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  • „Ich fühle mich die meiste Zeit immer noch wie 18“

    Von Paul Schuler

    Marlon Roudette über kreative Tiefs und Glücksgefühle (English Version Below)

    Auch wenn der Name Marlon Roudette nicht jedem ein Begriff ist, so dürfte fast jeder schon einen seiner Songs gehört haben. „New Age“ gehört seit 2012 fest zum deutschen Radioprogramm. Er hat es geschafft.
    Im Interview mit student!-Redakteur Paul Schuler erzählt Roudette vom modernen Musikgeschäft und seinen drei Heimaten: England, der Karibik und der Musik.

    student!: Zu allererst möchte ich dir eine der schwierigsten Fragen stellen. Wie definierst du einen gut geschriebenen Song?

    Roudette: Die Texte sind sehr wichtig und natürlich ist auch die Melodie essentiell. Ich persönlich mag es, aus einem Song etwas wie einen Satz, ein bestimmtes Wort oder eine Idee mitzunehmen, das den ganzen Song zusammenfasst. Das ist natürlich bei jedem unterschiedlich, aber mir ist die Wahrheit meiner Lieder sehr wichtig. Deshalb basieren auch alle meine Lieblingslieder auf Wahrheiten.

    Schreibst du all deine Lieder selbst oder holst du dir auch Unterstützung?

    Manchmal fange ich alleine an, aber an sich habe ich viele verschiedene Co-Autoren und Leute, auf die ich mich verlasse. Eine der großartigen Sachen im Musikgeschäft ist, dass man so viele wundervolle, talentierte und kreative Menschen trifft.

    Insbesondere in Deutschland hattest du großen Erfolg mit Songs wie „Big City Life“ als Mitglied von Mattafix, oder als Solo Künstler mit „New Age“ und „When The Beat Drops Out“. Was ist der größte Unterschied zwischen Deutschland und beispielsweise Großbritannien?

    Zuerst einmal gibt es in Deutschland ja nicht den einen zentralen Radiosender. Es gibt so viele verschiedene Radiosender überall im Land verteilt und das bedeutet, dass Sachen, die in Sachsen gut ankommen, in Bayern oder Schwaben vielleicht nicht so gut funktionieren. Das regt die Künstler dazu an, aktiv zu sein und ihre Musik in vielen verschiedenen Gebieten zu promoten. Und erst wenn du alle überzeugt hast, stellt sich der nationale Erfolg ein.

    Um auf Mattafix zurückzukommen: ich habe gelesen, dass sich der Bandname vom Ausspruch „matter fixed“ ableitet, was gleichzeitig der Name deines ersten Albums war. Eine Hommage an dein erstes großes Projekt?

    Definitiv. Mattafix war eine äußerst wichtige Band für mich. Die Aussage stammt aus der Karibik, von der Insel St. Vincent, auf der ich groß geworden bin, auch deshalb war sie für mich immer entscheidend. Das war mein Einstieg in die Musikwelt, deshalb werde ich immer dankbar für Mattafix sein. Das ist auch der Grund, dass ich die Songs immer noch live spiele.

    2011 habt ihr euch aufgelöst. Hattest du Angst davor, nicht an die Erfolge deiner ehemaligen Band anknüpfen zu können?

    Ja, das war eine wirklich schwierige Zeit. Und manchmal ist es immer noch schwierig. Wenn man in einer Band spielt, sind dort immer mindestens zwei Personen, die Kreativität bieten, alleine ist man da ganz auf sich gestellt. Ich war nie der typischer Frontmann und habe mich nie wirklich als Solosänger gesehen. Ich mochte es, mich hinter einer Band verstecken zu können und meine Crew zu haben. Das Gesamtbild ist da einfach cooler. Ich vermisse das auch immer noch. Zum Zeitpunkt der Auflösung wusste ich, dass ich diese Energie vielleicht nie wieder finden würde. Aber was ich jetzt habe, ist etwas anderes und ich genieße es vollkommen. Sogar mehr denn je – denn jetzt bin ich der Chef.

    Denkst du darüber nach, eine neue Band zu gründen?

    Das würde ich unheimlich gerne. Wenn sich die Möglichkeit ergäbe, Mann, das wäre großartig. Ich glaube nämlich, dass sich aus dieser Energie etwas ganz Besonderes ergibt. Aber eine Band mit 34 zu gründen ist nun mal anders als mit 18.

    Passiert es dir häufig, dass Leute dich eher auf deine Singles festnageln, als über komplette Alben zu sprechen?

