• Kultur
  • Wabernde Beats, röhrende Klampfen

    Nathalie Trappe, Marie Nowicki, Tim Paul Büttner, Luise Mosig, Max Brose

    Ihr wollt 2018 unbedingt auf ein Festival gehen, wisst aber noch nicht, wohin? Wir stellen euch fünf Optionen nahe Leipzig vor, auf denen man dem Uni-Alltag wunderbar entfliehen kann.

     

    Melt!

    (Foto: lms)

    Der gemeine Hipster in seinem natürlichen Habitat (Foto: lms)

    Fallen die Worte Avantgarde und Sachsen-Anhalt in einem Satz, spricht man wohl über das Melt-Festival.  Unbeirrt vom inhaltsverweigernden Bundesland-Slogan „Land der Frühaufsteher“ trifft sich die Clubboheme Europas in der ehemaligen Kohleabbaustätte Ferropolis. Wenn es dämmert, vereinigen sich die Raver des Kontinents unter überdimensionierten Baggern zu einer homogenen Schmelze und lassen sich von wabernden Beats durch die Nacht tragen.

    Aber auch Stile abseits der technoiden Sparte finden hier ihren Raum. Skinny-Jeans-tragende Indiegirls sind genauso willkommen wie nasepudernde Designstudenten. Allgemein gilt: Wer nicht mit der Mode geht, geht am besten gar nicht hin, auch wenn der geübte Beobachter im Hipster-Konglomerat einige Einheimische und bewusste Trendverweigerer entdecken wird. Ach so, über die herausragenden Liveacts und Kunstinstallationen hätte ich auch noch ein paar Zeilen verlieren können. Oder über den von Vice als „schönsten Ort der Welt“ beschriebenen Sleepless-Floor, aber leider sind meine Zeichen aufgebraucht, also informiert euch einfach selbst. #wearemelt

    Wo? Ferropolis bei Dessau

    Wann? 13. -15. Juli

    Ticket-Preis: 129 Euro

    Unbedingt mitbringen: Inline-Skates – der Weg vom Zeltplatz zum Festival ist lang und geteert und ihr könnt ein paar neidische Blicke erhaschen

    Crowd: siehe oben

    Max Brose

     

    Highfield

    Das Highviech (Foto: nt)

    Das Highviech (Foto: nt)

    Deutsche Musik ist uncool, schon klar. Und wenn man auf ein Festival fährt, muss das Auto vollgepackt sein bis oben hin, sodass die ewig lange Fahrt monatelange Knieverdrehungen zur Folge hat. Sonst hat das ja gar kein Seventies-Feeling. Falsch! Denn wer in Leipzig wohnt, hat das Glück, ein unvergessliches Festival jeden Sommer quasi im Garten erleben zu können. Schon seit acht Jahren findet das größte Rockfestival Ostdeutschlands in Sachsen statt und macht damit den Sommer im angeblich so dunklen Teil der Republik jedes Jahr so strahlend, wie nur Festivals es können. Erzählen hartgesottene Hurricane-Gänger alle Jahre wieder von Schlammsurfing und Apokalypse, hat man im August im beschaulichen Großpösna fast immer die Chance, mit Sonnenbrand vom Gelände zu hüpfen.

    Alltime-Gadget: Der riesige Badesee, wo man zwischen Konzert und Flunkyball eine Runde Banana-Boat fahren oder einfach nur den mit Bier und Original-Handbrot gefüllten Bauch in die Sonne halten kann. Und dass deutsche Musik alles andere als uncool ist, haben mir letztes Jahr nicht nur die Quetschungen nach dem Kampf um einen Platz beim Kraftklub-Konzert gezeigt. Von Madsen über Scooter bis hin zu den Toten Hosen findet sich eigentlich immer für jeden Geschmack etwas. Und es ist ja nicht so, dass nicht auch internationale Bands wie Billy Talent oder Royal Republic in Sachsen gern ihre Songs zum Besten geben. Also, ab aufs Rad und das Seventies-Feeling vor der Haustür erleben!

    Wo? Störmthaler See Großpösna / Leipzig

    Wann? 17. -19. August

    Ticket-Preis: 149 Euro

    Unbedingt mitbringen: ein Outfit aus Gummistiefeln und Bikini, am besten in Kombi mit Glitzertattoos und Wasserpistolen – denn hier ist sich niemand zu schade!

