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  • Schweigen ist Gold

    Von Tim Paul Büttner

    Es ist Zeit, über die zu reden, die nicht sprechen und doch so viel zu sagen haben: die „Compagnie Bodecker & Neander“ als Erben einer selten gewordenen Schauspielkunst im Portrait.

    Wer hätte gedacht, dass einmal aus dem unterdrückten Wort eine Poesie der Stille entstehen sollte. Als das französische Nationaltheater „Comédie-Française“ sich im 18. Jahrhundert zum einzigen Wächter des gesprochenen Wortes auf der Bühne deklarierte, durfte in anderen Spielstätten in Paris zeitweise keinerlei Wort mehr gesagt werden. Jedoch konnte damals niemand ahnen, dass dies die Geburtsstunde einer neuen Form der uralten Kunst des Schauspiels sein sollte – der Pantomime. Eine Schauspielkunst, die das große visuelle Medium des 20. Jahrhunderts – das Kino – maßgeblich beeinflusste. Slapstick-Artisten wie Buster Keaton und Charlie Chaplin, Filmemacher wie Jacques Tati oder die englischen Komik-Urgesteine „Monty Pythonzehrten von ihr. Weltweit beliebte und bekannte Figuren wie Rowan Atkinsons „Mr. Bean, Chaplins „Trampoder Tatis „Monsieur Hulot“ wären ohne sie undenkbar gewesen.

    Die Kunst der wortlosen Darstellung (Foto: Compagnie Bodecker & Neander / Hans Ludwig Böhme)

    Die Kunst der wortlosen Darstellung (Foto: Compagnie Bodecker & Neander / Hans Ludwig Böhme)

    Die drei wichtigsten Elemente der heutigen stummen, schauspielerischen Darbietungen sind die Kunst der Haltung nach Marcel Marceau, die Kunst der Beobachtung nach Jacques Tati und die Kunst der Illusion und des Spiels mit Licht und Schatten des schwarzen Theaters aus Prag. All das wird im Wirken der „Compagnie Bodecker & Neander“ geeint, welche sich aus Wolfram von Bodecker und Alexander Neander zusammensetzt. Die beiden gebürtigen Deutschen lernten einander als diplomierte Absolventen in Marcel Marceaus renommierter Schauspielschule „École Internationale de Mimodrame de Paris“ kennen. Diesem sollten sie für viele Jahre als Meisterschüler und persönliche Assistenten auf solistischen Welttourneen folgen. 1996 entschieden sie sich dann dazu, von nun an auch als Duo aufzutreten, eigene Bühnenprogramme zu entwerfen und schließlich ihre eigene „Compagnie“ zu gründen. 2007 starb Marcel Marceau mit 84 Jahren, doch „Bodecker & Neander“ traten nicht nur in dessen Fußstapfen, sondern entwickeln heute auch konsequent die Lehre ihres Meisters weiter. Als Duo geben sie der Kunst der Pantomime völlig neue Impulse, können sie doch eine gänzlich andere Dynamik auf der Bühne entwickeln, als es Solisten vermögen. Ihre Rollen sind nicht fest aufeinander konzipiert, sondern fließend und wechselnd. In ihren Bühnenprogrammen entwerfen sie Geschichten, die zugleich voller Tragik und Komik stecken, zum Lachen bringen und zum Nachdenken anregen, ohne sich dabei je des übermäßigen Klamauks oder einer bedeutungsschwangeren Pseudo- Intellektualität zu bedienen.

    Da ihre Kunst wortlos ist, genießen sie auch das Privileg, ohne Sprachbarrieren auszukommen. Ihre Auftritte führen sie auf nahezu jeden Kontinent, ihr Publikum finden sie von Argentinien, Kolumbien und Mexiko über Frankreich, Schweden, Polen und Finnland bis ins ferne Japan. Zu ihrem internationalen Erfolg trägt auch bei, dass ihre Geschichten stets von universeller Natur sind, die in jedem Kulturkreis verstanden und nachempfunden werden können.

    In einer Zeit, in der Theater in einer Identitätskrise steckt und von Videoprojektionen, übermäßigem Geschrei und inflationärer Nacktheit dominiert wird, ist das Ganze ein äußerst erfrischendes Bühnenwerk. Es ist gar ein erhebendes Erlebnis zwei Künstler auf der Bühne stehen zu sehen, die durch die völlige Reduzierung auf Mimik und Gestik weitaus mehr in den Köpfen der Zuschauer erzeugen können als es die meisten Produktionen anderer Theatergattungen vermögen. Der Zuschauer ist dabei stets Teil der Aufführung, da durch dessen Vorstellungskraft überhaupt erst Szenerien und Objekte entstehen. Er wird von den beiden Mimen dazu gebracht, nicht einfach nur mitzudenken, sondern aktiv von seiner Fantasie Gebrauch zu machen, um wahrlich wunderbare Dinge auf der Bühne und vor seinem inneren Auge entstehen zu lassen. Ähnlich wie beim Lesen eines Buches entwickelt so ein jeder seine ganz eigene, persönliche Version des Dargestellten. Der Darbietende auf der Bühne ist nicht mehr nur Produzent, sondern auch eine anregende Kraft, der Zuschauer nicht mehr nur Konsument.

    Neue Impulse für die Kunst der Pantomime (Foto: Compagnie Bodecker & Neander)

    Neue Impulse für die Kunst der Pantomime (Foto: Compagnie Bodecker & Neander)

    Bühnenobjekte und Kostüme werden dabei nur äußerst minimalistisch, aber dann vielgestaltig verwendet und oft ihrer ursprünglichen Bedeutung entwendet. So wird aus einem Instrumentenkoffer ein Schiff, aus einer großen Alu-Folie ein Segel oder aus Zeitungen ein monströser Auswuchs des eigenen Kopfes. Verbunden mit den Elementen der sogenannten „Laterna Magicades Prager Theaters ist dabei der Gegenstand der häufigsten Interaktion eine bloße, schwarze Stoffwand, die facettenreich von den beiden Mimen eingesetzt wird: mal als Klavier, mal als Theke oder als Rolltreppe.

    Ein Abend mit Bodecker & Neander ist wie das Eintreten in eine Boutique, die Träume verkauft. Wundersame Geschichten, Emotionen und Erlebnisse können dort gefunden werden, wenn man bereit ist, mit seiner Fantasie zu bezahlen.

     

    „Die Kunst der wortlosen Darstellung lebt nur, solange sie gespielt wird. […] Es gibt sie eben nur von Mensch zu Mensch – direkt im Theater. Das ist das Geheimnis, weshalb man sich an ein Theaterstück noch lange erinnert und an das Fernsehen kaum einen Tag.“ – Wolfram v. Bodecker, Alexander Neander

     

    Die „Compagnie Bodecker & Neander“ kommen auf ihren Tourneen regelmäßig auch nach Leipzig. Zuletzt traten sie am 31. Januar im Puppentheater Sterntaler auf.

     

    Titelfoto: Compagnie Bodecker & Neander / Kasia Chmura