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  • Wenn Puppen menschlich werden

    Von Tim Paul Büttner

    Voller Tragik und Komik ist Ma vie de Courgette ein Kinderfilm für Erwachsene

    In Zeiten der durch und durch digitalisierten Filmwelt wird es immer seltener, dass Trickfilme mittels klassischer Stop-Motion-Technik auf die Leinwand gebannt werden. Einer Technik, bei der die Illusion der Bewegung über die Aufnahme unzähliger einzelner Bilder von unbewegten Motiven erzeugt wird. Bekanntester Vertreter dieser Animationstechnik sind wohl Aardmans Animations, die mit Wallace & Gromit das wahrscheinlich berühmteste Knetfiguren-Duo der Filmgeschichte erschufen.

    Auch Ma vie de Courgette, zu Deutsch Mein Leben als Zucchini, bedient sich dieser Technik und erschafft eine Welt, die schön und kindlich anzusehen aber ebenso in der Lage dazu ist, die volle Tragweite der Tragik der Handlung zu transportieren. Die Figuren, ihre Proportionen und die Gestaltung der Szenerien entziehen sich jeglichem realistischen Bezug und doch verstärkt die überzeichnete Darstellung die emotionale Wirkung. Wie ein Pantomime, der sich schminkt, um den Ausdruck seiner Mimik zu steigern.

    In ma vie de Courgette wurde die klassische Stop-Motion Technik angewand.

    In Ma vie de Courgette wurde die klassische Stop-Motion Technik angewand.

    Die Geschichte, die Ma vie de Courgette erzählt, ist eine Adaption des Romans Autobiografie einer Pflaume des französischen Schriftstellers Autors Gilles Paris. In ihr dreht es sich um den neunjährigen Icare, der, von allen nur Courgette (dt. Zucchini) genannt, alleine bei seiner alkoholkranken Mutter aufwächst. Sein Vater existiert für ihn nur noch als Malerei auf einem selbstgebauten Drachen, den er täglich steigen lässt. Doch nach einem tragischen Unfall findet er sich von nun an als Waise wieder und wird von dem fürsorglichen Polizisten Raymond in das Heim von Madame Papineau gebracht. Sich seiner neuen Situation noch gar nicht wirklich bewusst, soll er nun mit anderen, elternlosen Kindern leben.

    Trotz oder vielleicht gerade wegen seiner kindlichen Ästhetik scheut sich Ma vie de Courgette nicht davor, äußerst ernste Themen anzusprechen. Die Waisen sehen sich allesamt einem Schicksal ausgesetzt, welches kein Kind der Welt erleiden sollte und doch viel zu viele betrifft: viel zu früh aus der Halt gebenden, schützenden, elterlichen Liebe entrissen worden zu sein. Da ist Simon, dessen Eltern den Drogen verfielen, Jujube, deren Mutter abgeschoben wurde oder Alice, deren Vater sie missbrauchte. Dabei verfällt der Film nie ins Sentimentale, sondern versprüht in den geeigneten Momenten eine unheimliche Lebensfreude. Er zeigt Kinder (und Erwachsene), die sich gegenseitig unterstützen und einander das geben, was ihnen vom Schicksal verwehrt wurde: Zusammenhalt, Freundschaft und auch ein wenig Liebe.

    Dass Figuren und Handlung sich gängiger Klischees nicht verwehren und geschickt, aber methodisch nach dem Muster der Heldenreise aufgebaut sind, mag einen hierbei nicht stören. Zu sehr ist man damit beschäftigt, zu realisieren und zu verarbeiten, wie nah doch Ma vie de Courgette an der bittersüßen Realität und wie seicht doch der Film im Vergleich ist. Einer Realität, in der unzählige Kinder auf der Welt, unbeachtet von dieser, in einem Schattendasein elternlos aufwachsen. Der wohl wichtigste und beste Moment des gut einstündigen Films ist wohl auch seine Schlussszene. Aufgewühlt, weiß man nicht, ob die Träne aus Freude oder aus Trauer kam. Vielleicht irgendwie aus beidem.

     

    Fotos: Copyright RITA PRODUCTIONS / BLUE SPIRIT PRODUCTIONS / GEBEKA FILMS / KNM / RTS SSR / FRANCE 3 CINEMA / RHONES-ALPES CINEMA / HELIUM FILMS 2016