• Kultur
  • Spiegel des eigenen Lebens

    Patricia Stövesand

    Mario Schröder inszeniert mit seinem „Schwanensee“ einen aktuellen und hochbrisanten Spiegel für ganze Generationen unserer Gesellschaft.

    Weiße Federn, unzählige Tüllschichten, das Klacken von Spitzenschuhen auf dem Bühnenboden, wedelnde Arme. Schwerelosigkeit, Zauber. Dramatik, Tod. Dies sind nur einige der Motive, die man mit dem Traditionsballett Schwanensee von Peter Tschaikowsky in Verbindung bringt. Mario Schröder aber hat mit der choreografischen Uraufführung dieses Stückes in der Leipziger Oper eine neue Dimension des Tanzes geschaffen, das den Zuschauer so tief berührt, wie Kunst Menschen nur berühren kann.

    Eine halbtransparente Bühnenwand zeigt die Mauern eines prunkvollen Palastes. Dahinter erstrecken sich mit Gold verzierte Möbel, welche die Wände eines riesigen Saales säumen. Auf einem blauen Sofa sitzt einsam Urania Lobo Garcia, die Prinzessin in Schröders Inszenierung. Sie ist gefangen im Palast ihrer Eltern und lebt fern von ihren Träumen und Sehnsüchten. Trotz vieler Anstrengungen schafft sie es nicht, sich aus dem eng geschnürten Korsett voller Konventionen und dem auferlegtem Reglement zu befreien. Der Kampf um Freiheit und Autonomie scheint verloren, auch ihr Mentor Benno, getanzt von Lou Thabart, scheitert an den gesellschaftlichen Ansprüchen. Garcia trifft zu ihrem Glück den weißen Schwan, Anna Jo und entflieht in eine trügerische Scheinwelt, die voller Möglichkeiten zu stecken vermag.

    Mario Schröders Inszenierung von Schwanensee

    Von den Konventionen der Gesellschaft bedrängt

    Schröders Inszenierung zaubert fantasievolle Sequenzen und stellt Szenen von so immenser zauberhafter Bildhaftigkeit dar, dass man ebenfalls beginnt zu träumen. Das Glück, das die Prinzessin in Momenten der Freiheit verspürt, schafft den Sprung über den Bühnenrand hinweg bis zum Zuschauer. Schröders Neuinterpretation der vier Schwäne, die nicht aneinander gereiht ihre alt bekannt Choreografie tanzen, sondern diese auf dem Boden liegend tanzen, wird von einem infiniten Spiegel gezeigt. Bühnenausstatter Paul Zoller arbeitet je nach Szene mit einer anderen Spiegelposition, sodass man das Orchester oder die Tänzer von oben sieht. Er erzeugt mit einem einfachen Mittel eine völlig neue räumliche Dimension, die intensive Bilder hervorbringt. Als der Tag anbricht und die Prinzessin wieder in ihrem Palast ist, endet der zweite Akt. Er endet mit einer Videoinstallation, die Wasser an den Wänden des Palastes hinunterlaufen lässt. Tränen, die ein Mensch verliert, wenn er an den Ansprüchen einer Gesellschaft und sich selbst scheitert.

    Obwohl die ersten beiden Akten verdeutlicht haben, dass Schröder auf traditionelle Motive in der Dramaturgie und dem Tanz verzichtet, ist die Spannung auf den dritten und vierten Akt enorm. Thematisch ist die Prinzessin wieder in dem aristokratischen Leben ihrer Eltern gefangen. Der schwarze Schwan, von Laura Costa Chaud getanzt, bittet um den Tanz und lässt die Prinzessin ihre aktuelle Situation vergessen. Er bewegt sich so frei, wie die Prinzessin gerne leben wollen würde und verzaubert die gesamte Gesellschaft des Balles. Lange hält dieses Glück nicht an, denn Rotbart, Marcos Vinicius da Silva, lässt den Schwan sterben. Gleichzeitig sterben alle Visionen der Prinzessin mit. Mit einer starken Entschlossenheit geht sie fort. Für immer.

    Was unter diesem Fortgehen zu verstehen ist, muss sich nun jeder Zuschauer selbst beantworten. Obwohl Tschaikowskys Musik bereits zu Ende gespielt ist, erklingt ein zaghafter und wunderschön klingender Einschnitt, der das Dahinscheiden so stark poetisiert, dass man eine Beklemmung spürt, wenn man an das leichtfertige Umgehen mit seinen Mitmenschen oder manchen Themen im Alltag denkt.

    Schröders choreografische Interpretation des „Schwanensee“ trifft den Nerv der Zeit. Mit einer enormen Sensibilität haben sich Christian Geltinger, Thilo Reinhardt und Mario Schröder mit dem Thema der Partizipation und Emanzipation, vor allem der Frau, beschäftigt. Sie zeigen das Leben der heutigen jungen Generationen, die hin- und hergerissen sind zwischen all den Möglichkeiten und dabei nicht mehr erkennen, welchen Preis sie dafür zu zahlen bereit sind. Man erkennt Sehnsüchte und Träume junger Menschen, die vielleicht öfter aufgegeben statt gelebt werden. Es wird angeprangert wie wir uns zu oft zurückhalten und einfach abschalten, statt aufmerksam mit unseren Augen und Herzen durch die Welt zu gehen. Gleichzeitig hat die Inszenierung einen brillanten künstlerischen und ästhetischen Wert, der den Zuschauer mit auf die Reise der Prinzessin nimmt. Sowohl das Leipziger Ballett, als auch das Gewandhausorchester unter der musikalischen Leitung von Giedre Slekyté leisten herausragende Arbeit. Am Ende des Abends hat Schröder seinem Publikum einen Spiegel seiner selbst vorgehalten. Ein imposanteres Werk und ein größeres Geschenk hätte er seinen Zuschauern nicht machen können.

     

    Weitere Vorstellungen finden am 25. und 26. Mai, am 02., 03., 14. und 19. Juni 2018 in der Oper Leipzig statt.

     

    Fotos: Oper Leipzig / Ida Zenna