• Leipzig
  • Ein Kosmos für sich

    Annika Seiferlein

    Ob Stencils, Paste-Ups oder Sticker, Connewitz und Co. sind voll davon. Wir waren für euch mit Graffiti- und Street-Art-Künstlern unterwegs. Ein kleiner Einblick in die Vielfalt der Leipziger Szene.

    Die Sonne brennt und von Weitem bahnt sich Regen an. Die zwei Künstler Zoon und Stek treffen sich heute, um eine Runde durch die Südvorstadt zu drehen. Sie machen Street-Art in Leipzig und überall dort, wo sie gerade unterwegs sind. Während die Geschichte des Graffiti – das können gesprühte Schriftzüge oder auch figürliche Abbildungen sein – für die Stadt Leipzig Mitte der 80er Jahre beginnt, entsteht Street-Art erst später. Schon 1991 brachte jedoch der Urvater der Stencil-Kunst, Blek le Rat, eines seiner Schablonenbilder in Leipzig an.

    Ausgerüstet mit allerlei Material und Werken geht es erstmal die Karl-Liebknecht-Straße Richtung Feinkost entlang. Dabei ragt eine gerollte, transparente Plane aus Zoons Rucksack heraus. Er ist seit sieben Jahren als Street-Art-Künstler unterwegs, wobei er schon davor gemalt und gezeichnet hat. Gemeinsam peilen sie die unterschiedlichen Spots an: Stellen, an denen Street-Art angebracht wurde. „Oft fügt man an schon vorhandenen Spots hinzu oder eröffnet eben einen neuen“, erklärt Zoon. Ob versteckt hinter Ästen, an Hauswänden oder direkt sichtbar an Stromkästen: Wenn man genauer hinsieht, kann man die kreativen Objekte überall entdecken. Während wir laufen, stoppt Stek immer wieder, um seine Sticker anzubringen. Dafür hat er sich eine eigene Apparatur gebaut, bestehend aus einem Selfiestick und einer Klammer, mit der er auch an schwer erreich­bare Stellen wie die Rückseiten von Verkehrsschildern kommt.

    Street-Art in Leipzig

    Künstler Stek nutzt kreatives Equipment zum Anbringen seiner Sticker

    Techniken in Aktion

    Street-Art ist ein sehr weiter Begriff, nicht zu verwechseln mit Straßenkunst, da diese auch Straßenmusik einschließt. Im Laufe der Zeit haben sich verschiedene Street-Art-Techni­ken entwickelt. Stencils zum Beispiel entstehen mit Hilfe von Schablonen, mit denen die verschiedenen Darstellungen vor allem an Wände gesprüht werden. Schicht für Schicht entsteht so ein Bild, wobei für jede Farbe eine andere Schablone benötigt wird. Diese zeitaufwendige Technik betreibt Rude, ein weiterer Street-Art-Künstler aus Leipzig. Seine Motive sind vor allem von alten Fotografien aus den 20er bis 70er Jahren inspiriert. Die Schablone selbst befestigt er mit Klebeband, damit er die ausgeschnittenen Flächen mit Sprühfarbe ausfüllen kann. Vor allem an den Rändern muss er aufpassen, da sich seine Stencils durch ihre klaren Linien und Kontraste auszeichnen. Eines seiner Bilder zeigt einen kleinen Jungen in schwarz-weiß, der ein Tablet trägt. Darauf ist eine farbige Weltkugel mit der Aufschrift „Sold out“ zu sehen. Rude will mit seiner Kunst die „tristen Städte etwas bunter machen“. Eine Legitimation dafür habe er nicht: „Ich nehme mir das Recht einfach heraus, die Stadt zu verschönern.“

    Street-Art in Leipzig

    „Welt ist leider schon ausverkauft“ von Künstler Rude (Foto: Dustin Wenninger)

