• Film
  • Frau über ihre Gedanken

    Von Lisa Marie Schulz

    „I Feel Pretty“ ist ein stimmiges Manifest dafür, dass innere Schönheit immer ihren Weg nach außen findet. Mit gelungener Komik wird auf den Punkt gebracht, was so oft schwerfällt zu glauben.

    Dass Feminismus mittlerweile eher hipper Trend als politische Überzeugung geworden ist, kann man durchaus bedauern. Aber es ermöglicht eben auch, dass das Thema der Gleichberechtigung der Geschlechter und so das Zu-Wort-Kommen-Lassen weiblicher Stimmen immer mehr Einzug in die Mainstream-Medien hält. Gemäß diesem Trend dreht sich die Handlung von „I Feel Pretty“ um Protagonistin Renee (Amy Schumer), die sich als „ganz normale Frau“ mit ihren Unsicherheiten in jedem Bereich ihres Lebens selbst im Weg steht. Sie ist unzufrieden mit ihrem unbedeutenden Job in der vergessenen Online-Abteilung von LeClaire, einer hochpreisigen Make-Up-Firma, und betrachtet sich jeden Abend traurig in ihrer Shaping-Unterwäsche im Spiegel. Sie träumt davon, schön zu sein, weil dann sicher alles besser wäre. Ihr Wunsch erfüllt sich, nicht klassisch dank einer Fee, sondern durch einen Spinning-Rad-Unfall und harten Sturz auf den Kopf. Plötzlich sieht sich Renee nicht mehr als eine Anhäufung von Fehlern, sondern als perfektes Supermodel.

    Obwohl „I Feel Pretty“ die schon oft gesehene Körpertausch-Prämisse nutzt, findet der Wandel nicht optisch, wie in „30 über Nacht“ oder im abgrundtieffurchtbaren „Schwer Verliebt“ statt, sondern eben nur in Renees Kopf. Für die anderen Charaktere im Film und selbst für die Zuschauer sieht sie immer noch genauso aus wie vorher. Genau das ist es auch, was das Besondere an diesem Film ausmacht. Wir müssen gar nicht sehen, was sie sieht, viel wichtiger ist, was sie tut und warum. Renee hat plötzlich entwaffnendes Selbstbewusstsein, bewirbt sich für ihren Traumjob an der Rezeption des 5th-Avenue-Hauptquartiers von LeClaire, fragt Männernach deren Nummer und nimmt sogar (ohne Bikini) an einem Bikini-Contest teil, einfach weil sie denkt, dass sie es kann. Und viel wichtiger: Sie bekommt alles was sie je wollte und lernt schließlich, dass sie es gar nicht brauchte.

    She's sexy and she knows it

    Renee (Amy Schumer) strotzt vor Selbstbewusstsein

    Natürlich ist „I Feel Pretty“ immer noch eine amerikanische Rom-Com mit retardierendem Moment und Moralkeule am Ende. Doch Regisseure und Drehbuchautoren Abby Kohn und Mark Silverstein haben in ihrem mittlerweile dritten gemeinsamen Film einen erzählerischen Ton gefunden, der in keinem Moment stockt oder missklingt und selbst mich, eine bekennende Feindin des Genres, unheimlich in seinen Bann gezogen hat.

    Amy Schumer, die sich schon seit längerem neben Comedy auch in der Schauspielerei versucht, überzeugt mit Natürlichkeit und besonders in Szenen mit Love-Interest Ethan (Rory Scovel) durch perfektes Comedy-Timing. Schauspielerisch überstrahlt wird sie jedoch eindeutig von Michelle Williams in der Rolle von Make-Up-Mogul Avery LeClaire. Die Konzeption der Figur als eine Art Karikatur von Ivanka Trump und Williams eigene Interpretation sind so stimmig und witzig, wie man es einer Nebenrolle nie zugetraut hätte.

    Selbst die schöne und reiche Avery LeClaire hat ihre Unsicherheiten

    Selbst die schöne und reiche Avery LeClaire hat ihre Unsicherheiten

    Der Veröffentlichung des Films war einige Kritik vorangegangen, die sich vor allem auf den Umstand bezog, dass Amy Schumer weiß und blond ist und ihr keine Gliedmaßen fehlen und so Witze über ihren Körper wohl kaum zur Akzeptanz von körperlicher Diversität führen könnten. Doch genau wie der Film nicht zufällig den Namen des Liedes aus Sondheims „West Side Story“ trägt, tragen Casting, Handlung und Witze die Botschaft, dass Unsicherheiten in jedem Menschen stecken und dass Selbstbewusstsein und eben auch Selbstakzeptanz, ungeachtet gesellschaftlicher Zwänge, der ultimative Schlüssel zum Glück sind.

     

    In den Kinos ab: 10. Mai 2018

     

    Fotos: Copyright Concorde Filmverleih GmbH