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  • Was lange währt, wird gut

    Von Sophie Roßberg

    Filmrezension: Final Portrait

    Der Maler und Skulpteur Alberto Giacometti ist ein Virtuose der Modernen Kunst. In der Pariser Künstlerszene ist er ein notorischer Herumtreiber. Eine schier unnahbare Welt eines großen Künstlers wird nun auf der Leinwand festgehalten. Das Drehbuch sowie die Regie übernahm Stanley Tucci, der zuvor insbesondere als Mime Erfolg hatte.

    Alberto Giacometti (Geoffrey Rush) lebt und liebt Paris. Hier wohnt er in einem schäbigen, nie von Gipsstaub und Farbe gereinigten Hof. James Lord (Armie Hammer), ein amerikanischer gutbürgerlicher Schriftsteller, spiegelt das Gegenteil in absoluter Perfektion wider. Der Freund Giacomettis ist stets adrett gekleidet und sauber, obwohl er im gesamten Film nur ein und denselben Anzug trägt. James Lord wird gebeten, Modell zu sitzen. Die Zeit drängt jedoch. Lord muss wieder nach Amerika.

    James Lord soll für Giacomettis Porträt Modell sitzen

    James Lord soll für Giacomettis Porträt Modell sitzen

    Tucci nutzt den Antagonismus zwischen dem koketten Amerikaner und dem immer umherwuselnden altmodischen Giacometti. Er schafft es dem Zuschauer den wahren Giacometti in all seinem Chaos und seinem Drang nach Perfektionismus zu offenbaren. Denn die Malpausen werden länger und Lords Geduldsfaden kürzer. Ständig sieht sich die Leinwand Beschimpfungen wie “Putain!” ausgesetzt. Der Zuschauer ist mittendrin. Er wird zum Voyageur. Es scheint fast so, als stände das Publikum neben dem Künstler und seinem Modell und fällt sein Urteil über beide Charaktere. Plötzlich wird alles wieder revidiert und Tucci erschafft eine neue Facette von Giacometti – eine zerbrechliche und tief in Theorien verstrickte Seite.

    Der Film feiert also die Boheme – eine Parallelwelt fernab bürgerlicher Normen. Das ist es, was den Film reizend macht. Wer die Filme über William Turner oder Auguste Rodin kennt, lernt nun noch eine schillernde Figur der Kunstwelt kennen. Die Sonne im Mittelpunkt dieses Kosmos ist Giacometti. Die Figur Giacomettis hätte alle Rollen des Films auch allein besetzen können. Man könnte meinen, Geoffrey Rush hätte schon im wahren Leben in cognito als Bohemien gelebt. Sein Witz ist die letzte Prise für diesen gelungenen Film. Giacometti verschlingt sein Essen in gerade mal 2 Minuten und dazu einen halben Liter Wein. Die Künstlerwelt ist so absurd und wuselig, dass das Publikum nur noch schmunzeln kann.

    Clémence Poésy mimt Caroline, Giacomettis Geliebte

    Clémence Poésy mimt Caroline, Giacomettis Geliebte

    Manchmal tut einem Lord leid, weil er von Giacomettis Launen völlig abhängig ist. Der Humor versteckt sich hinter den Überraschungen. Giacometti ist keine vorhersehbare Person. Jede Minute kann sich das Blatt noch wenden. Er ist ein Luftikus mit hohem IQ. Ein Clou des Regisseurs scheint es wohl auch, dass der Zuschauer das fertige Portrait nicht zu Gesicht bekommt. Und so lebt der Mythos von Giacometti weiter.

    Man sollte nicht denken, dass der Film nur für Kunstliebhaber ein Schmaus ist. Nein, es steckt viel Humor und Unterhaltung in Final Portrait. Wenn möglich, ist der Film im Originalvertonung zu genießen – da macht es nur noch mehr Freude.

    Final Portrait erscheint am 03. August 2017 in den deutschen Kinos.

     

    Fotos: PROKINO Filmverleih GmbH