    Crowd: Von Head-Bangern bis zu „Pocahontas“-Melancholikern alle, denen das Hurricane zu nass und das Lollapalooza zu hip ist

    Nathalie Trappe

     

    Artlake

    Der Rainbow Forest baumelt kreuz und quer in seinen schiefen Wänden (Foto: mn)

    Der Rainbow Forest baumelt kreuz und quer in seinen schiefen Wänden (Foto: mn)

    Eine Fahrt von zwei Stunden bringt den durstigen Leipziger Festivalbesucher auf das Gelände am Bergheider See und schon im Zug lässt sich das Hauptklientel ausmachen: haufenweise Hipster stapeln sich mit ihren Dosenbieren in den sonst so verschlafenen Wagons, die am Wochenende des Festivals um die 2000 Prozent mehr Menschen befördern.

    Nach dem üblichen Zeltgehetze folgt die nächste Herausforderung: Es gilt, alle in Wald und Wiesen versteckten Bühnen zu finden, denn davon gibt es viele und die vorhandene Karte gibt nur grob die Richtung an. So stolpert man oft durch ein kleines Wäldchen und findet sich urplötzlich umringt von kunterbunt angestrahlten Bäumen oder zwischen schillernden Girlanden in Zweigen wieder. Das hat man zwar nicht gesucht, zum Glück aber gefunden. Man mag ein Schiff im Wald entdecken oder eine Halfpipe am Strand, die Bühnen sind allesamt fantastisch dekoriert. Oft stürzen aus allen Ecken wilde Kunstinstallationen auf einen zu, und detailversessen dekorierte Orte wie der Regenbogenwald oder das Häuschen „RUHE“ (Achtung: nicht ruhig!) laden zum Verweilen ein. Aus verschiedensten Ecken tönt verrücktester Techno, trotzdem kommen auch Technophobe (so wie ich) auf ihre Indiekosten: Psychedelische Klänge, röhrende Klampfen und zartes Gesäusel überall!

    Diese verwunschene Atmosphäre zieht sich durch das gesamte Wochenende und macht den Hauptcharme des ARTLAKE aus. Denn zusammen mit den angebotenen Workshops wie Yoga-Kursen, Malstunden, oder dem allgegenwärtig massenhaft besuchten Glitzerstand kann man ganz wunderbar abtauchen und dem Stress des Alltags entgehen. Besonders hilft hier auch der See auf dem Gelände, der in der Morgensonne genau das Richtige ist, um die Glitzerkruste und die Augenringe vom Endlos-Techno-Floor abzuwaschen…

    Wo? Bergheider See – Lichterfeld

    Wann? 16. – 19. August

    Ticket-Preis: 89 Euro (Frühbucher), 99 Euro (regulär)

    Unbedingt mitbringen: Tante Irmgard

    Crowd: So viele Hipster, dass deine langweilige Tante Irmgard das einzigartigste Wesen zwischen Zeit und Raum darstellen würde

    Marie Nowicki

     

    Sputnik Spring Break

    Wenn die Sonne untergeht, beginnt der Festival-Tag (Foto: privat)

    Wenn die Sonne untergeht, beginnt der Festival-Tag. (Foto: privat)

    Während die Festivalhauptsaison noch wochenlang auf sich warten lässt, stehen die Sputnik-Spring-Break-Jünger schon Ende Mai vor den heiligen Toren des verschlafenen Örtchens Pouch in Sachsen-Anhalt. Jedes Jahr zu Pfingsten bringen circa 20.000 Besucher die gleichnamige Halbinsel im Goitzschesee ordentlich zum Beben. Musikalisch konzentriert sich das Line-Up vorrangig auf EDM, aber auch Clueso und Cro sind regelmäßig am Start. So kommen auch Kommerzopfer wie ich auf ihre Kosten, die „eigentlich alles hören was so im Radio läuft.“

    Wer nicht gern zeltet oder am Abreisetag im verkaterten Zustand säckeweise Pfandflaschen sammeln will, um sich das Eintrittsgeld wieder reinzuholen, der ist auf dem Sputnik genau richtig. Hier darf man nämlich mit dem Auto auf den Zeltplatz fahren! Wer jahrelang auf den Hurricanes und Highfields dieses Landes kilometerweit Campingutensilien bei 32 Grad im Schatten geschleppt hat, der wird diese Besonderheit zu schätzen wissen.

