• Kultur
  • Genre: Hass

    Von Dennis Hänel

    Bericht vom Dear Desolation Tour-Stopp in Leipzig

    Als ich mir in letzter Minute am Vorverkauf noch schnell ein Ticket holen wollte, entgegnete mir die Verkäuferin nur „Thyartis… was?“. Sie konnte mit der Band Thy Art is Murder offensichtlich nicht viel anfangen. Doch genau das ist symptomatisch, wenn du Musik außerhalb des „Liebe, Liebeskummer, Hoffnung und Traurigsein“-Mainstreams hörst und dich stattdessen im Bereich der Antithese dazu bewegst. So ist auch die Bereitschaft gering sich ein Deathcore Konzert zu geben, zumindest, wenn du bei einem Konzerterlebnis lieber ein Setting aus positiven Vibes und Heiterkeit willst. Eine Begleitung für das Konzert zu finden scheiterte somit nicht nur an konkurrierenden Events, sondern auch am Willen, sich mal etwas Anderes zu gönnen. Natürlich war – wie abzusehen –  der Vorverkauf auch schon beendet. Aber das soll jetzt hier keine Anleitung zum Selbstmitleid werden.

    An der Location selbst, dem Felsenkeller in Lindenau, gab es noch genügend Karten und so tauschte ich 30€ gegen ein Fest aus Blastbeats und Breakdowns. Im weitläufigen Saal sehe ich natürlich sofort den obligatorischen Kommerz in Form eines Merchandise-Standes. Doch anstatt meine Bandshirt-Sammlung zu vergrößern, entscheide ich mich für einen kühlen Hopfenblütentee und begutachte die Szenerie.

    Während die erste Band Justice for the Damned spielt, drücken sich die Besucher noch am Rand herum und halten sich an ihren mutmaßlich mit Club Mate gefüllten Plastikbechern fest. Die Performance der Australier erscheint noch etwas bemüht. Dabei hatte ich mir zuletzt begeistert die CD der Newcomer gekauft, da mir der Hybrid aus Deathcore und Crust ganz gut gefallen hat.

    Als Nächstes stehen Oceano auf der Bühne. Die Location ist mittlerweile gut gefüllt und da die US-Amerikaner klassischen Deathcore spielen, dauert es nicht lange bis zum ersten Breakdown. Es kracht also die Wucht des Palm Mutings (es werden mehrere Saiten angespielt, wobei der Handballen diese abdämpft) aus den Boxen, breitet sich mittels spürbarer Druckwelle im gesamten Saal aus und sorgt gepaart mit dem unfreiwilligen Blick in den Scheinwerferkegel für kurze Benommenheit, sodass sich der Breakdown wie Zeitlupe anfühlt. Zwischen dem Growling (tiefer im Genre üblicher Kehlgesang) nutzte Vocalist Adam Warren die Bühne für eine kurze politische Ansage. Er appelliert an die Besucher, aufzustehen und was gegen Dinge zu tun, die sie nerven. Das Publikum reagiert begeistert und vereinzelt werden Fäuste gen Himmel gehoben. Obwohl ich auf Platte mit der Band wenig anfangen konnte, hat mich die Liveshow vollends überzeugt.

    Die Dritte Band After the Burial aus Minneapolis spielen einen technischeren Stil. Die Rhythmik ist daher zwar weniger brachial, was den Sänger aber nicht davon abhält das Publikum zum Sport aufzufordern. Neben der Einladung zum Crowdsurfen wird auch die Pit ausgerufen und gewarnt: „If anyone grabs someone by the pussy, throw them in the middle of this fucking pit“.

    Damit die Stimmung in den Pausen konstant oben bleibt, wird Rapmusik gespielt – was auch sonst. Dann, der Bühnentechniker mimt die Kopf-ab Bewegung in Richtung Soundtechniker und es wird dunkel, Rauch strömt über die Crowd hinweg. Dann wird es heller, die Bühne verwandelt sich in ein pink-blau illuminiertes Tor ins Jenseits – und alle wissen, gleich steigt etwas aus diesem Tor in unsere Welt. Zwei Gitarristen treten hervor und schreddern in Begleitung eines Stroboskop-Gewitters unmittelbar drauf los. Dahinter kommt ein Ungetüm mit North Face Regenjacke, mit starrem Blick und ohne jegliche Emotion hervor, nur ein kurzer lässiger Gruß ins Publikum. Die Leute toben und das Ungetüm aka CJ growlt die Halle zusammen.

    Nach dem ersten Track begrüßt CJ die Crowd mit einem verschmitztem „Leiiipppzzziig“ und kündigt den zweiten netten und lebensbejahenden Song The purest strain of hate an, welcher von dem Nächstenliebe propagierenden Album Hate stammt. Nach dem Blastbeat-Drum Gewitter zu Beginn des Songs weiß der kundige Fan, es folgt ein heftiger Breakdown. Ein Gefühl von Weltuntergang. Die musikalische Darbietung der Koalas bleibt konstant auf hohem Niveau, mit kreischenden Gitarrenriffs, im Nähmaschienen-Takt einschlagenden Drums und dem in rot-orange getauchten Bühnenbild entsteht eine genial bedrohliche Atmosphäre. Kein Vergleich zum Auftritt der Band im vergangenem Jahr, wo ein anderer Vocalist ran musste und Thy Art is murder lediglich als Vorband von Parkway Drive auftraten.

    Als dann der Song Holy War mit den Zeilen „Die for Christ, die for Allah, die for Jerusalem, die for Torah“ einheizt, erlebt die Show einen weiteren Stimmungshöhepunkt, bevor es dann viel zu schnell wieder vorbei ist. Vielleicht gehe ich als nächstes auch mal auf ein Pop-Konzert, oder halt auch nicht, denn es wäre mir vielleicht nicht peinlich, aber die Stimmung wäre nicht annähernd so genial.