• Film
  • Im Wohnmobil durch das Gefühlschaos

    Franziska Roiderer

    Was wird passieren zwischen Jan und Jule? Das Romantik-Roadmovie „303“ bietet viel Bekanntes und ein bisschen Philosophie.

    Schnelles Atmen, schwarzer Bildschirm und ein Rilke-Zitat. So beginnt der neue Film von Hans Weingartner, dem österreichischen Regisseur, auf dessen Konto „Die fetten Jahre sind vorbei“ und zuletzt das Drama „Die Summe meiner einzelnen Teile“ gehen.  Sein neuer Film ist nun ein romantisches Roadtrip-Abenteuer. Mit dem Wohnmobil – Modellnummer 303 – geht es für die Berliner Studenten Jule (Mala Emde) und Jan (Anton Spieker) durch Westeuropa. „Echt cooles Teil ey, sau stark“, ist der Kommentar, den Jan seinem Alter angemessen zu dem Gefährt zu äußern hat.

    Bei der folgenden Reise werden kaum Klischees des Genres ausgespart: In jeder zweiten Szene ist ein Sonnenuntergang zu sehen, ständig starren Jan und Jule gedankenverloren auf das Meer, die Kamera folgt dem Wohnmobil durch mäandernde französische Bergstraßen. Der Soundtrack, bestehend fast ausschließlich aus amerikanischen Indie-Pop-Nummern, stampft dahin oder unterstreicht leisere Szenen mit einfältigem Akustik-Geklampfe. Die Emotionen sind stark, und damit das auch dem Publikum klar wird, bietet sich die gesamte Bandbreite persönlicher Tragödien, konzentriert auf die beiden Hauptpersonen. Zwischen Jule und Jan gibt es eine ungewollte Schwangerschaft, einen Bruder, der Selbstmord begangen hat, jede Art Beziehungsprobleme, einen gehassten Stiefvater, einen fremden leiblichen Vater und diverse Karriereenttäuschungen. Auch das Thema Abtreibung wird kurz als Plotpoint in Erwägung gezogen, dessen Abhandlung entgeht man dann allerdings elegant.

    Nichts an dem, was man nur mit viel gutem Willen „Handlung“ nennen kann, kommt besonders überraschend, und so lastet das Gros des Films auf den Schultern der beiden Hauptdarsteller. Diese versuchen, das Beste aus den teilweise doch recht forcierten Dialogen herauszuholen. Manchmal gelingt das erstaunlich schön. Ein Highlight des zweieinhalb-stündigen Opus ist tatsächlich ihr Gespräch über Selbstmord, welches die richtigen dramaturgischen Noten trifft. Das gleiche kann man nicht für alle Diskussionen dieser Art sagen. Es ist Weingartner anzurechnen, dass er versucht hat, mit philosophisch-anthropologischen Dialogen der Belanglosigkeit anderer Filme über junge Erwachsene zu entkommen. Das ihm das nicht gelingen kann, ist nicht überraschend, wäre es doch quasi ein Wunder, könnte man Gespräche über die Natur des Menschen in einem solchen Film natürlich wirken lassen. Was besonders enttäuschend ist, da diese Unterhaltungen einen Großteil der ohnehin etwas zu lang geratenen Laufzeit des Filmes ausmachen.

    Und so fällt es besonders ins Gewicht, dass die beiden Protagonisten in einem gesellschaftlichen Vakuum leben zu scheinen: Sie trinken Champagner, gehen in französische Restaurants und betanken ihr monströses Vehikel, über Geld reden sie dabei nicht. Ihre Gespräche über menschliche Beziehungen geraten erstaunlich heteronormativ, mit ständiger Erwähnung von „Kontrasten“, „Männlein und Weiblein“, die notwendig seien, um ein erfülltes Sexualleben zu garantieren. Schade, denn eigentlich hätte das Format des Films reichlich Gelegenheit geboten, um sich mit dem eigenen Horizont kritisch auseinanderzusetzen.

     

    In den Kinos ab 19. Juli 2018

     

    Fotos: Copyright Alamode Film

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