„Mit den Aufgaben wachsen“

Hanna Lohoff

Die ehemalige student!-Chefredakteurin Franziska Böhl erzählt, welche Herausforderungen sie während den Endredaktionen zu meistern hatte und erklärt, warum student! immer unabhängig bleiben sollte.

Sechs Jahre war Franziska Böhl bei student!. In dieser Zeit hat sie Höhen und Tiefen mitgemacht und Vieles gelernt, wovon sie auch heute noch profitiert. Die promovierte Historikerin ist zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Stasi-Museums Leipzig. Im Interview berichtet sie Redakteurin Hanna Lohoff von ihren persönlichen student!-Highlights und von Momenten, an denen sie gewachsen ist.

 

student!: Du warst knapp sechs Jahre bei student!. Das ist eine ziemlich lange Zeit – was hat dich hier so lang gehalten?

Franziska: Es war wirklich eine ziemlich lange Zeit, aber zugleich auch eine sehr schöne. Ich war gerne bei student!, weil Schreiben meine große Leidenschaft ist, ich die Themenvielfalt nach wie vor sehr mag und die Freiheiten eines unabhängigen Hochschulmediums sehr geschätzt habe. Und das Beste: Wir waren auch ein tolles Redaktionsteam. Ich erinnere mich gerne an die Redaktionssitzungen und die teils sehr anstrengenden Endredaktionen, die oft bis tief in die Nacht gingen. Es fiel mir am Ende schwer, student! an die nächste Studentengeneration abzugeben.

 

Wie lang warst du bei student!, bis du Chefredakteurin geworden bist?

Ich war da noch gar nicht so lange dabei. Etwa nach meinem ersten halben Jahr bei student! habe ich die Leitung des Politikressorts übernommen und dann ein weiteres halbes Jahr später die Chefredaktion. Danach habe ich ein Urlaubssemester gemacht, um Praktika bei Zeitungen absolvieren zu können, und wenige Monate später habe ich dann noch einmal die Chefredaktion übernommen und später dann den Vereinsvorsitz.

 

Franziska Böhl denkt gern an ihre Zeit bei student! zurück

Franziska Böhl denkt gern an ihre Zeit bei student! zurück

Dann hast du ja ziemlich schnell Verantwortung übernommen …

Es gab damals einen größeren personellen Wechsel, weshalb wir da durchaus ins kalte Wasser geworfen worden sind. Nach etwa acht Ausgaben fehlte mir bei den ersten Endredaktionen als Chefredakteurin noch die Routine, vor allem was das Layouten betraf, weil 16 Seiten dann doch recht viel waren. Noch schwieriger war es zunächst aber, die Ausgaben mit genügend Werbeanzeigen finanzieren zu können.

 

Gab es Momente, an denen du bei student! besonders gewachsen bist?

In der Anfangszeit musste ich sehr mit den Aufgaben wachsen. Gerade die anfänglichen Schwierigkeiten mit dem Layoutprogramm und die ebenso schnelle Einarbeitung in die Kundenakquise hat viel Zeit und Nerven gekostet. Das Stresslevel war in den ersten Endredaktionen noch sehr hoch. Bei der ersten Endredaktion als Chefredakteurin war ich sehr froh, dass der vorherige Chefredakteur sich noch Zeit nahm, um uns da zu unterstützen.

 

Hast du dann auch angefangen, dein Studium zu vernachlässigen?

Nein, vernachlässigt habe ich es nicht, aber ich habe während meines Studiums schon einiges nebenbei gemacht. Beispielsweise habe ich anfangs noch beim Fachschaftsrat mitgearbeitet und fast parallel zu student! auch noch für ein Online-Musikmagazin geschrieben. Gegen Ende meines Studiums habe ich mich dann aber wieder deutlich mehr auf die Uni konzentriert.

 

Was kam dann für dich nach student!?

Nach student! und damit quasi auch nach meinem Studium habe ich zunächst meine Dissertation am Historischen Seminar der Universität Leipzig angefangen. Mit dieser habe ich dann zwei Jahre pausiert, um an der Hochschule der Medien in Stuttgart ein PR-Volontariat in der Kommunikationsabteilung zu machen. Danach bin ich wieder zurück nach Leipzig, um die Dissertation zu Ende zu schreiben. Im November 2016 war schließlich meine Verteidigung und ziemlich zeitgleich habe ich in meinem aktuellen Job angefangen.

 

Kannst du in deinem heutigen Job Dinge anwenden, die du bei student! gelernt hast?

Ja, durchaus. Da ich bei „student!“ den redaktionellen Ablauf grundlegend erfahren und auch selbst längere Zeit verantwortungsbewusst geleitet habe, konnte ich sehr von dieser Zeit profitieren. Das fing bei der Themenfindung und -planung an, ging über das eigene Verfassen und Redigieren von anderen Artikeln sowie die Leitung von Sitzungen und reichte schließlich bis zur Planung unserer jährlichen student!-Konzerte. In meinem heutigen Job muss ich ebenfalls sehr viel schreiben – allerdings jetzt für Journalisten und nicht mehr als Journalistin, sondern als PR-Redakteurin, aber es ist gut, wenn man weiß, worauf man achten sollte. Hilfreich ist beispielsweise auch, dass ich bei student! sowohl mit Layout- als auch mit Bildbearbeitungsprogrammen gearbeitet habe und die Kenntnisse schon in meinem PR-Volontariat anwenden und ausbauen konnte.

 

Und was waren deine student!-Highlights?

Highlights gab es mehrere. An manche Themen kann ich mich beispielsweise heute noch sehr gut erinnern, darunter der Journalistik-Streit, der 2006 gewesen sein müsste, das Thema Überwachung an der Uni oder die Umbruchphase von Magister auf das Bachelor-/Master-System. Highlights waren auch unsere jährlichen Weihnachtsfeiern und die student!-Konzerte, die ich mehrfach organisiert habe. Besonders erfolgreich war unser student!-Konzertabend im November 2008. Es war der erste, den wir im 4rooms veranstaltet haben. Über 400 Besucher kamen. Das war extrem toll. Und dann gab es zu meiner Zeit auch noch den MLP-Campus Presse-Award. student! wurde mehrmals unter die Top 10 der deutschen Hochschulzeitungen gewählt.

 

Warum muss student! deiner Meinung nach unabhängig bleiben?

Um weiterhin unabhängig und kritisch berichten zu können. Eine Angliederung an eine Leipziger Hochschule, die Universität oder eine Zeitung hätte sicherlich finanzielle Vorteile, aber es birgt das Risiko, sich vielleicht in der Berichterstattung einschränken zu müssen. Ich habe student! als tolles Lernmedium für Studenten kennengelernt, in dem man sich ausprobieren und sehr viel lernen kann. Ich finde die Zeitung sehr unterstützenswert und hoffe, dass student! weiterhin bestehen und unabhängig bleibt.

 

Fotos: privat