• Reportage
  • Wo der Pfeffi wächst

    Anne-Dorette Ziems

    Das Leipziger Start-Up Auwald-Destille produziert seit fast drei Jahren Pfefferminz- und Kirschlikör ohne Farbstoff. Die Geschichte von der Tischdestille bis zum Supermarktregal.

    Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ steht weiß auf schwarz auf einer Retro-Deko-Anzeigetafel in der Plagwitzer Wohnung von Sarah Stiller und Johannes Münch. Im Bücherregal stehen „#Girlboss“ und „Social Media Marketing“ neben „Die hohe Kunst des Destillierens“ und verraten mir auf den ersten Blick, dass es sich um die Wohnung eines Start-Up-Teams handelt. Die beiden Gründer der Auwald-Destille, welche den Pfefferminzlikör „Pfff“ und den Kirschlikör „Krsch“ produziert, haben sich im letzten Sommer den Traum erfüllt, hauptberuflich in ihrem Start-Up zu arbeiten. Das von dem Paar liebevoll als „Schnapsidee“ bezeichnete Projekt starteten die beiden bereits zwei Jahre zuvor.

    Pfefferminzlikör ist hip. Im StuK gehen laut studentischem Mitarbeiter jeden Dienstag sechs bis acht Flaschen Pfeffi und vier bis fünf Flaschen Berliner Luft über die Theke und auch bei mir beginnt fast jede Fete mit „Lass erstmal ’nen Pfeffi trinken“. Häufig höre ich dann aber auch „Nee Mann, davon muss ich eh nur kotzen“ als Antwort. Sarah und Johannes wollten gerne einen Pfeffi trinken, der nicht so eine Menthol- und Zuckerbombe ist wie die gängigen Sorten und beschlossen so eines Abends, ihren eigenen Pfeffi zu destillieren. Und zwar einen, den man nicht nur runterkippt, sondern der tatsächlich lecker pfefferminzig schmeckt. „Dann haben wir uns eine Tischdestille bei Amazon bestellt und angefangen, an einem eigenen Pfeffi-Rezept zu basteln“, erzählt Sarah von den Anfängen. Bei vielen existiert bestimmt noch die Synapsenverknüpfung zwischen Destil­lieren und Chemieunterricht. In diesem thermischen Trennverfahren nutzt man die verschiedenen Siedepunkte zweier Stoffe in einem Flüssigkeitsgemisch, um sie zu separieren.

     

    Gesetzeslage

    Bis Ende 2017 war es Privatpersonen erlaubt, Kleindestilliergeräte mit einem Fas­sungsvermögen von bis zu 0,5 Litern zur privaten Alkoholgewinnung zu nutzen – so wie Sarah und Johannes es gemacht haben. Diese Regelung ist mit Inkrafttreten des Alkoholsteuergesetzes am 1. Januar 2018 nun nicht mehr gültig. Die private Gewinnung und Reinigung von Alkohol ist damit in Deutschland unzulässig. Wer allerdings bereits vor Änderung der Gesetzeslage ein Kleindes­tilliergerät erworben hat, darf dieses auch weiterhin behalten, aber nicht mehr nutzen, informiert der Zoll auf seiner Internetseite. Da haben Sarah und Johannes aber nochmal Glück gehabt, denke ich und ärgere mich gleichzeitig, dass ich die Gelegenheit verpasst habe, die Produktion eines eigenen Likörs auszuprobieren – obwohl ich vorher natürlich nie darüber nachgedacht hatte, dies zu tun.

     

    Start-Up-Alltag

    Heute hat die Tischdestille ausgedient, der Pfefferminzlikör wird in einer Manufaktur im Harz produziert und dort in Flaschen abgefüllt. Seitdem sind Sarah und Johannes in ganz Deutschland unterwegs, um ihren Pfff und Krsch an die Menschen zu bringen. Seit Januar stehen circa 600 Dienstreise-Kilometer auf dem Tacho.  „Es ist immer ein schöner Moment, wenn Leute bei Verkostungen erstmal das Gesicht verziehen, weil sie etwas Ekliges erwarten, und beim Herunterschlucken klärt sich dann der Gesichtsausdruck zu einem Lächeln“, schwärmen Sarah und Johannes.

    An der heimischen Cocktailbar

    An der heimischen Cocktailbar

    Natürlich läuft in so einem Start-Up nicht immer alles perfekt. Letztes Jahr sind sie fast einmal durch die Auflagenprüfung bei einer Ausstellung gefallen. „Manches wissen wir einfach nicht. Wenn man einen Stand draußen hat und Cocktails verkauft, braucht man zum Beispiel einen Sonnenschirm, damit nichts von oben ins Glas fallen kann – im Nachhinein irgendwie klar. Aber wir machen das alles mit so einem Augenzwinkern“, lacht Sarah und zeigt Fotos davon, wie ihre Motive für die aktuellen Flyer entstanden sind – nämlich auf dem sonst vollgestellten Schreibtisch im Wohnzimmer, über den eine weiße Papierrolle als Hintergrund gelegt wurde. „Wir haben dann noch bei Instagram gefragt, ob jemand ‘ne Fotolampe für uns hat“, erinnert sich Johannes. In der Auwald-Destille hat sich das System der Arbeitsteilung bewährt. Sarah, die zuvor im Vertrieb von LemonAid und ChariTea arbeitete, kümmert sich auch in der Auwald-Destille darum. Johannes ist für Buchhaltung und Produktion zuständig.

