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  • Kafka und das stumme Popcorn

    Von Nathalie Trappe

    Rezension zu „La mécanique de l’ombre“ bei den 23. Französischen Filmtagen

    Jeder Mensch hat Erwartungen. Wenn er anderen Leuten begegnet, fremde Orte bereist oder auch nur etwas Neues ausprobiert. Und auch, wenn er ins Kino geht. Dank unserer globalisiert vernetzten Welt ist es uns heute möglich, Streifen aus aller Herren Länder zu genießen und uns ein Urteil zu bilden. Dadurch entstanden über die Jahre gewisse Klischeevorstellungen. So werden englische Filme für ihren trockenen Humor geliebt, deutsche Streifen gelten oft als sehr vorhersehbar, Adam Sandler steht für platte Witze und französische Filme werden als eine Mischung aus schmalzig und abgedreht abgestempelt. Doch dass Klischees dazu da sind, sie auch mal zu beseitigen, konnte man in den vergangenen Tagen in Leipzig am eigenen Leibe erfahren, wenn man den französischen Filmtagen einen Besuch abstattete.

    Bereits zum 23. Mal zeigten die Schaubühne Lindenfels und die Passage Kinos über eine ganze Woche hinweg französische Filmkunst vom Drama bis zur Komödie à la Klischeevorstellung. Allein anhand der Trailer-Show vor Beginn des Hauptfilms ließ sich die oft unterschätzte Vielfalt des französischen Films erkennen –  ein ungewohnt angenehmes Erlebnis, auch mal Streifen angepriesen zu bekommen, deren Werbung man nicht schon mitsprechen kann. Doch noch mehr haben die Filme natürlich in voller Länge zu bieten. Ich hatte mich für eine der Premieren in diesen Tagen entschieden, auch angelockt durch Hauptdarsteller François Cluzet, der spätestens seit seiner Rolle in „Ziemlich beste Freunde“ auch in Deutschland bekannt ist. Nachdem man bei der Vorschau noch munteres Popcorn-Knabbern aus allen Reihen vernimmt, verstummen mit Beginn von „La mécanique de l’ombre“ (dt. Titel „Operation Duval- das Geheimprotokoll“) jegliche Geräusche im Astoria-Saal der Passage-Kinos.

    Denn an diesem Samstagabend sieht man keine „Happily-Ever-After“-Romanze zum Zurücklehnen. Auch wenn für den gewöhnlichen Zuschauer zunächst nicht ersichtlich, wurde der Thriller grob inspiriert von Franz Kafkas Roman „Der Prozess“ und entsprechend auf die heutige Zeit zugeschnitten. Im Mittelpunkt steht Protagonist Duval, der eines Tages einen mysteriösen Anruf erhält, ein Fremder lädt ihn zu einem Vorstellungsgespräch ein. Alles verläuft erstaunlich schnell, Duval soll für eine unbekannte Firma Telefongespräche transkribieren. Kurz wird er dafür nach seiner politischen Einstellung gefragt, dann findet er sich auch schon in einem abgeriegelten Appartement wieder. Schnell wird Duval und dem Zuschauer anhand der aufgenommenen Gespräche klar, dass dieses Abhören Menschenleben aufs Spiel setzt. Der Protagonist will kündigen, da befindet er sich schon mitten im Strudel eines politischen Komplotts, es geht um Wahlen und rücksichtlose Machtspielchen. Mit einem Mal sieht Duval nicht nur das Leben der Belauschten in Gefahr, sondern auch das eigene sowie das derer, die ihm nahestehen.

    Fragwürdiges Jobangebot eines ominösen Mannes

    Duval nimmt das mysteriöse Arbeitsangebot an.

    Zwar agieren in dem Film nicht viele Darsteller, doch das mindert nicht im Geringsten die Komplexität der Geschichte. Gerade durch die bemerkenswert glaubhafte Darstellung des François Cluvet fühlt sich der Zuschauer selbst geradezu in die Handlung und die daraus resultierenden Ängste hineingezogen. Dank detailgetreuer Kameraeinstellung nimmt man die Szenen wie durch das eigene Auge wahr, nah aufgenommene Geräusche, wie das angstvolle Atmen des Duval, erzeugen eine Geschichte wie zum Greifen nah. Genau wie der Protagonist selbst kann man bald nicht mehr beurteilen, welcher Seite man vertrauen kann und ob ein Entrinnen überhaupt noch möglich ist. Immer wieder erscheinen neue Verbündete von jeder Seite, Duvals Leben steht auf Messers Schneide. Exzellent inszeniert Cluvet hier auch die Verwandlung der Figur, die sich schließlich selbst zur Skrupellosigkeit gegenüber dieser Welt des Misstrauens gezwungen sieht. Plötzlich geht alles ganz schnell, der Zuschauer wird mit einem halb offenen Ende konfrontiert.

    So verlässt man den Kinosaal zunächst mit vielen Fragen und einer nicht geleerten Popcorntüte – dafür war einfach keine Zeit bei all der Spannung. Tatsächlich braucht man nach diesem Film erstmal eine Nacht, um den Inhalt ausreichend zu verarbeiten und einigermaßen hinter die Geschichte zu steigen. Auch wenn keine direkten Ähnlichkeiten zum Kafkaesken bestehen, bleibt ein Eindruck von einer beängstigend nahen Welt. Dem Zuschauer wird eine Welt gezeigt, die er nicht in allen Nuancen begreifen kann, die aber hinter politischen Türen doch existiert. So ist das Herz im Nachhinein nicht beflügelt, wie mancher bei französischen Filmtagen vielleicht vermuten mochte, im Gegenteil. „La mécanique de l’ombre“ ist ein Film zum Nachdenken und zum Schärfen der Sinne. Nicht für den Geschmack von Popcorn, sondern für die Sensibilität gegenüber dem Zwielicht unserer heutigen Gesellschaft.

     

    Fotos: Copyright Océan Films