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  • Reisereihe: Alter Schwede

    Von Paul Schuler

    Redakteur Paul über Ein-­ und Ausdrücke, die er in sechs Tagen Schweden gewann

    Fröhliche Volksfeste

    fröhliche Volksfeste

    Ich war schon immer ein Astrid-Lindgren-Liebhaber. Ich wollte selbst ein Kind in Bullerbü sein, auf Saltkrokant Urlaub machen, einen Freund auf dem Dach wohnen haben und zugegeben:  Ich hatte ab und an meinen Kopf im Topf –  mit glücklicherem Ausgang. Urlaub in Schweden ist das Übertragen der Lindgrenbilder vor die eigenen Augen.

    Einmal über Schweden zu schreiben und direkt mit Astrid Lindgren zu beginnen, mag billig erscheinen. An irgendeinem Punkt würde sie jedoch mit Sicherheit erwähnt werden, also warum nicht dem Leser den Komforteinstieg gewähren, auf dass er träumerisch den Kindheitserinnerungen schwelgend in die Zeilen eintaucht. Also doch billig.

    Nun machte ich den ersten Schritt, sechs Tage in Schweden. Offiziell Bruderbesuch an der Wasserschleuse zu Södertälje eine knappe Stunde westlich von Stockholm, eigentlich aber Umsetzen der Kindheitsträume. Begeistert bestürme ich den ersten Supermarkt, um mich mit Skyr (genau genommen isländisch) und Blaubeeren einzudecken. Alles Weitere wurde schon eingekauft, so wird mir gesagt. Ich zähme meinen Drang in der Fischabteilung mein Unwesen zu treiben und ignoriere das Knäckebrot zu meiner Linken. Es gibt Nudeln mit Tomatensauce.

    Um mich doch schwedisch zu fühlen, plane ich, zumindest meine Blaubeeren einzusetzen. Da Skyr nicht aufzufinden war, begnüge ich mich dem griechischen Substitut und lasse die Blaubeerspiele beginnen. Mitten im Kampf Gaumen gegen Geschmacksknospen blicke ich auf die Verpackung um mich im Fach „Schwedische Gebietskunde“ weiterzubilden. Sydafrika, wo das wohl liegen mag? Egal, Hauptsache lecker. Genau wie in Bullerbü.

    Für den folgenden Abschnitt fehlt eine Referenz auf eine der Buchfiguren. Oder waren Pippi, Maditha, geschweige denn Ronja in Museen Stockholms? Womöglich. Es kann ja auch sein, dass dies unter literarische Privatsphäre fällt, in der Romanfiguren tun und lassen können, was sie möchten…

    im Museum

    im Museum

    Für den Mueumsliebhaber ist Stockholm ein Traum. So auch für mich, jedoch einer der in Erfüllung geht. Auch mit geringem Budget kommt man gut ‚rum. Die U-Bahn-Station von Kungsträdgården als Ausstellungsstück an sich, das Mittelaltermuseum ist kostenlos, das Museum für moderne Kunst und weitere zu bestimmten Uhrzeiten auch.

    Da ich den Artikel eingeleitet habe, wie ich ihn eingeleitet habe, fühle ich mich verpflichtet ins Junibacken zu gehen, ein wunderbares Museum für Kinderbücher. Dort fahre ich mit der internen Bimmelbahn, die im letzten Moment doch noch auf Englisch gestellt wurde, durch die Geschichten, welche diesen Text einleiten. Ich stutze. Emil aus Lönneberga, beziehungsweise Emil i Lönneberga. Wer ist das? Es scheint als hätten tausende deutsche Eltern ihre blonden Kinder umsonst Michel genannt. Auf Emil hätte man auch kommen können. Als die Fahrt mit den Brüdern Löwenherz endet habe ich Tränen in den Augen. Eine junge Frau öffnet den Wagen und fragt, ob es mir gefallen habe. Ich sehe anders aus.