    „Wollt ihr jetzt mal was trinken?“, fragt Johannes und bewegt sich schon in Richtung Küche, um den Cocktailshaker zu schwingen. „Äh, klaro“, lautet meine Antwort, die versucht zu kaschieren, dass ich mich auf diesen Moment am meisten gefreut habe. Es gibt „Peppermint Kiss“, einen Cocktail aus beiden Likören, der irgendwann aus Versehen entstanden ist, als Johannes jemandem Pfff einschenken wollte, aber übersehen hatte, dass noch Krsch im Glas ist. Der unfreiwillige Mix hat aber überraschend gut geschmeckt und wurde dann abgeschmeckt mit Sekt ins Cocktail-Repertoire aufgenommen.

     

    Darum Leipzig

    Für Sarah und Johannes ist Leipzig „die perfekte Base“. Die Gründungsszene hier sei überschaubar und man könne sich leicht vernetzen. Und Netzwerken sei das A und O für (zukünftige) Gründer. Starthilfe gab es für die beiden vom Förderprojekt „Gründungsberatung“ von der Säch­sischen Aufbaubank. Das Projekt unterstützt Personen mit Hauptwohnsitz in Sachsen, die sich selbstständig machen wollen. Das betrifft Unternehmensgründungen, Übernahmen eines Unternehmens sowie Ausweitungen eines Nebenerwerbs zum Vollerwerb. Beraten werden kann man beispielsweise zu Themen wie Standortsuche, Finanzierung oder Vertriebskonzept.  Auf die Frage, ob sie denn in Leipzig bleiben wollen, entgegnet Johannes: „Einmal waren wir auf der Bunten Republik Neustadt in Dresden, wollten danach noch an einen See fahren – gab’s keinen“, mit neutralem Merkst-du-selber-Blick. Leipzig ist wohl wirklich die perfekte Base.

     

    Selbstversuch

    Angefixt von Sarah und Johannes habe ich nun wirklich auch Lust, selber Pfeffi zu machen. Allerdings kann ich ja jetzt keine Tischdestille mehr bei Amazon bestellen. Dafür kommt die Idee fünf Monate zu spät. Eigentlich bin ich darüber aber ganz froh, denn so einfach ist das Destillieren bestimmt gar nicht. Also tue ich das, was man immer in solchen Situationen tut: Google fragen. Und Google hat natürlich direkt 231.000 Ergebnisse in 0.51 Sekunden parat. Für die absolute Anfänger-Variante kippt man Korn (Wodka ist bestimmt auch okay) und frische Pfefferminzblätter in ein gut verdichtetes Glas und lässt dieses ein paar Tage an einem dunklen, warmen Ort stehen. Um Schnaps in Likör zu verwandeln, kocht man Zucker und Wasser zu einem Sirup, den man dann zu der Korn-Pfefferminz-Mischung gibt. Die Mengenangaben der Zutaten variieren je nach Zucker- und Alkoholgehaltswunsch.

    Grünes Leipzig

    So sieht der Korn-Pfefferminz-Mix aus.

    Finanziell  und auch Aufwand-technisch lohnt sich das Pfefferminzblätter-in-Korn-Einlegen nicht wirklich. Aber es ist natürlich cool, wenn man sagen kann: „Wollt ihr meinen selbstgemachten Pfeffi probieren?“ – obwohl man weiß, dass es eigentlich nur semiselbst-gemachter Pfeffi ist. Mit dem Gastgeschenk bist du dafür bestimmt auf jeder Fete der Hit. Ich empfehle aber eine größer angelegte Testreihe mit verschiedenen Zucker und Pfefferminzmengen. Ansonsten endet das ganze vielleicht wie mein Pfefferminz-Korn-Zucker-Wasser-Mix, der schmeckt, als hätte ich ihn auf dem Jahrmarkt am Süßwarenstand gekauft. Apropos Süßwaren: Sarah und Johannes mixen mit ihren Likören nicht nur Cocktails. In Kooperation mit einer Gohliser Konditorei gibt es Pfff und Krsch auch in Schnapspralinen. Die Idee dazu hatten die beiden schon länger, weil sie eine Zeit lang im Auto immer die Känguru-Chroniken gehört haben.

    Als ich vorsichtig frage, ob die beiden denn eine 40-Stunden-Woche arbeiten und wie denn die Trennung von Arbeit und Freizeit klappt, wenn man sein Büro im Wohnzimmer hat, entgegnen die beiden, dass sie mehr als 40 Stunden arbeiten, es sich aber nicht so anfühle. Außerdem versuchen sie, sich einen Tag in der Woche zu blocken.  Sie seien glücklicher und ausgeglichener als zuvor im Angestellten-Leben und froh, ihr Geld in „was Geiles“ investiert zu haben. Und das merkt man den beiden auch an. So enthusiastisch erzählen leider die Wenigsten von ihrer Arbeit.