• Kultur
  • Das Rauschen des Wassers

    Paul Schuler

    Die MDR-Festivalreihe „Nordic Pulse“ lässt den mäßig gefüllten Saal des Gewandhauses zu Leipzig in die elementare Klangwelt des Wassers eintauchen – und beschert Redakteur Paul maritime Träume.

    An einem kalten Januarabend füllt sich das Gewandhaus langsam mit Menschen und der Unendlichkeit des Meeres. Mit dem zweistündigen Konzert „Unendlichkeit“ beeindruckten Dirigent Kristjan Järvi und das MDR-Sinfonieorchester am 13. Januar ihr Publikum. Als zweites Konzert der Festivalreihe zeigte es drei Stücke temporärer Komponisten, die sich thematisch mit Wasser und dem Meer beschäftigen. Das Gewandhaus, bekannt für seine wunderbare Akustik, ist an diesem Abend tatsächlich aber nur mäßig gefüllt. Ich frage mich, ob gepolsterte Sitze vielleicht sogar bessere Resonanzkörper als Menschen sind.

    Jonny Greenwoods „Water“ soll laut Informationsblättchen das Lichtspiel eines Wasserglases beschreiben. Das Stück bewegt sich über ruhige Harmonien, in denen das indische Zupfinstrument Tanpura im Mittelpunkt steht und fügt sich über zackige, arhythmische Streicherpassagen zu einem berauschenden Gesamtbild. An manchen Stellen lösen sich die verschiedenen musikalischen Stimmen nicht ganz, so, als sei ein Tropfen Öl ins Wasser gefallen. An anderer Stelle gar eher ein Tropfen Spülmittel.

    Auch wenn ich nicht verstehe, woraus Dirigent Järvi seine Bewegungen ableitet und worauf er sie bezieht, bewegen kann er sich in meinen Augen gut. Bei einem solch spannenden Stück, in dem jeder Moment eine Überraschung bieten könnte, erscheint er mir beinahe wie eine Spoilergefahr: Immer einen Takt voraus verrät er, was passieren wird.

    Kristjan Järvi in seinem Element (Foto: MDR / Peter Adamik)

    Kristjan Järvi in seinem Element (Foto: MDR / Peter Adamik)

    Das zweite Stück, „Unchanging Sea“ des US-Amerikaners Gordon, vom ganzen Sinfonieorchester aufgeführt, verspricht lauter zu werden. Dann beginnt es jedoch ganz anders. Auf einer Leinwand flackern Bilder vom Meer. Der schwedische Pianist Niklas Sivelöv spielt langsam tiefe intensive Töne an, die mir tief ins Mark fahren.
    Was man einem ein Klavier so alles antun kann. Es klingt, als wäre es kurz vor dem Zusammenfall, als bäume es sich ein letztes Mal akustisch auf, in etwa wie Tom Waits aus Tasten und Hämmern. Mit der Zeit stimmen Bläser ein und vergrößern das Pathos des Augenblicks. Trotz der wenigen Töne, die Sivelöv zu spielen hat, blättert er energisch und geräuschvoll seine Notenblätter. Ob nun Teil des Stückes oder nicht, ein gelungenes Stilmittel ist das allemal.
    Doch auf einmal erklingt etwas, das wie eine Kuhglocke klingt. Auch wenn es zuerst ungewöhnlich scheint, gefällt mir dieser Einfall sehr gut. Auch zu weit vom Motiv „Meer“ ist es nicht. Schließlich gibt es neben Seelöwen und Seepferdchen auch Seekühe.

    Während man auf der Leinwand Menschen sieht, die sich über die Wellen hinweg zuwinken, grüßen sich darunter im Trockenen die Streicher im Stakkato durch den Raum, bis ein nichtausmachbares Vibrieren die Akkorde durchdringt. Die Melodien werden lauter und türmen sich auf. Nach turbulenten Minuten unter Einsatz aller Kraft und Instrumente geleiten die Streicher die anfänglichen Klavierakkorde sachte heim, Sivelöv kehrt sicher in den Hafen zurück. Bis die Streicher plötzlich energisch einsetzen und die Lautstärke hochschrauben.
    Es ist glorreich, wie sich die Instrumente gegenseitig verschlingen und auf dem Höhepunkt nachhallend stehen bleiben. Järvis steht auf, einen Finger mahnend erhoben, sodass auch jeder den letzten Hauch in sich aufnehme und die Stille bis zum letzten Moment gewahrt bleibe.

    Zuletzt wird das preisgekrönte Stück „Become Ocean“ von John Luther Adams aufgeführt. 40 Minuten Zeit, selbst Ozean zu werden. Und tatsächlich nimmt mich das Stück vom ersten Moment an ein. Wieder mit einem Klavierpart beginnend, grollt es wie aus der Tiefe des Meeres empor. Weitere Instrumente steigen ein und lassen das Grollen sanfter klingen, bis man schließlich die Wasseroberfläche erreicht hat. Die fließenden Übergänge lassen das Orchester im Vergleich zu den ersten beiden Stücken zum ersten Mal als Einheit erscheinen.

    Am Ende tost dann das gesamte Orchester los: eine ohrenbetäubende Schallwand bricht über den Zuhörer herein. Mein Sitznachbar hat vor Überraschung die Beine gelupft – er hatte wohl vergessen auf den Dirigenten zu achten.
    Nach und nach gehen die Lichter der Notenständer aus. Das ist die Art der Musiker, „Gute Nacht“ zu sagen. Ich gehe entspannt aus dem Saal und träume vom Meer.

     

    Titelfoto: MDR / Peter Adamik