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    Franziska Roiderer

    Seit 2016 macht die Rock-Band Isolation Berlin mit tieftraurigen Spelunkensongs auf sich aufmerksam. Nun kommen sie nach Leipzig um ihre neue Platte „Vergifte dich“ zu präsentieren.

    „Wenn du mich suchst, du findest mich am Pfandflaschenautomat“ – die Indie-Rock-Hoffnung Isolation Berlin hat auch auf ihrem neuen Album „Vergifte dich“ nicht verlernt, das Lebensgefühl von unterbeschäftigten und überprivilegierten Studenten einzufangen. Der Weltschmerz, die Tristesse, die Melancholie, diese Themen hat Sänger Tobias Bamborschke, der offen mit seiner Depression umgeht,  zu seinem Steckenpferd gemacht. In der Vergangenheit mit großem Erfolg  – zumindest in den Feuilletonredaktionen des Landes wurde das Debütalbum von 2016 mit Lob überhäuft. Und tatsächlich gelingt es Bamborschke auch auf „Vergifte dich“ wie keinem Zweiten, Empfindungen der Hoffnungslosigkeit und Überforderung in einer abweisenden Welt zu beschwören. Die oft angestrengtenVergleiche von dessen Stimme mit der von Rio Reiser sind zwar haarsträubend, enthalten aber einen Kern Wahrheit: Denn die Rotzigkeit, die Bamborschke an den Tag legt, ist von unüberhörbarer Schönheit.

    Die begleitenden Klänge reichen von der balladesken Akustikbegleitung auf „Vergeben heißt nicht vergessen“ bis hin zu krachigen E-Gitarrenexzessen auf „Kicks“.  Einen Titel wie „Produkt“  vom Debüt, in dem sich die Verzweiflung Bahn bricht und sich dramaturgisch einwandfrei  in scheppernden Schreien entlädt, sucht man auf dem neuen Album allerdings vergebens. Auch driftet das, was auf der ersten Platte noch authentisch und erbarmungswürdig klang, auf „Vergifte dich“ zuweilen fast in Selbstparodie ab: So im Stück „Wenn ich eins hasse, dann ist das mein Leben“, bei welchem der Titel eigentlich auch schon alles vermittelt, was an inhaltlicher Tiefe drinsteckt. „Marie“ handelt nach „Lisa“ und „Annabelle“  mal wieder von einer Frau, der im Refrain hilfreiche Ratschläge erteilt werden. Es drängt sich die Frage auf, ob sich Songwriter Bamborschke eventuell ein neues Themenfeld erschließen sollte, um allzu häufige Motivwiederholungen zu vermeiden. Und auch die melodischen Höhenflüge vergangener Tage können allenfalls auf dem Eröffnungstrack „Serotonin“ erreicht werden. Dieser allerdings verkörpert alles, was Isolation Berlin ausmacht: Ziellosigkeit, Traurigkeit – und Berlin. Das alles wird wunderbar untermalt von einem schunkeligen Seemannsrhythmus.

    Nun kommen diese Helden des Großstadtalltags erneut in das neue Berlin. Dort wird sich zeigen, ob sie auch transportieren können, was sie besingen.

    Isolation Berlin kommen am 11. Mai ins Naumann’s.

     

     

    Foto: Noel Richter