• Film
  • Von Bescheidenheit und Solidarität

    Anton Kästner

    Andreas Pichlers Dokumentation „Der Sechste Kontinent“ nimmt den Zuschauer mit zum Besuch bei einer Südtiroler Wohngemeinschaft der besonderen Art.

    Das Zusammenleben in einer Wohngemeinschaft kann manchmal schwierig sein. Werden die eigenen vier Wände von den meisten als ein Ort der Sicherheit und des Rückzugs gesehen, so ist das Konfliktpotential umso höher, wenn dort gegensätzliche Meinungen aufeinandertreffen. Dies ist auch im Haus der Solidarität in Brixen nicht anders. Trotzdem ist das Haus, das in Südtirol ungefähr auf halber Strecke zwischen Bozen und dem Brennerpass liegt, keine gewöhnliche WG. Im Haus der Solidarität leben 40 bis 50 Menschen verschiedenster Hintergründe zusammen. Die Bewohner des Hauses haben allerdings eines gemeinsam: Sie alle sind gestrandete Existenzen, wurden irgendwann in ihrem Leben aus der Bahn geworfen. Da ist Erwin, der ehemalige Alkoholiker und Gefängnisinsasse, der die Bewohner manchmal mit seinem Akkordeonspiel erfreut, ansonsten aber auch gerne in seinem Zimmer bleibt, wo er seine Ruhe hat. Hatem, der keine Anstellung als Koch findet, obwohl er sich in Italien schon eine feste Existenz aufgebaut hatte, bevor er durch die Krise keinen Job mehr bekam. Ousman, aus Afrika geflüchtet und jetzt in der Gastronomie beschäftigt. Oder Sumi, die sich vor ihrem Exfreund verstecken muss, der ihr rund um die Uhr nachstellt.

    Das Haus der Solidarität in Südtirol

    Das Haus der Solidarität bietet 40-50 Menschen ein Zuhause

    Anhand dieser vier Schicksale nimmt Regisseur Andreas Pichler den Zuschauer mit ins Haus der Solidarität, lässt ihn teilhaben an zauberhaften Momenten, aber auch an Streitigkeiten und am Gefühl großer Einsamkeit. Auch die Mitarbeiter des Hauses kommen zu Wort, die zwei Sozialarbeiterinnen Kathi und Miriam und die beiden Quereinsteiger Alexander und Karl, die alle vier mit größtem Engagement versuchen, ihre Bewohner wieder fest in den Sattel eines geregelten Lebens zu setzen. Doch auch sie berichten von den Schwierigkeiten und Enttäuschungen, die ihr Engagement im Haus der Solidarität mit sich bringt. Von ehemaligen Bewohnern, die sie nun im Dorf nicht einmal mehr grüßen. Von der Macht, über die Schicksale von Menschen zu entscheiden und das ungute Gefühl dabei, sich diese Macht doch überhaupt nicht verdient zu haben.

    So hat Pichler mit seinem Film eine subtile Dokumentation geschaffen, die sich wunderbar einpasst in das traumhaft schöne und gleichzeitig majestätische Bergpanorama des Ortes und das Wortkarge des Südtiroler Dialekts. Angenehm ist außerdem, dass der Film niemals abgleitet in die naive Utopie einer durch und durch harmonischen Multikulti-WG, sondern das Thema und seine Protagonisten ernst nimmt. Nichts wirkt gestellt, immer hat man als Zuschauer das Gefühl, Teil dieser besonderen Wohngemeinschaft zu sein. Man wird Zeuge, wie schnell Schicksale sich wenden können, im Positiven wie im Negativen. So ist „Der Sechste Kontinent“ eine Dokumentation, die nahe geht. Das Bewusstsein darüber, dass das geregelte Leben ein Drahtseilakt ist, bei dem man jederzeit runtergeschubst werden kann, macht bescheiden.

     

    Der Dokumentationsfilm „Der Sechste Kontinent“ läuft ab dem 07. Juni 2018 in den deutschen Kinos.

     

    Fotos: Copyright Real Fiction

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