    Zurück in der Südvorstadt bleibt Zoon auf einmal an einem stark beklebten Kasten stehen. Mitten am Tag, mitten auf der Karli hat er ihn sich ausgesucht, um darauf sein zweites Paste-Up an diesem Tag anzubringen. Das ist ein entweder mit Schablonentechnik oder Siebdruck bedrucktes Papier, welches recht schnell mit Hilfe von Kleister befestigt wird. Zoon breitet die Plastikplane vor der Stelle aus. Selbstsicher gießt er Tapetenkleber aus einer alten zerknickten Plastikflasche auf einen großen rechteckigen Borstenpinsel. Er verstreicht die weiße Flüssigkeit auf der vorgesehenen Stelle und nimmt dabei all den vergangenen Dreck mit sich. Ein kleines Mädchen läuft mit ihren Eltern vorbei, schaut ganz erstaunt und fragt „Was machst du da?“. Zu schnell ist sie jedoch vorbei für eine Antwort. Zoon ist konzentriert. Vorsichtig muss er die fragilen Elemente ankleben, damit das Papier nicht reißt. Es zeigt einen roten Hund mit starrenden, gelben Augen, der zähnefletschend eine gelbe Banane bewacht. Der starke Kontrast zeigt sich nicht nur in der Farbe. Ein, zwei Mal wird noch Kleber darüber gekleistert. Fertig.

    Street-Art von Künstler Zoon in Leipzig

    Paste-Up-Kreativitat von Künstler Zoon

    Widrigkeiten

    Während Graffiti als Sachbeschädigung gelten, ist Street-Art eine Ordnungswidrigkeit, so wie das Überqueren einer roten Fußgängerampel oder wie Stek es ausdrückt: „Street-Art ist wie Falschparken.“ Neben der illegalen Weite an Möglichkeiten in der Stadt gibt es jedoch auch ein paar legale Flächen, wie am WERK 2 in Connewitz oder die Wall of Fame an der Antonienbrücke in Plagwitz. Abhilfe schaffen auch sogenannte geduldete Flächen, zum Beispiel in der Gießerstraße in Plagwitz oder eine Wand extra für Street-Art in der Feinkost. Die Flächen werden hier nicht von der Stadt, sondern von Privatleuten gestellt. In der Südvorstadt und Connewitz werden die illegalen Anbringungen jedoch meist toleriert: „Die Polizei hat hier einfach anderes zu tun“, erklärt Zoon. Grundsätzlich gilt innerhalb der Szene das Verbot, bestehende Werke zu übersprühen. Ganz anders ist das an den legalen Stellen: Diese können nach zwei Stunden schon wieder ganz anders aussehen.

    Im Gegensatz zu früher kann heute jeder seine eigene Kunst über Soziale Medien weltweit verbreiten. „Fast jeder hat einen eigenen Instagram-Account. Früher hat man anhand der Art der Graffiti noch erkannt, aus welcher Stadt sie sind. Da hat man sich nur innerhalb eines bestimmten Gebiets inspiriert“, erläutert Reus. Er ist seit einem Jahr in Leipzig, sprüht vor allem Graffiti, die meist den Schriftzug seines Namens zeigen. Mit verschiedenen Sprühdosen, Aufsätzen und Techniken gestaltet er nach und nach seine ausgewählte Wand. Je nach Aufwand braucht er zwei bis drei Stunden für ein Motiv.

    Legales Graffiti in Plagwitz

    Dick aufgetragen – Die Wände in der Gießerstraße hatten schon etliche Graffitis zu bieten

    Ob früher oder heute, Street-Art und Graffiti sind für viele Künstler nach wie vor mehr als ein Zeitvertreib. Viele können dabei entspannen und zu sich selbst kommen. Für Zoon kommt es sogar der Meditation gleich, wenn er die kleinteiligen Schablonen mit Skalpell und Diamantlupe vorfertigt.
    An der Feinkost angekommen, zieht sich der Himmel immer weiter zu. Zoon nimmt sich dennoch ein weiteres Paste-Up vor, sein letztes für heute. Der plötzliche Regenschauer unterbricht seinen Prozess und ein kleiner Junge bleibt allein, ohne Luftballons. Vielleicht findet man sie später, noch zusätzlich hinzugefügt an der Stelle, oder das Ganze ist komplett verschwunden. Denn letztendlich ist diese Kunst an den Straßen unserer Zeit vergänglich.

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