• Leipzig
  • Vom Spielplatz zum Schrebergarten

    Luise Bottin

    Fortsetzung des April-Themas „Leipzig ist grün“: Über Vergangenheit und Gegenwart der Leipziger Kleingartenbewegung.

    Getrimmter Rasen, schnurgerade Beete und der Gartenzwerg als Symbol der kitschigen Heimeligkeit: Schrebergärten sind nicht nur städtische Oasen, sondern werden oft mit Ordnungsliebe und Spießertum assoziiert. Das macht es schwer zu glauben, dass der Schrebergartenbewegung, die vor 150 Jahren in Leipzig ihren Anfang nahm, anfänglich ein pädagogisch-gesundheitliches Konzept zugrunde lag.

    Im Jahr 1864 gründet der Schuldirektor Dr. Ernst Hauschild einen Verein mit dem Ziel, Kindern die Möglichkeit zu Bewegung an frischer Luft zu bieten. Dem Leipziger Arzt Moritz Schreber zu Ehren, der bereits vier Jahre zuvor die Errichtung von Spielplätzen im Freien propagierte, nannte er ihn „Schreberverein“. Noch weit entfernt vom heutigen Gartenkonzept entstanden Spielwiesen, auf denen Kinder spielen und turnen konnten. Erst später legte der Lehrer Heinrich Gesell an diesem Platz Beete an. Zunächst als weitere Beschäftigungsmöglichkeit für die Kinder gedacht, entwickelten sie sich rasch zu Refugien der ganzen Familie: Parzellierte und umzäunte „Familienbeete“ entstanden. Das Leipziger Beispiel, aber auch die schon vorher gegründeten Kleingärten in Schleswig-Holstein, verbreiteten sich bundesweit. Im Deutschen Kleingärtnermuseum in Leipzig, authentisch situiert im Vereinshaus des weltweit ältesten Schrebervereins, informiert eine Dauerausstellung über die deutsche Kleingartengeschichte, welche durch einen Museumsgarten mit historischen Gartenlauben noch greifbarer wird.

    Leipzig ist grün

    Der historische Museumsgarten

    Heute hat sich das Bild der Kleingärten gründlich geändert, ein Markenzeichen der Stadt Leipzig sind sie aber immer noch. Das liegt neben der traditionsreichen Geschichte auch an ihrem Ausmaß: Die Kleingartenanlagen machen ein Drittel aller Leipziger Grünflächen aus. Nach Berlin ist die Messestadt Nummer zwei in Deutschland mit knapp 40.000 Parzellen in rund 270 Kleingartenvereinen. „Das sind mehr als in den ganzen Niederlanden“, erzählt Robby Müller lachend. Er ist Vorsitzender des Stadtverbands der Leipziger Kleingärtner und kann auch dem Gartenzwerg-Klischee ein Ende bereiten: „Jeder zweite Garten hat schon noch einen, aber es gibt auch zugewachsene Ökogärten mit wildem Naturidyll.“ Das Image vom biederen Kleingärtner sei längst überholt, vor allem junge Familien finden zunehmend Gefallen am Gärtnern als naturnaher Freizeitbeschäftigung und zur Entspannung vom Arbeitsstress.

    Trotz strenger Vorschriften zu Bebauung und Bepflanzung bleibt in den Gärten Platz für Kreativität: „Manch einer hat einen Skulpturengarten, schneidet Buchsbäume in Form oder lässt eine Garteneisenbahn durch seine Anlage fahren“, berichtet Müller. Er kennt den Mehrwert der Gärten für die Lebensqualität der Bevölkerung. Kleingartenanlagen verringern Lärm, durchgrünen das Stadtbild, lockern die Bebauung auf und sorgen für Biotop- und Artenschutz. „Sie sind ungemein wichtig für eine nachhaltig wachsende Stadt und ein untrennbarer Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens in Leipzig.“

     

    Fotos: Deutsches Kleingärtnermuseum in Leipzig e.V.