• Kolumne
  • Von einem uralten Bedürfnis

    Helene Streffer

    Früher haben wir Nächte lang Bücher unter der Bettdecke verschlungen. Heute gibt es Netflix und Youtube. Doch das Bedürfnis, mit einem Buch auf der Couch zu liegen, schlummert immer noch tief in uns.

    Es soll vorkommen: Abende ohne Netflix. Abende mit dem Bedürfnis nach einem Buch. Diesem uralten Bedürfnis. Denn als ein solches erscheint es mir fast. Ein Gefühl, das mich irgendwann verlassen hatte. Ohne dass ich sagen könnte, wann das passiert ist. Als ich noch zur Schule ging, war ein gutes Buch unter der Bettdecke mein Alltag. Jeden Abend habe ich mich aufs Neue von kleinen Welten mitreißen lassen. Es klingt wie eine zu oft benutze Phrase: In ein Buch versinken. Aber es bleibt dennoch ein wahrer Satz. Ich erinnere mich noch an meine erste Nacht, die ich mit einem Buch durchgemacht habe. Wir waren in einem unserer Familienurlaube an der Ostsee. Ich hatte meine mitgebrachten Bücher nach der ersten Woche alle gelesen und suchte nach frischem Lesestoff. Den ich schließlich von meinem Vater geliehen bekam. Er hatte das Buch eigentlich für sich selbst mitgenommen und überließ mir schließlich begleitet von einem besorgten Stirnrunzeln meiner Mutter meinen ersten Thriller. Als er am nächsten Morgen in mein Zimmer schaute, wurde gerade der Mörder gestellt.

    Dann kamen meine Ausbildung und die Nächte, in denen ich nach zwölf Stunden Arbeit einfach erschöpft in mein Bett fiel. Und auf einmal hatte jeder Netflix. Selbst als Mensch, dessen digitales Interesse sich in Grenzen hält und der daher einen absolut miserablen Internetanschluss hat, war ich eines Tages Netflix-Abonnentin. Es ist ja monatlich kündbar. Da kann man es doch mal ausprobieren… Ich probiere es seit vier Jahren aus.

    Kolumnistin Helene Streffer

    Kolumnistin Helene Streffer

    Und nach und nach verschwanden die Abende mit dem Buch. Und wer ist schuld? Um Himmelswillen, nein, die Bücher sind es nicht! Sie warten und stehen ja jederzeit bereit. Immer mehr Neue und noch so viele ungelesene Klassiker. Nein, es ist die Stimme in mir. Sie ist schuld an den verfluchten Ich-Lass‘-mich-berieseln-Abenden. Die Stimme, die immer wieder behauptet, wie viel entspannter es doch sei, sich mit Netflix statt mit einem Buch ins Bett zu legen. Man muss einfach nichts tun. Einfach nur da liegen und auf den flimmernden Bildschirm schauen. Selbst die Fantasie wird einem abgenommen.

    Warum ich mich überhaupt traue, diese Zeilen zu schreiben? Weil ich sagen kann: Sie sind zurück. Ich habe sie wieder erlebt, die Abende mit dem Bedürfnis nach einem Buch. Was sie wieder zu mir gebracht hat? Vielleicht das Studium. Vielleicht, dass ich wieder den Luxus besitze, mir Zeit für mich zu nehmen. Vielleicht das berauschende Gefühl, zwischen lesenden Menschen in der beeindruckenden Deutschen Nationalbibliothek zu sitzen. Ich weiß es nicht. Aber ich freue mich auf die vielen Abende, die vor mir liegen.

     

    Titelfoto: Patricia Stövesand