• Kolumne
  • Schlechter Reim muss nicht sein

    Von Luise Mosig

    Die Stadtreinigung Leipzig hat ihre Container mit flotten Sprüchen beklebt, um zum Reinhalten der Parks zu animieren. Leider sind die so peinlich, dass Redakteurin Luise eine Kolumne schreiben musste.

    Als ich kurz vor Ostern durch den Friedenspark schlenderte, stießen sie mir sofort ins Auge: Die orangefarbenen, großen Müllcontainer sind wieder da! Wie jedes Jahr wurden sie Ende März von der Leipziger Stadtreinigung aufgestellt, um herumliegenden Pappbechern und fliegenden Plastiktüten den Kampf anzusagen.

    Doch obwohl das grelle Neon der Container das Parkpanorama jäh durchbricht, war es nicht die Farbe, an der ich mich störte. Mit zusammengekniffenen Augen (ja, ich brauche schon seit Monaten neue Brillengläser) konnte ich von Weitem erkennen, dass die Abfallbehälter mit neuen Aufklebern verziert wurden. „Hallo Horst, hier Abfall und Wurst“ stand auf einem geschrieben. Irritiert passierte ich den Container und fragte mich, wie dieser lächerlich schlechte Spruch es auf die Tonne geschafft hatte. Und wer eigentlich dieser Horst ist. Und warum er seinen Knacker überhaupt entsorgen soll. Ruft die Stadt jetzt unverblümt zur Lebensmittelverschwendung auf? Propagiert sie die moderne Wegwerfgesellschaft?

    Am Abend stieß ich auf der Homepage der Stadt Leipzig auf die passende Pressemitteilung: „Wortwitz für mehr Sauberkeit in städtischen Grünanlagen“. Das Lachen blieb mir jedoch im Halse stecken, als ich die Liste der restlichen, von der Stadt als „pfiffige Sprüche“ betitelten Reimkatastrophen entdeckte. „Ohne Meckern, nicht daneben kleckern“ und „Oh wie toll, die Tonne ist fast voll“ sind noch harmlose Beispiele des kläglichen Versuchs, die Bevölkerung zur umweltfreundlichen Müllentsorgung zu animieren. Nicht zu vergessen der Horst-Reim, mein persönlicher Wurstzipfel der städtischen Dichtkunst.

    Was an Elfchen-Gedichte aus der dritten Klasse erinnern mag, ist das neue Marketing-Konzept der Leipziger Stadtreinigung. „Die auffälligen Sprüche waren Vorschläge unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, lässt diese in der Pressemitteilung stolz verlauten. Wären die Reime in Zusammenarbeit mit einer städtischen Kita entstanden, wäre das Ganze wenigstens nicht so peinlich geworden. Thomas Kretzschmar, Betriebsleiter der Stadtreinigung, erklärt das Ziel der flotten Sprüche: „Wir wollen bei den Bürgerinnen und Bürgern mit einem Augenzwinkern Aufmerksamkeit erzeugen“. Das mit der Aufmerksamkeit hat jedenfalls geklappt.

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    Kolumnistin Luise hat viele Fragen. Allen voran: Wer hat das abgesegnet?

    In den Semesterferien habe ich einen Städtetrip nach Wien gemacht. Seitdem die neuen Sprüche die Leipziger Parks verzieren, denke ich nicht mehr an Sachertorte und Stephansdom, wenn ich in Erinnerungen dieses Kurzurlaubs schwelge, sondern beneide die Wiener schlichtweg um die originellen Sprüche auf ihren „Mistkübeln“. Auch an meinen Hamburg-Besuch muss ich jetzt ständig denken, bei dem ich meine Serviette nach dem Fischbrötchen-Verzehr am Hafen stilecht in einen Mülleimer mit der Aufschrift „Bin für jeden Dreck zu haben“ versenken durfte.

    Vielleicht sollte die Stadt Leipzig – obwohl wir schon 2018 haben – einfach mal lindnern: Besser kein Stadtmarketing betreiben, als schlechtes Stadtmarketing betreiben. Und in Zukunft fachkundiges Marketingpersonal einstellen, anstatt die Mitarbeiter der Stadtreinigung in der Mittagspause auf reimemaschine.de loszulassen.

     

    Fotos: adz