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  • Hinter den Fassaden des Paradieses

    Von Luise Bottin

    „Suburbicon“ überzeugt als einzigartig intensives Filmerlebnis

    „Willkommen im sonnigen Suburbicon, einer Vorstadtgemeinde mit immerwährenden glücklichen Familien! Willkommen in Suburbicon, dem Ort der Wunder und Reize, in der alle Träume wahr werden!“ So heißt es zumindest im Image-Werbefilm der Stadt. Denn die idyllische Postkarten-Version des amerikanischen Traums gerät ins Wanken, als mit den Meyers die erste farbige Familie in die Nachbarschaft zieht und sich Rassismus in der Gemeinde ausbreitet. Mit allen Mitteln versuchen die Einwohner, die Familie aus der Stadt zu vertreiben, denn „wir begrüßen Rassenintegration, aber…“. Und so müssen sich die Meyers bald nicht nur mit einem Sichtschutzzaun um ihr Grundstück abfinden, sondern auch mit dauerhafter Lärmbelästigung, einem ausgebrannten Auto und eingeworfenen Scheiben.

    Julianne Moore verkörpert die tote Mutter und deren Zwillingsschwester

    Keine heile Welt mehr in Suburbicon

    Doch auch ihre Nachbarn, die Familie um Vater Gardner Lodge (Matt Damon), sieht sich ernsten Problemen gegenüberstehen: Ihr ruhiges Leben zerbricht, nachdem ein Einbruch in ihrem Haus eskaliert und zum Tod der Mutter (Julianne Moore) führt. Ehemann und Zwillingsschwester der Toten geraten in einen Strudel ungewöhnlicher und verdächtiger Ereignisse, der sie immer tiefer in ein Netz von Verrat und Erpressung zieht. So müssen sie sich bald mit Bud Cooper (Oscar Isaac) herumschlagen, dem Schadensermittler der Versicherung, der so gar nicht an einen spontanen Einbruch glaubt… Während das Chaos, das im Hause der Lodges um sich greift, nach außen unbemerkt bleibt, eskalieren die Ausschreitungen um das Haus der Meyers und die farbenfrohe Traumwelt verwandelt sich in einen Albtraum.

    Historisch angesiedelt ist „Suburbicon“ in der Dekade nach dem Zweiten Weltkrieg: Die neue amerikanische Mittelklasse zog in die Vororte mit idyllischen, finanzierbaren Häusern, für viele wurde der Traum eines Eigenheims zum ersten Mal Wirklichkeit. „Unser Ziel war es nunmehr, die Fassade des perfekten Heims genüsslich abzutragen und nachzuschauen, wie hässlich es dahinter zuging“, fasst Schauspieler und „Suburbicon“-Regisseur George Clooney, der im Film nicht vor der Kamera in Erscheinung tritt, zusammen. Und das gelingt ganz großartig: Vom ersten Moment an entwickelt sich der Film zu einem nervenzerreißend spannenden Sog, der den Zuschauer keine Sekunde lang loslässt. In der farbenfrohe, heile Lollipop-Welt von Suburbicon sorgt das visuelle Leitmotiv „Anonymität und Gleichheit“ dafür, dass die Individuen quasi unsichtbar werden und dass dennoch nichts ist, wie es scheint. So tun sich neben den gesellschaftlichen auch familiäre und persönliche Abgründe auf und das Leben aller Beteiligten wird für immer auf den Kopf gestellt.

    Versteckspiel, Noah Jupe als "Nicky"

    Noah Jupe begeistert als „Nicky“

    Das nachhaltige Filmerlebnis entsteht bei „Suburbicon“ in erster Linie durch die herausragende Besetzung: Matt Damon genießt im heutigen Hollywood eine Verehrung wie kaum ein anderer und lockt neben seinen schauspielerischen Fähigkeiten auch durch seinen Status als Kassenmagnet viele Menschen in die Kinosäle. Doch neben ihm und Julianne Moore, die in den Rollen der Zwillingsschwestern gleich doppelt überzeugt, begeistert vor allem Noah Jupe als Sohn in der Familie: Seine Verkörperung des jungen Nicky, der sich ganz alleine mit seinem Trauma und den gewaltigen Umbrüchen in seinem Leben auseinandersetzen muss, macht ihn hier zu einem der eindrücklichsten Jungschauspieler, die man in den letzten Jahren gesehen hat.

    Und auch abseits der elitären Schauspieler-Riege funktioniert der Film: Die unglaublich überzeugende Bildsprache, der bitterböse Humor und das perfekte Zusammenspiel aus Ton, Bild und Farbdramaturgie bleiben noch tagelang im Gedächtnis. Intensiver geht Kino nicht!

     

    In den Kinos ab 9. November 2017

     

    Fotos: Copyright 2017 Concorde Filmverleih GmbH / Hilary Bronwyn Gayle