    Unerträgliche Sommerhitze sollte das fröhliche Trink- und Tanzgelage sowieso nicht großartig stören, da nicht so wirklich Sommerfeeling aufkommt, wenn die Temperaturen nachts schonmal in den einstelligen Bereich klettern. Hartgesottene können auf der Festival-Insel trotzdem kostenlos wakeboarden. Baden im See geht sowieso immer, egal ob zur Säuberung des Körpers oder zur Entleerung des selbigen. Der See hat ja zum Glück danach ein Jahr Zeit, um sein natürliches Ökosystem wiederherzustellen.

    Wo? Halbinsel Pouch bei Bitterfeld

    Wann? 18. Mai – 21. Mai

    Ticket-Preis: 124 Euro

    Unbedingt mitbringen: warme Klamotten, biologisch abbaubare Seife, falls ihr euch stundenlanges Anstehen an den Duschen ersparen wollt (der Goitzschesee wird es euch danken), genügend Vorschlaf

    Crowd: Kommerzopfer, Dauerdruffis und Normalos (die natürlich auch viel kiffen und Alkohol trinken)

    Luise Mosig

     

    SonneMondSterne

    Lassen Sonne und Mond sich nicht blicken, wird mit künstlichen Sternen ausgeholfen (Foto: tpb)

    Lassen Sonne und Mond sich nicht blicken, wird mit künstlichen Sternen ausgeholfen. (Foto: tpb)

    Einmal im Jahr verwandelt sich die eigentlich pittoreske Hügel- und Waldlandschaft um die Bleilochtalsperre im abgelegenen Saalburg-Ebersdorf in Thüringen zu einem Wallfahrtsort der etwas anderen Sorte. Denn hier kommen jährlich inzwischen mehr als 35.000 Freunde basslastiger Ohrenbetäubung zusammen, um sich für ein Wochenende der völligen elektronischen Tanzekstase hinzugeben. Neben dem Festivalgelände, welches mit internationalen Top-Stars wie Steve Aoki, David Guetta und Paul Kalkbrenner aufwartet, ist der schier endlos erscheinende Zeltplatz eine Erfahrung für sich.

    Wer sich der Illusion hingibt, auch nur ansatzweise ein wenig Schlaf bekommen zu wollen und sein Lager in den „Ruhezonen“ aufschlägt, wird schnell eines Besseren belehrt. Denn auch hier entstehen an nahezu an jeder Ecke semiprofessionelle „Parallelfestivals“, die um die Aufmerksamkeit des vorbeiziehenden Partyvolks buhlen. Unter dieses mischen sich auch gerne verkleidete Polizisten, um „undercover“ Zelte kontrollieren zu können. Dabei sind sie aber selten glaubwürdige Schauspieler. Wenn sich also eine verdächtige Gruppe an betrunkenen Leuten nähert, die augenscheinlich zu sehr dem Klischee einer Partymeute entspricht, sollte man Vorsicht walten lassen.

    Ablenkung vom Trubel tanzender Massen bietet lediglich der Stausee, der je nach Wetterlage mit seinen Sandstränden zum Baden einlädt. Übersättigt von einem Wochenende ausschließlich elektronischer Beatbeschallung freut man sich schlussendlich umso mehr, wenn man daheim wieder die ruhigen Gitarrenklänge eines Johnny Cash erklingen lassen kann.

    Wo? Bleilochtalsperre bei Saalburg-Ebersdorf, Thüringen

    Wann? 10.-12. August

    Ticket-Preis: 145 Euro

    Unbedingt mitbringen: Badesachen und/oder Gummistiefel (je nach Wetterlage), Festival-Ohrstöpsel

    Crowd: Äußerst divers. In Alter und Aussehen ist die komplette Bandbreite vertreten. Ob Hollister, Tommy Hilfiger oder doch Amstaff – auf dem SonneMondSterne sind alle gleichermaßen Jünger des EDM.

    Tim Paul Büttner