    Das ist ein Ergebnis des modernen Dilemmas und des Wandels im Musikgeschäft. Alben werden immer unwichtiger – für jeden, nicht nur für mich. Es gibt eine Handvoll wundervoller Künstler, die sich glücklich schätzen können und eine Menge an Alben verkaufen. Und dann gibt es viele von uns, die ihre Singles verkaufen und nur die echten Fans hören dann die Alben.

    Nichtsdestotrotz war das schon immer so in der modernen Musikindustrie. Der Grund, warum wir Alben mit 12 Songs haben, ist, dass dies das Maximum war, was man früher auf Vinyl pressen konnte, sechs Songs je Seite bei 33 ½ Umdrehungen pro Minute gespielt. Als Musiker kann man nicht in der Vergangenheit hängen bleiben, sondern muss mit der Zeit gehen. Ich glaube nicht, dass meine jüngeren Fans nach Hause gehen und meine ganzen Alben hören, das ist einfach nicht ihre Generation. Sie streamen und laden das Zeug hoch und ich will ein Teil davon sein.

    Gab es einen speziellen Moment, in dem du wusstet, du kannst es schaffen?

    In der Woche, in der ich eigentlich an der Uni anfangen sollte, da war ich 19, bekam ich mein erstes Angebot für einen Plattenvertrag als Songwriter. Ich erinnere mich an  den Moment, ich dachte: „Ja, das ist wirklich eine große Chance. Sie geben mir eine Menge Geld und sie glauben an mich“. Das habe ich nie aus den Augen verloren. Trotzdem haben alle Musiker ihre täglichen Tiefpunkte, auch ich und auch noch bis heute. Man fragt sich immer wieder „Bekomme ich das hin?“. Aber tief drinnen sind wir felsenfest überzeugt und wissen, dass wir es können.

    Einige Musiker aus Künstlerfamilien sagen, dass es für sie durch die familiäre Unterstützung einfacher war, den Versuch zu starten, Musiker zu werden. Wie war das in deinem Fall?

    Ich denke es ist zweierlei. Zum einen wurde ich immer darin unterstützt, kreativ zu sein. Ich habe die Musik auch immer schon geliebt, aber nie wirklich daran gedacht, davon leben zu können. Deshalb habe ich Film und Fotografie studiert.

    Manchmal ist es aber auch eher hinderlich. Manche Leute glauben, dass man gewisse Möglichkeiten nur bekommen hat, weil man aus der bekannten Familie stammt. Manchmal muss man aber härter arbeiten, um es zu schaffen. Außerdem muss man es sich teilweise auch selbst beweisen, was ich seit vielen, vielen Jahren tue. Das Beste ist aber, dass, wenn die Zeiten schwierig wurden, ich immer jemanden in der Familie hatte, der die Probleme mit Kreativität kannte und wusste, dass es Hochs und Tiefs gibt. Manchmal muss man eben einfach weitermachen.

    Du wurdest in London geboren, bist nach St. Vincent gezogen und kamst mit 17 nach England zurück. Was hat dich dazu bewegt und wie hat dich diese Zeit beeinflusst?

    Die Karibik ist ein wunderschöner Ort. Insbesondere St. Vincent, die Insel auf der ich groß wurde, ist eine Augenweide. Dort nur von der Musik zu leben ist aber sehr hart. Das ist der Hauptgrund, weswegen ich zurückgezogen bin. Aber auch meine Liebe für London spielte eine große Rolle. Es ist seit Jahren eine Art Hassliebe, aber vorrangig eben Liebe. Es ist eine sehr vielfältige Stadt, ich bin sehr stolz auf London. Es ist liberal und offen im Denken. Natürlich haben auch wir immer noch Probleme mit Rassismus und Vorurteilen, aber in wesentlich geringerem Ausmaße als in anderen großen Städten. Zusammen mit der Tatsache, dass es dort viele großartige Songwriter, Produzenten und Studios gibt und man durch die gute Lage viele Möglichkeiten hat, in Europa herumzukommen.

    Foto1_PaulMeyerDeine neue Single „Ultra Love“ wurde im Mai veröffentlicht, folgt bald ein Album?

    Im Moment habe ich keine Ahnung. Ich weiß gerade nicht wirklich, wie weit wir sind. Ein Song wird im Radio gespielt. Man muss es verfügbar machen, dann kannst du damit Einfluss nehmen. Momentan fokussieren wir uns aber vor allem auf die Singles. „Ultra Love“ ist draußen, also los, holt es euch! Das Video kommt Ende August heraus, was mich sehr glücklich macht. Carly Cussen, eine ziemlich bekannte Regisseurin in England, hat das Video für mich gedreht. Ich bin auf einem Dach und spiele, einfach richtig geil.

