• Kultur
  • Getanzt wird im Innern

    Von Paul Schuler

    Nach Veröffentlichung ihres sechsten Studioalbums Violence bereisen die Editors Europa. Am Ostermontag zeigten sie in Leipzig, dass auch ruhige Momente eines Rockkonzerts ihre Qualitäten haben.

    Das Haus Auensee ist gut besucht. Es stehen Menschen zusammen bei Bier und Madonna, unterhalten sich, warten. Viele von ihnen sind bereits jenseits der Vierzig. Überraschend, denkt man an die üblichen Indierockfans. Vielleicht wird sich noch zeigen, warum gerade dieses Publikum auftauchte.
    Es beginnt mit dem neuen Song „Halleluja (So Low)“. Die Rufe des Sängers Tom Smith wirken im Vergleich zur Platte etwas dumpf und zollen somit Tribut an die intensive Elektroüberarbeitung des Albums. Auch das folgende „A Ton of Love“ lässt das Publikum trotz verstärkter Gitarrenlastigkeit weitgehend unberührt. Dabei gibt sich die Band sichtlich Mühe die Fans mitzunehmen: Tom Smith dominiert die Bühne, der Widerhall seines tiefen Gesangs fügt sich gut in den Dubstep.

    „Blood“ bringt den alten Gitarrenrock des ersten Albums zum Vorschein, die Schnelligkeit wird durch die ruhige Stimme des Sängers kontrastiert, was jedoch nicht die Intensität mindert, sondern ganz im Gegenteil Energie erzeugt. Als im Anschluss „Munich“ gespielt wird, platzt endlich der Knoten –  das Publikum beginnt ausgelassen zu tanzen und stellenweise mitzusingen. Tom Smith steht auf der Bühne und tönt: „I’m so glad I‘ve found this“ – wahrscheinlich auf der Setlist.

    Die Band gönnt dem Publikum keine Pause, sondern nimmt die gelöste Stimmung direkt mit. Mit „An End Has a Start“ geht es turbulent weiter, auch Arme und Beine kreisen nun durch den schwülwarmen Saal. Lediglich Unsicherheit macht sich breit, ob der Titel wörtlich zu verstehen sein wird. Fehlanzeige – es sollen noch 12 weitere Lieder folgen. Die Editors liefern eine solide Rock-Show ab, die von lauten Elektrobeats und bis hin zu akustischen Sequenzen alles bietet. Immer jedoch mit der Stimme Tom Smiths im Auge des musikalischen Orkans, die sich mal in tiefen, einnehmenden Baritontönen ergießt, nur um sich dann als erzitternde Falsettstimme emporzuschrauben. Jimmy Somerville dürfte stolz auf seinen vermeintlichen Ziehsohn blicken. Es braucht nicht mehr als einen simplen Ton und einfachen Takt, über den sich der Sänger spielend erhebt. Mit „Ocean of Night“ und einem glorreichen Drum-Solo verabschieden sich die Musiker. Es gibt schlechtere Wege dafür.

    Alle Fans gehen bei den Editors mit

    Alle Hände nach oben

    Die Zugabe beginnt der Sänger allein, nur mit Konzertgitarre. Er spielt „No Sound but the Wind“, eigentlich ein Pianostück. Dieser Version fehlt es an nichts. Smith wirkt wie ein Singer-Songwriter kurz vor seinem großen Durchbruch, der zufällig Sänger in einer ziemlich erfolgreichen Indie-Band geworden ist. Die folgenden Songs steigern sich bis zum wohl bekanntesten Song „Papillon“. Nun stemmen sich alle Hände in die Luft, der Saal bebt. Was könnte da noch einen draufsetzen? Eigentlich nichts. Deshalb beendet das eher ruhige „Marching Order“ den langen Musikabend.

    Genau hier liegt die große Stärke eines Editorskonzerts: Die Band schafft es auf mehr als eine Weise zu begeistern. Zentral ist nicht die maximale Lautstärke oder die Verausgabung des Publikums, sondern ein facettenreiches Programm. Nun ist es mir auch etwas klarer, warum sich jenes Publikum im Haus Auensee versammelte. Es ist die Reife der Musik.