• Perspektive
  • Kultur
  • Selbstfindung durch Impro-Theater

    Von Maren Petrich

    Ist das Potenzial oder kann das weg?

    … frage ich mich und denke an den Anfang und das frühzeitige Ende meiner Schauspielkarriere als im Glitzerkleid über die Bühne hüpfender Drache in der sechsten Klasse zurück. Jetzt, sieben Jahre später, stehe ich vor der Tür des Ladens auf Zeit in der Kohlgartenstraße 51. „Offenes Impro-Training“, Mittwochabend, 20 Uhr. Unschlüssig gehe ich vor dem Eckhaus auf und ab und schaue mir das Plakat im Fenster zum fünften Mal an, während immer mal wieder jemand zielstrebig in der Tür verschwindet. Was wollte ich hier nochmal? Mich mal wieder etwas trauen, erinnere ich mich. Vor anderen Leuten Theater spielen, auf die Suche nach ganz tief verstecktem oder vielleicht doch gar nicht vorhandenem Schauspiel-Potenzial gehen und mich nicht länger drücken.

    Einmal den Raum betreten, gibt es kein Zurück mehr. Nach kurzer Zeit merke ich jedoch, dass ich den Drang zur schnellen Flucht gar nicht mehr verspüre. Aufwärmübungen lassen meine anfängliche Anspannung verschwinden und wecken die Neugier auf die nächsten zwei Stunden. Wir bekommen unterschiedliche Aufgaben gestellt, sollen beispielsweise eine alltägliche Situation ohne zu reden auf die Bühne bringen. Ich strenge mich also an, meine Kreativität und Konzentration nicht durch den blendenden Scheinwerfer und die große Weite der kleinen Bühne zu verlieren. Gar nicht so einfach.

    Neue Übungen werden durch schauspieltheoretischen Hintergrund gestützt. So wird beispielsweise erklärt, welche einzelnen inneren Abläufe eine Figur für das Publikum sichtbar machen muss, damit ihre Handlung verständlich wird: Sie muss eine Situation aufnehmen, bewerten, sich entscheiden und schließlich handeln. Dadurch erschließt sich mir einer der vielen Aspekte, die einen guten Schauspieler ausmachen.

    Trotz der Tatsache, dass ich neben der ganzen Aufregung meinen Spaß am Spielen habe und dabei sogar noch etwas lerne, fühle ich mich eingeschüchtert: Die anderen Teilnehmer spielen auf viel höherem Niveau und mit größerer Professionalität, da kann ich nicht mithalten. Doch das lassen sie sich mir gegenüber nicht anmerken, ganz im Gegenteil freuen sie sich über den frischen Wind meinerseits und laden mich zu ihrem nächsten Stück ins Beyerhaus ein.

    IMG_20170729_230259Am Wochenende darauf. Der Innenhof des Beyerhauses wurde mit einer provisorischen Bühne bestückt, besonders die Glühbirnengirlande gefällt mir. Kurz vor Beginn sind Stimmübungen von hinter der Bühne zu vernehmen, der Regisseur fegt noch einmal schnell über die Bühne. Ich muss schmunzeln, die Unkompliziertheit dieser Truppe macht sie wirklich sympathisch. Gespielt wird dieses Mal Mirandolina, eine Komödie aus dem Jahr 1753 von Carlo Goldoni, in der die Wirtin Mirandolina mit zahlreichen Flirtversuchen unterschiedlichster Männer zu kämpfen hat. Weder durch Geld, Geschenke oder versprochenes Ansehen lässt sie sich überzeugen, sondern entscheidet sich am Ende für den mittellosesten ihrer Verehrer. Eine Geschichte des weiblichen Charmes, des Spiels mit dem männlichen Begehren und der Liebe.

    Was mich jedoch viel mehr fasziniert als der Inhalt des Stücks ist, dass ich die Leute, mit denen ich noch vor drei Tagen zusammen im Laden auf Zeit gespielt habe, nun auf der Bühne stehen sehe. Als wäre es das Natürlichste der Welt, geben sie Sätze in gehobenster Sprache von sich, lassen sich von Versprechern nicht beirren, sind höchst konzentriert, haben aber auch Spaß am Spiel. Plötzlich wird mir klar: Das sind professionelle Schauspieler, die mehr als nur einmal beim offenen Impro-Training waren.

    Meine Erkenntnis bestätigt sich nach dem Stück, als sich alle mit einem Belohnungsbier in der Hand zu mir setzen. Vom Einen erfahre ich, dass er Theaterwissenschaften studiert, von einer anderen, dass ihr Leben momentan nur aus Proben besteht, einige Weitere haben sogar eine abgeschlossene Schauspielausbildung. Langsam beginne ich zu verstehen, dass diese jungen Schauspieler sowohl einen anderen Ausgangspunkt als auch einen anderen Anspruch an das Theaterspielen haben als ich. Sie sind länger dabei, haben mehr Erfahrung und betrachten das Theaterpack vielleicht als Sprungbrett, um an einer Schauspielschule angenommen zu werden. Die Möglichkeit hier Theorie und Praxis zu vereinen, stellt für sie eine notwendige Weiterbildung dar. Sie brauchen das Training, die Ratschläge, das Lampenfieber und den Applaus, um entscheiden zu können, ob das der richtige Weg für sie ist. Ich hingegen will einfach nur ein bisschen Spaß haben.

    An diesem Abend habe ich mehr verstanden als dass die schüchternsten Männer die schönsten Frauen abbekommen. Ich weiß nun, dass man keine Berechtigung und keine Qualifikationen benötigt um etwas Neues auszuprobieren.

    Theaterspielen soll jeder, der Spaß daran findet. Sich dabei mit Fortgeschrittenen zu vergleichen ist irreführend, man verliert dabei aus den Augen, dass auch sie irgendwann mal ihren Fuß zum ersten Mal auf eine Bühne setzen mussten. Außerdem geht es genau darum, Fehler zu machen, um sein eigenes Spiel verbessern zu können.

    Deshalb stehe ich genau eine Woche später wieder vor dem Laden auf Zeit. Dieses Mal betrete ich ihn aber entschlossener. Einfach so weg mit dem Potenzial und vor allem mit dem Spaß? Auf gar keinen Fall!