    Was ist für dich der Hauptgrund, Musik zu machen? Menschen glücklich machen, sie zum Tanzen zu bringen?

    Was mich süchtig nach dem Musikgeschäft macht und mich immer wieder ins Studio zieht ist nicht das Geld und definitiv nicht das Berühmtsein. Es ist das Gefühl, Menschen zu vereinen und ihnen das gleiche Gefühl für einen Song weiterzugeben. Das ist der ultimative Beweis, dass wir alle dieselbe Liebe in uns tragen. Und als Songwriter ein Teil davon zu sein, gibt mir den größten Kick. Denn das Leben ist der Ausdruck dessen.

    Du bist jetzt schon eine ganze Weile auf Tour, das muss ziemlich anstrengend sein. Wofür lohnt sich das am meisten?

    Es sind die Fans. Vor den Fans zu spielen. Man hört das viele Leute sagen, aber es ist wahr. Wenn man in das Gesicht einer Person blickt, die gekommen ist, um dich zu sehen. Das lässt einen all die stressigen Momente vergessen. Wenn man auf die Bühne kommt und denkt: „Worüber zum Teufel beschwere ich mich eigentlich? Ich lebe davon, um die Welt zu fliegen und Leuten meine Musik vorzuspielen“.

    Du hast in jungem Alter angefangen, Musik zu machen. Dieses Jahr bist du 34 geworden, was nicht alt ist. Merkst du dennoch, dass das Altern einen Einfluss auf dein Leben als Künstler hat? Spürst du eine Veränderung?

    Leider nein. Ich fühle mich die meiste Zeit immer noch wie 18. Natürlich muss ich als Vater von zwei kleinen Jungs mein Leben etwas anders organisieren, aber grundsätzlich fühle ich mich noch ziemlich gleich. Körperlich fühle ich mich gut, ich habe die Energie, liebe es mehr denn je, bin immer noch nervös vor den Konzerten und all diese Dinge. Wenn überhaupt hoffe ich, dass sich meine Fähigkeiten als Songwriter über die Zeit ein wenig verbessert haben.

     

    English version:

    The name Marlon Roudette might not ring a bell with everyone , although most people probably have heard some of his songs as “New Age”is an essential part of German’s radio music repertoire. In this interview with student! – editor Paul Schuler he talks about his three homes: England, the Caribbean and music.

    First of all I‘d like to ask you one of the most difficult questions. How would you define a well written song?

    Lyrics are very important and of course the melody is essential. But for me: I like to walk away from a song with a sentence or an idea or a word, that kind of summarises the whole song. It’s different for everyone, but truth in my songs is very important to me and that’s why all of my favourite songs are based on truth.

    Are you writing all your songs by yourself or do you get help?

    I sometimes start on my own but I have a lot of different co-writers and different people I rely on. One of the great things in music business is that you get to meet so many amazing, talented creative people. And I have a big pool of song writers and my friends as well as co-writers.

    Especially in Germany you’ve had huge success with songs like „Big City Life“ as part of Mattafix or as a solo artist with „New Age“ and „When the Beat drops out“. What is different between Germany and for example the UK?

    The first thing is that in Germany you don’t have one central radio station. You have many different radio stations all over the country, that means, what works in Saxony might be different in Bavaria or Swabia. So that really encourages artists to get out there and promote the songs in many different areas. And when you pull them all together, that’s when you get your national success.

    Speaking of Mattafix, I heard it derived from the phrase „matter fixed“ which was the name of your first solo album. Was it a dedication to your former project?

    Definitely, Mattafix was a very important band for me. And it’s a phrase from the Carribean, the island of St. Vincent where I grew up so it’s always vital. It was my introduction to music so I’ll be always grateful to Mattafix, that’s why I play Mattafix songs live as well.

    In 2011 you split up. Were you afraid that you wouldn’t take up with the success of your former band?

    Yes, it was a very difficult time.  And sometimes it’s still difficult. When you’re in a band, there’s two of you producing creativity and when you’re solo it’s really all down to yourself. I was never a natural frontman and I didn’t really see myself as being a lead solo singer. I loved hiding behind a band and having a crew. It’s cooler, first of all the image is cooler. And I still miss it. I knew at that time we split up, I might never find that energy again. But what I’ve got now is different and I’m definitely enjoying it, way more than I ever did, because I’m the boss.

