• Kolumne
  • Aus dem Leben eines Leipzig-Halle-Pendlers

    Sophie Roßberg

    Täglich pendeln tausende Menschen zwischen Leipzig und Halle. Das kann stressig sein. Man kann das Pendeln aber auch entspannt angehen und die Zeit für sich nutzen, wie unsere Kolumnistin erkannt hat.

    In nur maximal 37 Minuten in ein anderes Bundesland, in eine andere Stadt fahren? – Das geht und zwar vier Mal die Stunde mit der S-Bahn von Leipzig nach Halle. Täglich pendeln mehrere Tausend Menschen zwischen den zwei Städten. Für einen Monat war ich eines dieser müden Gesichtern, die morgens 7:23 Uhr in die S5X nach Halle Hbf schlurfen. Als ich einen Praktikumsplatz in Halle annahm, war ich mir natürlich bewusst, was auf mich zukommt und dennoch hat mich so manches eher negativ überrascht. Bevor ich meinen Erfahrungsbericht beginne, sollte ich wohl sagen, dass ich nur drei Mal die Woche gependelt bin. Die vielen Berufspendler, die fünf Mal die Woche die halbe Stunde zum Handy spielen, lesen oder ins Leere starren nutzen, verdienen meine Hochachtung. Denn die S-Bahn hat so ihre Zipperlein. Im Dezember 2016 wurde der gesamte Fahrplan des MDV umgestellt und es gab einen freudigen Aufschrei – die S5X fährt wieder bis Halle Hbf und das in nur 23 Minuten! Meine Freude verflog aber bereits beim zweiten Mal fahren. Eine Fahrtzeit von 23 Minuten hat die S-Bahn ein einziges Mal einhalten können. Auch wenn es immer nur wenige Minuten Verspätung waren, ist mir die Straßenbahn in Halle immer vor der Nase weggefahren und das Zuspätkommen ging für mich also weiter. Es hat mich am Anfang schrecklich geärgert, bis ich einfach den Ärger abschütteln konnte – frei nach dem Motto: Chill mal mein Leben!

    Kolumnistin Sophie Roßberg

    Kolumnistin Sophie Roßberg

    Ich habe es schnell aufgegeben, mich über die Menschenmassen, die mit mir am Leipziger Hauptbahnhof auf denselben Zug warteten, aufzuregen. Ich habe getestet, ob ich die flimmernden Leinwände an der Haltestelle ignorieren kann, weil man am zweiten Tag die Werbungen und Rätsel auswendig kann. Ich habe mich hintenangestellt und bin nicht mehr zu den Türen der S-Bahn gerammelt, um ja noch einen Fensterplatz zu bekommen. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich bin es einfach ruhig angegangen und siehe da: Pendeln kann sogar ab und zu entspannend sein. Die halbe Stunde Fahrtzeit lässt sich für allerhand Dinge nutzen, die einen sonst vom eigentlichen Arbeiten abhalten. So kann der Pendler die Geburtstagsgeschenke für die Lieben bei Amazon bestellen, Instagram aktualisieren, das lang vergessene Buch zu Ende lesen und Rehe auf den Feldern zählen. Vor allem die Fahrt zurück gestaltete sich entspannt, da ich ohne Druck und Stress, rechtzeitig auf Arbeit zu sein, mir einen von vier Zügen aussuchen konnte. Blöd nur, dass nicht selten irgendetwas schief lief auf der Bahnstrecke und einer ausfiel oder zu spät kam. Aber der Feierabend ist doch lang.

    Was ich mir jedoch nicht schönreden konnte, ist der alljährliche Schienenersatzverkehr. In dieser Woche ist der Hallenser Hauptbahnhof für Bauarbeiten gesperrt und ein Bus bringt die Reisende bis zum Flughafen, ab da fährt man dann wieder in der S-Bahn. Das ist eine Tortur ohnegleichen. Kein Wunder also, dass die Hallenser Uni in dieser Woche immer halb leer ist.

    All den Studenten, Azubis und Co., die nach Halle fahren oder überlegen zu fahren, kann ich nur mit auf den Weg geben: Bleibt immer ruhig! Mit Wut im Bauch können 20 Minuten Verspätung ewig dauern.