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    Von Gesine Münch

    Abenteuerspielplatz trifft auf Festival beim Folklorum

    Gelegen an der Neiße, mitten im Nirgendwo an der Grenze zwischen Polen und Deutschland, findet eines der abgefahrensten Festivals überhaupt statt.

    Weder hippe Berliner Singer-Songwriter noch Bassbeben produzierende DJs wird man hier zu hören bekommen. Wegen der Musik geht man jedenfalls nicht zum Folklorum-Festival auf der Kulturinsel Einsiedel. Die dreizehn Bühnen stehen in der tausendjährigen Tradition des „Volkes der Turiseden“. Auf dem Folklorum sollen ihre Feier-Bräuche in der „geheimen Welt von Turisede“, wie es im ziemlich sonderbaren Programmheft heißt, wieder aufgenommen werden.

    Ich komme gemeinsam mit Freunden aus Görlitz und Dresden zum Festival. Als wir am Zeltplatz ankommen, lässt der Herbst schon mit nasskaltem Regen grüßen. Autos fahren sich im Schlamm fest. Dämmerung und Dauerregen treiben uns beim Zeltaufbau an. Wir sind noch vom echten Sommer verwöhnt und die Motivation ist im Keller. Der Weg zum Festival-Gelände wird allerdings belohnt: Viele wunderbar lausitzerisch angehauchte Essenstände muntern schnell auf. Aber vorher tauschen wir unsere Euros erst mal bei der Turisedischen Zentralbank in Turiseden um, beispielsweise bekommt man gegen fünf Euro einen bronzenen Taler, der etwas sehr leckeres zum Essen wert sein kann.

    Die Kulturinsel Einsiedel ist im Prinzip ein riesengroßer, fantastischer Erlebnisspielplatz. Selbstgebaute Baumhäuser, dunkle und für Erwachsene eigentlich zu enge Tunnel, verschlungene Pfade oder auch eine mächtige Burg à la Villa Kunterbunt sind nur einige der vielen, in Holz verarbeiteten Ideen, in denen man sich insbesondere nachts feucht-fröhlich verirren kann. Und überall irgendwelche verrückten Schaukeln.

    Gute-Laune-Mucke unter leuchtenden Holzkonstruktionen

    Gute-Laune-Mucke unter leuchtenden Holzkonstruktionen

    Nicht nur die Festivalbesucher, sondern auch die Künstler sind ganz entspannte, gut gelaunte Leute. Bands wie Banda Internationale wärmen uns schön durch mit ziemlich lebendigen Shows, im Mittelpunkt des musikalischen Programms stehen dieses Jahr vor allem diverse Blasinstrumente.
    Kurz nach Mitternacht füllt sich das „Krönum“,  ein verwinkelter, aus luftigen Holz-Konstruktionen erbauter Allzweck-Bau. Dort legt der berühmt-berüchtigte DJ Locke aus Krauschwitz auf, am ersten Abend ausbaufähig, am zweiten werden die Erwartungen deutlich übertroffen. Kritikpunkt: Die Musik ist eindeutig zu leise.

    Folklorum ist auch, wenn man um acht Uhr morgens von nervtötendem Kindergeschrei geweckt wird. Das ist ein absoluter Missstand, aber auch unsere eigene Schuld – im Halbdunkel hatten wir unsere Zelte inmitten lauter Familien mit Kindern aufgeschlagen. Tatsächlich ist das Folklorum auch ein Festival für Kinder und ihre festival-affinen Eltern, zumindest tagsüber. „Fröhliche Festspiele“ auf einem Abenteuerspielplatz zu veranstalten heißt für die Veranstalter schließlich auch, die Gäste den gesamten Tag über zu bespaßen. Klassisch: der Yoga-Workshop. Absolut schräg: das „Torkelum“, bei dem man zu zweit auf Holzbalken die Neiße überquert und in der Mitte des Flusses einen Schnaps trinken muss.

    Eines meiner persönlichen Highlights ist das nächtliche Bad im ominösen Hexenkessel, zum Aufwärmen vom Herumspazieren oder auch zum Erholen vom Tanzen. Über Holzfeuern stehen riesige runde Wannen, gefüllt mit dampfend warmem Wasser und lachenden, wahlweise auch mal singenden Menschen.

    Tagsüber finden verschiedene Workshops statt

    Tagsüber finden verschiedene Workshops statt

    Auf dem Gelände gibt es immer etwas Neues zu entdecken und es ist vor allem die Schönheit der Atmosphäre, die zum Bleiben lockt. Oft lassen wir uns auf dem Gelände herumtreiben und wechseln von Bühne zu Bühne, meistens findet sich etwas dezent Magisches.

    Wer sich fragt, warum hier Leute mit großen bunten Filzhüten herumlaufen, die man noch nicht einmal geschenkt haben möchte, oder warum ein buntes Auto auf einem Baum geparkt ist, dem gibt vielleicht die Skulptur am Eingang des riesigen Geländes Aufschluss. Dort steht geschrieben „Wir sind froh, nicht normal zu sein“.

    Auf das Folklorum muss man sich einfach einlassen, dann wird es zu einem der besten Festivals, die man sich nur wünschen kann.