Graue Zellen, weißes Haar

Paul Schuler

Inge Haupt ist eine von über tausend Seniorenstudierenden der Uni Leipzig. Das Besuchen der Vorlesungen ist für sie Hobby, Weiterbildung, Rekapitulation. Und vor allem eins – eine Lebensbereicherung.

An einem Freitagmorgen gegen neun Uhr stehen vor Hörsaal 3 des Campus der Universität Leipzig vier Personen und kontrollieren die Eintretenden anhand einer Liste. Es ist keine Gästeliste, sondern zeigt die angemeldeten Teilnehmer des Seniorenstudiums. Eine Stichprobe, wie mir mitgeteilt wird. Drinnen bereitet sich Professor Rudersdorf auf seine Vorlesung „Deutsch­land und Europa zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges“ vor. Der Saal ist gut gefüllt, nur vereinzelt blicken Gesichter unter dreißig Jahren nach vorn. Hinter so manchem Ohr schimmern mir silberne Hörgeräte entgegen.
Unter ihnen befindet sich die 80-jährige Inge Haupt, ein Leipziger Urgestein. Seit ihrer Geburt im Jahr 1937 ist sie der Stadt treugeblieben. Ich begleite sie an diesem Unitag, um selbst ein Gefühl für das Seniorenstudium zu bekommen.

Der Professor beginnt mit einer ausführlichen Begrüßung, speziell an die älteren Hörer gerichtet: „Ich hoffe, alle haben die Kontrolle überstanden. Wie ich sehe, ist niemand verhaftet worden.“ Ein kollektives Lachen geht durch den Raum. Rudersdorf ergänzt: „Ich bin so hineingelassen worden.“ Nicht selbstverständlich – nach diesem Sommersemester wird er in den Ruhestand gehen.

Lernabo

Rudersdorf nimmt sich Zeit für die Senioren im Publikum, erst fünfzehn Minuten nach offiziellem Beginn kommt er zum eigentlichen Thema. Zahlreiche altersgeaderte Hände huschen flink über das Papier und notieren in feingliedrigen Lettern das Vernommene. Unter dem Dach der Seniorenakademie werden das Seniorenkolleg, offene Bildungs­angebote, eine Ringvorlesung und das Seniorenstudium organisiert. Während das Kolleg zwei sechsteilige Kursreihen zu Wissensbereichen wie Medizin, Geschichte und Kunstgeschichte umfasst, entspricht das Seniorenstudium einer besonderen Art von Gasthörerschaft. Dabei können ältere Personen gemeinsam mit jüngeren Studierenden für 80 Euro pro Semester ausgewählte Veranstaltungen besuchen. Die Teilnahme an einer Kursreihe des Seniorenkollegs kostet 60 Euro.
Rudersdorfs Vorlesung ist die bestbesuchte Veranstaltung des für Senioren offenen Programms. Rund 170 von ihnen sind angemeldet. Der Professor kommentiert das in der Vorlesung mit: „Waren schonmal mehr, ich lasse nach.“ Für ihn ist das gemeinsame Lernen von Jung und Alt essentiell. In der Festschrift zum zwanzigjährigen Bestehen des Seniorenstudiums 2013 schrieb er: „Die Seniorenhörer wirken auf nicht geahnte Weise als Multiplikatoren in eine offene Akademiker- und Bürgergesellschaft hinein.“ Sein Motto für die über 25-jährige Lehrtätigkeit im Seniorenstudium: „Zukunft braucht Herkunft.“ Nach Rudersdorfs Wunsch sollten in Kaffeepausen ab und an Luther oder Wallenstein alltägliche Gesprächsthemen wie Preiserhöhungen in der Stadt ersetzen.

Ich überprüfe das nahe der Universität in einem Café. Inge Haupt sitzt aufrecht in einem Sessel und blickt mich aufmerksam an.
Für das Seniorenstudium stehen über 200 ausgewählte Vorlesungen offen, die im Windhundverfahren belegt werden. Haupt merkt auf die Frage an, weshalb sie ausgerechnet eine Vorlesung zur Frühen Neuzeit höre: Die neuere Geschichte habe sie ja selbst miterlebt.

Seniorenstudierende an der Universität Leipzig

Interessiertes Mitschreiben in der Vorlesung

Greifbare Geschichte

Die Brandbomben vom 4. Dezember 1943, die Panzer am 17. Juni 1953, am stärksten jedoch das Jahr 1989. „An einem Montag saß mein Sohn mit Frau und Kind bei mir. Er wollte zu der Demonstration gehen und sagte ‚Komm mit. Für deine Enkel‘. Ich war bis dahin aus Angst nie dort gewesen. Also nahm ich Schuhe, mit denen ich rennen konnte, einen wasserdichten Mantel und eine Kerze mit. Nichts war organisiert, das wird häufig falsch dargestellt.“ Im darauffolgenden Dezember wird zu einer stummen Demonstration in Gedenken der Opfer des Stalinismus aufgerufen. Menschen mit Kerzen stehen den Platzsuchenden Spalier, alles in vollkommene Stille gehüllt. „Ein greifbarer Frieden“, erinnert sich Haupt und bekommt Gänsehaut. Sie blickt nachdenklich an mir vorbei, ein erfülltes Lächeln liegt auf ihren Lippen.

