• Kolumne
  • Doppelmoral statt Doppelpass

    Tim Paul Büttner

    Profifußballer werden gleichermaßen vergöttert und verhasst. Warum wir sie einfach nur wie Menschen behandeln sollten.

    Der Fußball – in seiner Idealform ist er ein Fest der Körperlichkeit und der Sinne, bei dem Athletik, Kraft und Schnelligkeit auf Raumverständnis, Präzision und (Spiel-)Intelligenz treffen. Gleichsam gibt es wahrscheinlich kaum einen anderen Leistungssport, der für sein eigenes Dasein so viele Existenzen verheizt. Denn diese Gladiatorenkämpfe der Neuzeit finden in ihrem ganz eigenen Kosmos statt, der nach wie vor von Narzissmus und falschen Männlichkeitsidealen dominiert wird.

    Ähnlich wie in der Film- oder Musikbranche werden die Fußballer nach außen zu gottähnlichen Persönlichkeiten hochstilisiert, nach innen aber einem enormen physischen als auch psychischen Leistungsdruck ausgesetzt. Lange glaubte man, dass nur diejenigen, die mental gesund seien, auch den enormen körperlichen Belastungen gewachsen wären. Ein fataler Irrtum, der die beispiellose Weltfremdheit der Verantwortlichen offenbart.

    Als jüngst der Torwart Loris Karius die Niederlage des FC Liverpool im Champions-League-Finale zu verantworten hatte, ergoss sich ein wütender Schwall aus Häme und Verachtung über ihn. Im Sekundentakt fielen Sätze wie „Die Kugel soll er sich geben! Aber dafür fehlen ihm bestimmt die Eier!“. Gerechtfertigt wurde dies meist mit der Aussage, dass man mit Millionären kein Mitleid zu haben brauche, sie hätten sich doch freiwillig in dieses System begeben. Diese Worte kommen aus Mündern der Menschen, die ansonsten mantrahhaft „Geld macht nicht glücklich!“ vor sich hinmurmeln. Welche Doppelmoral!

    Sein Leben für den Platz

    Für ihn wurde die Last zu viel: Robert Enke

    Bereits 2003 trat der ehemalige deutsche Nationalspieler Sebastian Deisler mit der Diagnose einer Verletzung an die Öffentlichkeit, die damals wie heute viel zu sehr tabuisiert wird: Depression. Ein mutiger Schritt, den nicht jeder geschafft hat. Als 2009 der deutsche Torhüter Robert Enke Suizid beging, war das Geraune groß, doch wenig geschah. Ein Vorhang aus Mitleid und Verständnis sollte sich über das eigentliche Problem legen und dieses Vergessen machen. Doch immer mehr Spieler wagen den Schritt in die Öffentlichkeit und es offenbart sich ein leidvoller Anblick. Per Mertesacker berichtet von lähmenden Angstzuständen, Nils Petersen beklagt das oft facettenlose Leben der Profispieler. Die meisten Nachwuchstalente werden heimatfern in Umgebungen gezwängt in deren sozialem Gefüge sie Fremdkörper sind. Oft sprechen sie die Sprache nicht und das Einzige was in ihrer Existenz an diesem Ort zu zählen scheint, ist die pure Leistung. Und auch über diese verfügen sie nur für einen bestimmten Zeitraum. Eine schwerwiegende Verletzung und sie sind weg vom Fenster. Wer mit Anfang 20 noch nicht seine Karriere für das Leben nach dem Fußball plant, schafft oft den Absprung nicht und ist auf einmal ein Niemand.

    Letztlich steckt hinter jedem Sportler auch nur ein Mensch mit denselben existenziellen Sorgen und Wünschen. Wir sollten aufhören, sie wie Gladiatoren zu behandeln, die nur unserer Unterhaltung dienen.

     

    Fotos: pixabay.com

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