    Kanelbulle

    Kanelbulle

    Auf der Fähre, die im Standardtarif inbegriffen ist, esse ich ein Kanelbulle, quasi eine Zimtschnecke, so ähnlich im Namen wie Köttbulle, so ähnlich der Genuss. Die Wasserwege dominieren das Stadtbild Stockholms, welch Glück, dass, oh Wunder, im Oktober das Wasser noch flüssig ist. Ich kann ja gar nicht Schlittschuh fahren. Die Insel Djurgården, kanelbullaressend gut zu erreichen, bietet unter anderem das wunderschöne Freilichtmuseum Skansen, indem unter anderen mehrere Björns, spezifisch Brunbjörns, zu bewundern sind.Vielleicht heißen sie auch Bernds.

    Aber auch altes Handwerk dürfen wir live miterleben. Beispielsweise einen friesischer Setzer, der uns anstatt sein Handwerk lieber seinen Werdegang schildert. Zugegeben, wir hatten gefragt. Oder in der Backstube, in der noch nach alter Tradition die tollsten Dinge aus dem Ofen gezogen werden und zum Zahlen nach neuer Tradition ein Kartenlesegerät hervorgezaubert wird. Hach, Kulturen. In all den Tagen habe ich keine einzige Krone in den Händen gehalten, lediglich eine im Museum bewundert und einige ausgegeben  .

    Was nämlich auch berüchtigt ist, sind die Alkoholpreise. Gut, dass wir im 21. Jahrhundert leben, jede kleinere Strecke mit dem Flugzeug hinter uns bringen und somit im Duty Free vom Berliner Airport zu erhöhten Preisen schwedischen Vodka reimportieren. Tatsächlich gibt es einige Bars und Kneipen, die einem etwas Geld übrig lassen, man muss nur wissen wo.

    Schloss Gripsholm im Westen Stockholms

    Schloss Gripsholm im Westen Stockholms

    An einem Sonntag machen wir in kleiner Gruppe einen wunderbaren Ausflug ins nicht allzu weit entfernte Mariefred, was nicht nur durch fabelhaften Namen glänzt, sondern auch durch ein Schloss. Das Schloss, dass den Namen Gripsholm trägt, ist eines der bekanntesten Schwedens und Thema eines empfehlenswerten Romans von Kurt Tucholsky. Hier atmet man das richtige Schweden ein. Ein Ort für einen König. Auch, ein Ort um einen König einzusperren. Nämlich jenen, welcher zum Dank für einen Krug ostdeutschen Bieres seinen Siegelring hergab. Man läuft sich in diesem Schlösschen die Füße wund und die Augen voll  . Ein wahrer Schmaus, Raum um Raum zu durchschreiten, wie Hesse sagen würde, vorbei an pinker Tapete, Kaminen, Sofas, Tischchen und einem famosen Theatersaal.

    Apropos Schloss, apropos Schmaus. Wir fahren nach Taxinge ins Schloss zu Kaffee und Kuchen. Nicht dass wir adlig sind, wir fühlen uns nur so. Und mit einer Kreditkarte gibt es sogar Prinzessinentorte, die hierzulande als – der Kreis schließt sich – als Schwedentorte bekannt ist. Ein Trostpflaster dafür, dass mir der Besuchdes allerersten IKEA inklusive Hot Dog an diesem Tag verwehrt blieb.

    guter Buchgeschmack

    guter Buchgeschmack

    Nun sitze ich am Flughafen mit Internetverbindung. Verbunden mit eduroam, Uni fängt bald wieder an. Insgeheim doch hoffend, einen Teil des Urlaubs mitgenommen zu haben und eine der im Koffer liegenden Konserven möge unter dem Luftdruck im Flugzeug geplatzt sein. Sodass, wenn die Freunde, statt der spanischen Bräune erblickend, den nordischen Fischscent erschnuppern, mir die Frage stellen, ob ich denn im Urlaub war und ich bloß nicke.

    Und wenn alles doch in guter Weise schiefgelaufen ist, so habe ich doch zwei Dinge mitgenommen. Gute Erinnerungen und einen Satz: „Borta bra men hemma bäst.“