Die Angebote der Seniorenakademie sind sehr beliebt. Im Sommersemester 2017 und im darauffolgenden Wintersemester waren insgesamt über 2100 Senioren im Kolleg und über 1000 als Seniorenstudierende angemeldet. Die höheren Zahlen des Kollegs dürften anhand der niedrigeren Hemmschwelle der Teilnahme zu erklären sein. So gibt es für verschiedene Interessen passende Angebote.

Obwohl die Seniorin kein A­­­bi­tur hat, zog es sie in jungen Jahre an die Universität. Noch im vom Krieg teilweise beschädigten alten Augusteum, welches die meisten heutigen Studierenden nur von Radierungen kennen, ging sie mit ihrem Vater zu Vorträgen. Später begann sie am Institut für anorganische Chemie eine Ausbildung zur Laborantin. Ein großes Glück, wie sie sagt. An der linientreuen Karl-Marx-Universität bildete die Chemie einen geschützten Bereich, der weniger politisiert wurde. Denn obwohl Haupt politisch nicht aktiv war, wurde sie nach eigener Aussage dauerhaft von der Stasi observiert. Ihr Engagement in der protestantischen Jungen Gemeinde genügte. Es hat sich viel verändert in Leipzig, auch an der Universität, heute sei es 100 Prozent besser dort. Die Repressionen zur DDR-Zeit hatte sie durch ihre Kinder erfahren müssen, die dort studierten. Das Gespräch wird kurz unterbrochen. „Ich muss mal meine Batterien für’s Hörgerät austauschen, dann bin ich wieder online.“ Die Seniorin legt eine kleine Batterie auf den Tisch und zwinkert mir zu. Bevor Haupt nach langer Zeit wieder an die Uni kam, war das Tanzen ihre jahrelange Leidenschaft. Sie leitete viele Jahre Tanzkurse für Senioren, besonders gerne klassische und Folklore, bis sie 2015 schwer stürzte. Damit war das Kapitel abgeschlossen. Mühsam erlernte sie wieder das Gehen und suchte sich neue Interessen. Ihre Tochter unterstützte sie dabei. Heute kann die Rentnerin ohne Hilfsmittel gehen, nicht einmal langsamer als ihre Kommilitonen. Sie beschreibt es so: „Das Leben, was ich jetzt habe, ist eine Zugabe.“ Diese Zugabe nutzt die Leipzigerin an der Universität „nicht als Ablenkung, ich nehme es als Bereicherung“.

Seniorenstudenten an der Universität Leipzig

In manchen Vorlesungen an der Uni überwiegen bereits die ergrauten Häupter

Neuanfang

Der Veranstaltungskatalog bietet einige Möglichkeiten dazu. „Das Angebot der Uni ist breit, das ist klasse. Ich bin sehr dankbar dafür“, sagt die Seniorin und strahlt über das ganze Gesicht. Vielleicht beginnt sie auch bald, Arabisch zu lernen. Bislang hatte sie sich auf geschichtliche Themen beschränkt. Dies ist dem mangel­haften Geschichtsunterricht der DDR geschuldet: „Es ging immer nur um Arbeiterbewegungen und Lenin. Durch und durch ideologisiert.“ Als der Geschichtslehrer gen Westen emigrierte, fiel der Unterricht zwischenzeitlich einfach aus. Mit dem Seniorenstudium kann Haupt ihre Wissenslücken füllen und einen schärferen Blick auf die Geschehnisse der Vergangenheit entwickeln. Die Universität versucht das möglichst zu erleichtern. Die Wege zu den Hörsälen sind alle barrierefrei, die Vorträge durch Lautsprecherverstärkung auch für schlechtere Ohren gut verständlich. Professor Rudersdorf betont die hohen Ansprüche an die Dozierenden des Seniorenstudiums: „Das freie Vortragen unter Einsatz medialer Unterstützung ist wichtig. Man muss interaktiv lesen und die Hörenden mit einbeziehen.“

Auch das Angebot der Seniorenakademie wird laufend angepasst. Teilnehmer des Seni­orenstudiums und -kollegs haben die Möglichkeiten, an Führungen durch Museen und Sammlungen der Universität teilzunehmen oder sich in Arbeitsgruppen einzubringen. Die offenen Bildungsangebote umfassen Kulturstudien, Sprachkurse und Kurse zu Neuen Medien. Es leuchtet also ein, weshalb häufiger Senioren in der Universität anzutreffen sind. Und es zeigt sich, wie lohnenswert es ist, auch mit anderen, unbekannten Kommi­litonen ins Gespräch zu kom­men. Denn Wissen und Geschichte gibt es nicht nur im Hörsaal.

Warum Haupt trotz der Fülle an Möglichkeiten nicht noch mehr Veranstaltungen besuchen möchte, kommentiert die Rentnerin schmunzelnd: „Ach, wenn man alles machen möchte, macht man’s meistens weniger gut.“

 

Fotos: Annika Seiferlein

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