    Are you thinking about forming a new band?

    I’d love to. If the opportunity came across, man, it’d be great. Because I think there’s something special coming from that kind of energy. But putting a band together when you’re 34 is very different from when you’re 18.

    Does it often happen to you that people are defining you for your most famous singles rather than talking about your whole albums?

    It’s part of the modern dilemma and change in the music business. Albums have become less and less of a factor- for everyone not just myself. There are a handful of very wonderful lucky artists out there that are selling a lot of albums, and there’s a lot of us selling singles and then our hardcore fans get to hear the albums. But then, that’s always been the case in modern music industry. The reason that we’re having an album of 12 songs is thatit’s all we can fit on a piece of Vinyl, that was six songs either side, being played at 33 ½ cycles per minute. As a musician you can’t be too stuck in the past, you’ve got to move with time, and I feel that my younger generation fans, the idea of them going home listening to whole albums that’s just not their generation. They stream, they’re going to stream stuff, they’re uploading it.  And I wanna be a part of that.

    Was there one specific breakthrough moment?

    The week I was supposed to go to uni, when I was 19, and the same week, I got my first offer for a publishing deal as a songwriter. I remember that moment, yeah, I’ve got an opportunity here. There just giving me a lot of money, believing in me. I never really lost sight of that. All musicians, all performers we’ve got our daily downs, even today „Can I do it?“ but underneath that in many of us, there’s a rocksolid steel, that we know, we can do anything else.

    I read that many performers with artist family background said that it was easier for them to try to become a musician and being supported by their family. How was it in your case?

    I think it‘s both. I was always encouraged being creative. And I always loved music but I never believed I could make a living as a musician. So I studied film and photography before uni. And sometimes it works against you. Sometimes people are thinking just because you’re from that family you’re getting an opportunity. Sometimes you’ve got to work a little bit harder to become that. Sometimes you’ve got to prove it to yourself, which I’ve done over many many years. The coolest thing about it was when I was going through difficult things I‘ve always had someone in my family that knew about the creative struggle, knew that you have these big ups and downs. So sometimes you’ve just got to keep on going.

    You were born in London, moved to St. Vincent and went back to England when you were 17. What made you do this and how did it influence you?

    First of all, the Caribbean is a beautiful place, the island were I grew up, St. Vincent, is gorgeous. But making a living as a musician there is very tough. So that was the main reason why I moved back. Also my love for London. It’s been a love-hate-relationship over the years, but mostly love. It’s a very diverse place, I’m very proud of London. It’s very liberal, it’s very open in its thinking. Of course, we’ve still got our problems with racism and prejudice but it’s way lower than in other big cities. That combined with the fact that there are always great songwriters there, great producers, great studios, London being located where it is in Europe, is great for getting around, so it was also my love for London.

    Your new single “Ultra Love” was released in May, will  there be an album released soon as well?

    These days I have no idea. I don’t really know what state it is in. A song is going on the radio, you have to make it available, then you have an impact relation. At the moment, we are rather focusing on the singles. “Ultra Love” is out, so go grab it. The video is coming out next week, which I am very happy about. Carly Cussen is kind of a super star director in the UK. The directed an amazing video for me. So I’m on a rooftop, playing, it’s fucking cool.

    What’s the main reason you’re making music? To make people feel good, making them dance?

    What I find addictive about the music business, what keeps me going back to the studio every day is not the money, definitely not fame. It’s the feeling you get when you make a lot of people identify and feel the same way about a song.  It’s the ultimate proof that we all have the same love within us. And being part of that as a songwriter that’s where I get the biggest kick. Because life is the expression of that.

    You’re on the road for quite a while, which is stressful. What makes up most for it?

    It’s the fans. It’s playing in front of the fans, you hear a lot of people say it, but it’s true.  If you see the face of someone who came to see you. That makes you forget all the other stressful aspects.  When you come on stage and think „What the fuck was I complaining about, I make a living out of flying around the world playing music to people.”

    You started making music at a young age. This year you turned 34, which is not old. Yet, does it have an impact on your life as an artist? Do you feel any change?

    Unfortunately not.  I still feel about 18 a lot of the time. Obviously, I’m a dad now, I’ve got two baby boys, so I have to manage the lifestyle a bit differently. But basically, I fell pretty much the same. Physically I feel good,  I still have the energy,  I love it more than ever, I still get nervous before  the shows, all those things. If anything I hope that my songwriting skills have become a bit better and I improved over time.

     

    Fotos: Paul Meyer