebühr von 18 Euro. Die geforderten Urkunden lagern natürlich nicht in meinem WG-Zimmer. Ich müsste sie bei meinen Eltern abholen, wobei ich nicht umhinkäme, den Grund dafür zu offenbaren. Einerseits steht nicht zu befürchten, deshalb zu Hause nicht mehr willkommen zu sein, andererseits geht es mir ja gerade um Aufrichtigkeit. Trotzdem habe ich keine große Lust, mich erklären zu müssen, vor allem im weiteren Verwandten- und Bekanntenkreis. Einfach alles beim Alten zu belassen ist herrlich bequem. Nicht zuletzt ist aber Konfessionszugehörigkeit gerade in meiner Heimatregion keine ausschließliche Glaubensfrage, sondern gewissermaßen Tradition und wirkt identitätsstiftend. Zwar halte ich mich eigentlich für alles andere als heimatverbunden, jedoch erklärt vielleicht eine unbewusste Angst vor dem Verlust eines beinahe letzten gemeinsamen Merkmals mit den Menschen dort mein langes Grübeln.

    Objektiv betrachtet halten mich nurmehr Bequemlichkeit und ein diffuses Gefühl davor zurück, innere Einstellung und Konfessionszugehörigkeit in Einklang zu bringen. Doch womöglich haben auch diffuse Gefühle ihre Berechtigung und es ist bereits ein erster Schritt, sich inkonsequenten Verhaltens bewusst und anderen Menschen gegenüber nachsichtiger zu sein, selbst wenn jene in weißen Kleidern heiraten wollen.

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