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  • „Die gemeinsame Geschichte von Kirche und Uni muss im Gedächtnis der Gesellschaft bleiben“

    Das neu eröffnete Paulinum blickt auf eine lange, emotionsgeladene Geschichte zurück. Katrin Gurt vom Historischen Seminar der Universität Leipzig kennt sich besonders gut damit aus.

    Katrin Gurt lehrt am Historischen Seminar der Universität Leipzig. Seit mehreren Jahren erforscht die Historikern den Widerstand gegen die Sprengung der Paulinerkirche durch das DDR-Regime und den langen Prozess des Wiederaufbaus. Wie es überhaupt zur berüchtigten Sprengung kam, wie die SED mit den Bestrebungen der Kirche umging und warum das heutige Paulinum so wichtig für Leipzig ist, hat sie student!-Redakteur Anton Kästner beantwortet.

     

    student!: Wie lässt sich das Verhältnis von Universität und Kirche zu Zeiten der DDR beschreiben?

    Gurt: Ich glaube, dass die Aussage einer Zeitzeugin die Beziehung gut beschreibt: „Und als ich dann Theologie studierte, war ein unglaubliches Klima der Angst, nicht nur um diese Kirche an der Fakultät, sondern die Professoren hatten Angst, dass die theologische Fakultäten in der ganzen DDR zugemacht werden, wenn wir zu aufmüpfig werden.“

    Wenn ich die gesichteten Unterlagen aus der BStU (Behörde des Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen, Anm. d. Red.) Revue passieren lasse, kann man hinsichtlich des Umfangs und der Inhalte davon ausgehen, dass die Staatssicherheit ein enormes Interesse an der Kirche hatte. Die akribischen Beschreibungen, die Masse an gesammelten Materialien zur Bespitzelungen von Personen, die auch nur die leisesten Anzeichen eines Bezugs zu kirchlichen Aktivitäten aufzeigten, belegen zugleich die enorme Angst vor der Kirche. Innerhalb der Theologischen Fakultät gab es augenscheinlich  einen beeindruckenden Zusammenhalt. Ehemalige Studierende der Sechziger Jahre berichten von individuellen Förderungen durch das lehrende Hochschulpersonal. Laut Schilderungen wurden zum Beispiel gemeinsam mit dem Professor zu Hause schwierige Lateintexte bearbeitet, Opern besucht, selbige anschließend besprochen. Das Gefühl der Begeisterung über diesen Umgang mit ihnen, ihre Wissens- und Neugierde vermittelten uns die Zeitzeugen noch während der Interviews – also fast 50 Jahre danach. Die Theologische Fakultät war aber eben auch eine relativ isolierte „Insel“, deren Aktionsfeld zwar stark eingegrenzt war, die sich aber dennoch den Versuchen der Vereinnahmung durch die SED widersetzte. Eine Zeitzeugin berichtet, dass sie sich nach einer Aktion, die als Widerstand gegen das SED-Regime einzuordnen ist, des Schutzes durch die Theologische Fakultät und durch die Kirche sicher war und zugleich geborgen fühlte. Trotz folgender Inhaftierung…

     

    Wie würden Sie denn allgemein den Stand der Kirche innerhalb der DDR beschreiben?

    Die atheistische Grundhaltung des SED-Regimes ließ keinen Platz für den kirchlichen Glauben. Dies wiederum stand im Gegensatz zur Verfassung, in der die Religionsfreiheit manifestiert war.  Somit wurde die Kirche zum Spielball zwischen den Beobachtungen der Staatssicherheit, Verhaftungen, Repressalien und dem ständigen Vorwurf, Gegner des sozialistischen Aufbaus zu sein.

     

    Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür ist die Sprengung der Paulinerkirche 1968. Was waren die Gründe für diese Aktion?

    Die Antwort auf diese Frage ist ein wunderbares Beispiel für Legendenbildung, die sich im Gedächtnis einer Gesellschaft festsetzt und als „wahr“ verinnerlicht wird. Am Anfang meiner Recherchen und Zeugenbefragungen fand ich immer wieder den Verweis auf Walter Ulbricht, der zur Eröffnung der Oper im Oktober 1960 auf den Balkon herausgetreten und mit Blick auf die Kirche geäußert haben soll: „Die Kirche muss weg“ oder auch „Das Ding muss weg.“  Tatsächlich nachweisbar ist dieser Satz nicht. Plausibler erscheint mir, dass es sich um einen längeren Prozess auf der Grundlage des Politbürobeschlusses handelte. Dessen Vorarbeiten und Umsetzung spiegeln sich dann unter anderem bereits 1950 in den Grundsätzen des Städtebaus, auf der ersten Baukonferenz 1955, auf dem fünften Parteitag bis hin zum Beschluss der Stadtverordnetenversammlung am im Mai 1968 wider. Den Grundtenor bringt die Zeitschrift der Deutschen Architektur treffend zum Ausdruck, in dem sie auf das Neue, dem sich „das Alte einordnen oder Platz machen muss“, fokussiert.

    Aus meiner Sicht steigert sich die Dramatik hinsichtlich der Sprengung der Universitätskirche, wenn man der Frage nachgeht, ob eine Vernichtung dieses imposanten Gebäudes vermeidbar gewesen wäre. Unweigerlich gelangt man zum 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Paul Fröhlich. Er gehörte dem Politbüro als höchstem Entscheidungsgremium der SED an und hatte somit unmittelbaren Einfluss auf die Änderungen des damaligen Karl-Marx-Platzes.

     

    Können Kirche und Universität denn überhaupt gemeinsam unter einem Dach existieren?

    Interessanterweise sind in dem Verlauf der immer wieder aufkommenden Streitigkeiten zwischen Kirche und Universität über Jahrzehnte hinweg Abläufe und Handlungsweisen zu finden, die sich sehr ähneln. Die Nutzung der Kirche scheint dabei ein zentrales Thema zu sein. Ich würde die Frage anders stellen: Hat es sich gelohnt, die ständigen Streitigkeiten um die Paulinerkirche auszuhalten? Hier gebe ich ein ganz klares „Ja“ als Antwort. Ich kenne keine Stadt, die ein so faszinierendes Universitätsgebäude geschaffen hat, das in bewundernswerter Weise an die lange gemeinsame Geschichte von Kirche und Universität erinnert. Diese beiden Bereiche, deren gemeinsame Historie bis auf das Jahr 1409 zurückgeht, dürfen aus meiner Sicht nicht voneinander getrennt werden. Wir als Universität haben unter anderem die Pflicht, das Erinnernswerte nicht nur zu bewahren, sondern im Gedächtnis der Gesellschaft zu erhalten, und so was funktioniert nur über eine gute Vermittlung.

     

    Foto: privat

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