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  • Rabenmutter dressiert Eishexe

    Luise Mosig

    „I, Tonya“ erzählt die Geschichte des gefallenen US-Eiskunstlauf-Popstars Tonya Harding. Dabei wirken Schauspielkunst und experimentierfreudige Dramaturgiemittel grandios zusammen.

    Wer in den 90ern oder – das sollte man inzwischen ja dazusagen, wow – später geboren wurde, sich nicht für Eiskunstlauf interessiert und nicht in den USA lebt, der hat von Tonya Harding vermutlich nie etwas gehört. Das reale Vorbild der „I, Tonya“-Protagonistin ist zum regelrechten Mythos der US-amerikanischen Popkultur stilisiert worden. Harding ist eine ehemalige US-amerikanische Eiskunstläuferin, die weltberühmt wurde, nachdem ihr Ehemann Jeff Gillooly ein Attentat auf Konkurrentin Nancy Kerrigan verüben ließ. 1994 wurde Harding deshalb lebenslang im Eiskunstlauf gesperrt.

    Die kleine Tonya (Margot Robbie) aus Oregon wächst bei ihrer kettenrauchenden, gewalttätigen Mutter LaVona (Allison Janney) auf, die ihren Spross mit vier Jahren zum Eiskunstlauf-Training schleppt. Tonya entpuppt sich als Ausnahmetalent und entwickelt immer dann besonders viel Ehrgeiz, wenn ihre betrunkene Mutter von der Bande aus Beschimpfungen über die Eisfläche grölt. Tonyas Beziehung zu ihrem Freund und baldigem Ehemann Jeff (Sebastian Stan) scheint ein Spiegel des Mutter-Tochter-Umgangs zu sein, denn häusliche Gewalt ist an der Tagesordnung. Als Tonyas Mittstreiterin kurz vor den Olympischen Spielen mit einer Eisenstange außer Gefecht gesetzt wird, fällt der Verdacht schnell auf Jeff und seinen blitzblöden Trinkkumpanen Shawn (Paul Walter Hauser). Höhepunkt der Geschichte und Tiefpunkt von Tonyas Karriere ist ihre tragische letzte Performance vor Weltpublikum, bei der sie schließlich als schlappe Achte von der Eisfläche schlittert.

    Das Aus für Tonya Harding nach Olympia 1994

    Der traurige Abgang eines Weltstars

    „I, Tonya“ ist ein Biopic-Slash-Dokumentarfilm und während der gesamten zwei Stunden lässt sich nicht herausfinden, welches Genre denn nun überwiegt. Das Drehbuch basiert auf Originalinterviews mit den Beteiligten– Punkt für den Dokumentarcharakter. Doch sobald die Dramaturgie der Handlung Anlauf nimmt, verfallen einzelne Szenen gar ins Absurde, Komische, sodass man ein Lachen unterdrücken muss, wenn Tonya mit dem Gewehr auf ihren Mann zielt. Kurz vor dem Abspann werden sogar originale Interviewausschnitte gezeigt und die Charaktere verschmelzen mit ihren realen Vorbildern. So hinterlässt der Film ein großes Fragezeichen über den Köpfen der Zuschauer, denn wieviel die wahre Tonya Harding tatsächlich über das geplante Attentat wusste, bleibt bis heute ungeklärt.

    Besonders interessant ist das Stilmittel des „Illusionsbruches“, bei dem die Figuren aus der filmischen Welt auszutreten scheinen und mit Blick in die Kamera die Kinogänger direkt adressieren. Klingt heikel, funktioniert aber super gut und trägt zur Kurzweiligkeit bei. Die Experimentierfreudigkeit der Produzenten bei Schnitt und dramaturgischen Mitteln zahlt sich aus.

    Margot Robbie glänzt in der Rolle der Einzelkämpferin Tonya – vielleicht ein bisschen zu sehr, denn die burschikose „Trashy Tonya“ nimmt man der australischen Schönheit optisch irgendwie nicht ab. Vor allem die Szenen, in denen Robbie die noch 16-jährige Zahnspangen-Tonya mimt, sind völlig daneben. Eine jüngere Kollegin wäre an dieser Stelle angebracht gewesen. Schauspielerisch jedoch überzeugt Robbie durchgehend, besonders Tonyas Ausfälle nach unfairen Bewertungen durch die spießige Eiskunstlauf-Jury sind unglaublich unterhaltsam. Und obwohl Tonya mit ihrem schnippischen, fast bösartigen Auftreten eigentlich keine Sympathiepunkte sammelt, kann man sie gar nicht nicht mögen. Sie ist die Anti-Heldin ihrer eigenen Erzählung.

    Rabenmutter LaVona

    Allison Janney mimt Tonyas Kontrollzwang-Mutter LaVona

    Die Performance Allison Janneys ist bemerkenswert, in vereinzelten Momenten jedoch ist ihr Porträt der Rabenmutter viel zu karikaturistisch angehaucht, als dass man es ernst nehmen könnte. Besonders ihr ununterbrochener Gebrauch von Schimpfwörtern wird mit der Zeit lästig und funktioniert im englischen Original vermutlich besser als in der deutschen Version. Sie ist das einzige Element des Films, bei dem die Balance zwischen Tragödie und Komik nicht gehalten werden konnte.

    Zum Ende des Films sind filmische Realität und reale Fakten so sehr miteinander verschmolzen, dass man sich die Frage nach der „wahren“ Geschichte gar nicht mehr stellen mag. Fakt ist, dass Regisseur Craig Gillespie mit „I, Tonya“ ein fesselndes Genrehybrid abgedreht hat, das gesehen werden sollte.

     

    „I, Tonya“ startet am 22. März in den deutschen Kinos.

     

    Fotos: Copyright Mars Films